Beilngries

"Lassen wir uns von der Vielfalt bereichern"

Foto-Ausstellung zeigt spannende Beilngrieser mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln

03.10.2021 | Stand 09.10.2021, 3:34 Uhr
Bilder, die in den Bann ziehen: Schon bei der Vernissage am Freitagabend hat sich gezeigt, wie gut die Foto-Ausstellung bei den Betrachtern ankommt. −Foto: Adam

Beilngries - Zustimmendes Lächeln, zufriedenes Nicken, bescheidenes Erröten, begeistertes Kichern oder aufgeregtes Gestikulieren: So unterschiedlich die Charaktere und Reaktion sind, sie alle zeigen - die "Hauptdarsteller" an diesem Abend sind stolz und glücklich. Jeder von ihnen hat den Saal betreten und sofort begonnen, gespannt die Kunstwerke zu betrachten. "Wo sind meine Fotografien? Welche Bilder wurden ausgewählt, gefalle ich mir? Was steht in dem Text, der mich neben den Bildern vorstellt? Und wer wurde noch fotografiert?"

Azar Pourzare, geboren im Iran, trifft so auf Familie Strobl aus Deutschland, Trudie und Johannes Straver, die aus den Niederlanden stammen, auf Familie Kamara aus Sierra Leone, Massoud Hussein, geboren in Syrien, auf Familie Marciniak aus Polen. Sie und viele weitere Beilngrieser, deren Geburtsort irgendwo in Europa oder der Welt liegt, die die Altmühlstadt nun aber zu ihrer Heimat gemacht haben, wurden für die Ausstellung "Die Welt in Beilngries" mit der Kamera von Fotograf Mevlüt Altuntas porträtiert. Zu sehen sind die Fotografien im Haus des Gastes noch bis 10. Oktober, täglich von 14 bis 19 Uhr. Das Projekt ist Teil der Interkulturellen Woche im Landkreis Eichstätt und wurde mit viel Herzblut und persönlichem Engagement von Ingrid Dütsch, eine der beiden Integrationsbeauftragten der Stadt Beilngries, vorbereitet. Ebenfalls beteiligt war ihre Kollegin Kirstin Probst.

Bürgermeister Helmut Schloderer (BL/FW) lobte die Ausstellung bei der Vernissage am Freitagabend als "gelungenen Ausschnitt, wie vielfältig Beilngries geworden ist" und wie gut das Zusammenspiel der Nationen glücklicherweise hier funktioniere. Mehr noch: "Wo wäre Beilngries, wenn hier nicht Migranten leben und sich einsetzen würden?" Das Seniorenheim beispielsweise wäre dann nicht zu betreiben.

Landrat Alexander Anetsberger (CSU), Schirmherr der Ausstellung, bezeichnete gelungene Integration als "Herzensangelegenheit" und als "umfassende Aufgabe, die in verschiedenen Facetten zu bewältigen ist". Als gebürtiger Niederbayer sei er ja selbst Migrant in Beilngries.

Wie wunderbar Miteinander funktionieren kann, erzählte dann Ingrid Dütsch, die in einer sehr persönlichen Rede das Projekt vorstellte. Über 80 Nationen leben mittlerweile in Beilngries. "Wir wollten einige dieser Menschen, die bei uns wohnen, vorstellen. Warum sie gerade hierher gekommen waren, ob sie sich wohl fühlen, was ihnen besonders gefällt. Und wie sie sich selbst einbringen, als Bereicherung für unsere Stadt", erklärte die Integrationsbeauftragte. Fotograf Mevlüt Altuntas porträtierte die Menschen vor der Kulisse ihrer jetzigen Heimat - immer ist genau zu erkennen, dass die Bilder nicht irgendwo, sondern eben genau in der Altmühlstadt aufgenommen wurden. Besonders mit Kindern habe es dabei symbolträchtige Erlebnisse gegeben, wenn binnen kürzester Zeit aus anfangs schüchternen Mädchen und Buben schnell Freunde wurden. "Gemeinsam durchs Leben laufen, einander Halt geben, sich gegenseitig stützen - und dabei noch Spaß haben. Kinder haben uns gezeigt, wie schön Leben, Zusammenleben sein kann", sagte Dütsch und wies auf einige Aufnahmen hin, die diese Szenen perfekt einfangen.

Neben den Bildern wird jeweils vom bisherigen Leben der Menschen erzählt. Sind sie geflohen aus Kriegsgebieten, haben sie Beilngries als besonders lebenswerten Ort bewusst ausgesucht, sind sie durch Freunde aufmerksam geworden? Für die Hilfe beim Verfassen der Texte, Flyer und Grafiken bedankte sich Dütsch vor allem bei ihrer im Hintergrund unterstützenden Tochter Anna, denn "ohne sie gäbe es vermutlich das ganze Projekt nicht". Und noch jemanden wollte Dütsch ausdrücklich hervorheben: Erzieher und Lehrer an Kindergärten, Schulen und Volkshochschulen, die sich gerade in Bezug auf das Erlernen der deutschen Sprache sehr einsetzen. "Für Neuankömmlinge ist am Anfang verstärkt Hilfeleistung notwendig. Aber Ihr zusätzlicher Einsatz lohnt sich mit Sicherheit und bereitet diesen jungen Menschen einen guten Start in die Zukunft", sagte Dütsch - stellvertretend für alle hier Engagierten - zu den Schulleiterinnen Sabine Nolte-Hartmann (Gymnasium) und Elisabeth Stockmann (Mittelschule), die zur Ausstellungs-Eröffnung gekommen waren. Der spontane Applaus bewies, dass Dütsch mit dieser Ankennung vielen aus dem Herzen sprach.

Wie gut "Zusammen" nicht nur in Worten, sondern auch bei der Musik funktioniert, bewiesen Horst Schröder am Keyboard und Paul Arebamen mit Trommeln, die die musikalische Umrahmung der Vernissage gemeinsam gestalteten. Auch beim Essen wurde es multikulturell: Die internationalen Küchenhelfer im Hotel Fuchsbräu hatten mit Hilfe ihres Küchenchefs Silvester Meyer ein Büfett mit Köstlichkeiten wie syrischen Falafel, afghanischem Kichererbsensalat, italienischem Nudelsalat und Placin aus Sierra Leone - aber auch bayerischem Kartoffelsalat - zubereitet. "Die Welt hat sich verändert, auch in Beilngries. Lassen wir uns von dieser neugewonnenen Vielfalt bereichern", appellierte Dütsch zum Ende der Vernissage, bei der es dann ganz im Sinne der Ausstellung noch zu gemütlichem Beisammensein und vielen Gesprächen kam.

DK

EMPATHISCHER FOTO-KÜNSTLER

Üblicherweise steht der Künstler im Mittelpunkt einer Ausstellung, bei dieser besonderen Vernissage geriet er fast etwas in den Hintergrund: Die allermeisten Fotografien der Ausstellung wurden von Mevlüt Altuntas aufgenommen. Im Alter von fünf Jahren kam er selbst als Migrant nach Beilngries, ohne Deutschkenntnisse. Heute bezeichnet er sich als "bayerischen Türken", der Beilngries liebt, seine Geburtsheimat aber nie vergessen habe. Das wertschätzen, was man hat, offen sein für Neues, das ist seine Einstellung - und so geht er auf Menschen zu, die er leidenschaftlich gerne fotografiert. Der 47-jährige Familienvater ist gelernter Energie-Anlagen-Elektroniker und arbeitet in Ingolstadt. Seinem "Hobby" Fotografie widmet er viel Zeit und Liebe, genauso wie dem Gespräch mit Menschen - egal, welcher Nation.

So war er die perfekte Besetzung für Fotografien für die Ausstellung. "Mev hat das Konzept mit seiner Streetfotografie sehr stimmig umgesetzt und die Schönheit der Personen mit der Schönheit unserer Stadt vereint", hob Ingrid Dütsch hervor und betonte, wie viel sie selbst in der Zeit von dem empathischen Künstler gelernt habe.

arg

Regine Adam