Ingolstadt

Im Teufelskreis der Sucht

Fulminante Spielzeiteröffnung des Stadttheaters Ingolstadt: Standing Ovations für "The Black Rider"

29.09.2019 | Stand 02.12.2020, 12:57 Uhr
Die letzte Kugel lenkt der Teufel: Wilhelm (Philip Lemke, rechts) ist entsetzt über Käthchens (Theresa Weihmayr, links) Tod. −Foto: Baltzer

Ingolstadt (DK) Wie machen die das nur mit diesen Kugeln?

Diese leuchtenden Geschosse, die der Teufel aus seiner Tasche holt, die mal hier, mal da aufblitzen und mit denen Wilhelm seine Silberbüchse lädt, um wild im Wald herumzuballern. Klar, es sind magische Kugeln. Und hier ist ein Zauberkünstler am Werk. Einer, der die Illusionsmaschinerie teuflisch gut beherrscht. Ein Verführer, der mit weiß behandschuhten Händen die Strippen zieht. Manche - wie Wilhelm und Käthchen - ins Verderben schickt. Und dabei allen den Kopf verdreht. Das Publikum eingeschlossen.

Mit Brian Bells grandioser Inszenierung des Musicals "The Black Rider. The Casting of the Magic Bullets" aus der Feder des US-amerikanischen Regisseurs Robert Wilson, des exzentrischen Musikers Tom Waits und der Beat-Generation-Legende William S. Burroughs hat am Samstagabend die Spielzeit des Ingolstädter Stadttheaters begonnen. Mit einem phänomenalen Péter Polgár in der Titelrolle, einem ebensolchen Ensemble und Standing Ovations nach knapp zwei - pausenlosen - Stunden.

Eigentlich hätte ja Claus Peymann, lange Jahre Burgtheater- und zuletzt BE-Chef, die Saison eröffnen sollen - mit Fleißers "Fegefeuer in Ingolstadt". Ein Coup! Doch wegen seiner Erkrankung hatte man sich kurzfristig für das düstere Rockmusical des genialen Dreigestirns Wilson/Waits/Burroughs entschieden, das die schwarzromantische "Freischütz"-Sage aus dem Gespensterbuch von Johann August Apel in einem eigenwillig rumpelnden Mix aus Varieté, Schauermärchen und Vaudeville erzählt. 1990 erlebte das Stück seine Uraufführung, längst ist es Kult. Auch die jüngste Inszenierung in Ingolstadt - "The Black Rider" gab's in der Saison 1998/99 schon mal - hat das Zeug zum Publikumsrenner. Weil man die Musik gar nicht mehr aus den Ohren kriegt. Weil die Bilder atemberaubend sind. Weil die Band so schräg, süß, dramatisch, verwegen tönt. Weil die Schauspieler alle göttlich spielen und singen wie die Teufel. Aber der Reihe nach.

Darum geht's: Der Schreiber Wilhelm liebt Käthchen, die Tochter des Försters. Doch der will nur einen Jäger als Schwiegersohn akzeptieren. In seiner Verzweiflung geht Wilhelm einen Pakt mit dem mysteriösen Stelzfuß ein, der ihm absolut treffsichere Kugeln verschafft. Wie ein Junkie fordert Wilhelm mehr und mehr. Er schießt und trifft. Steigt in der Gunst des Försters. Wähnt sich am Ziel seiner Wünsche. Nur noch den Probeschuss bestehen - dann ist Käthchen seine Frau. Doch die letzte Kugel lenkt der Teufel selbst. Mit dieser letzten Kugel trifft Wilhelm seine Braut.

"Tod und Entsetzen und Wahnsinn da draußen": Regisseur Brian Bell lässt die Geschichte im Wald spielen. Denn der Wald steht zugleich für eine Sehnsuchtslandschaft wie für die finstere, bedrohliche Natur. Er ist bevölkert von Fabelwesen, Dämonen und wilden Tieren. Er lässt uns frei atmen - und macht uns Angst. Brian Bells Wald verkörpert das Unterbewusste, all das Verdrängte, das dort im Verborgenen weiter arbeitet. Daniel Unger hat einen abstrakten Wald ins Große Haus gebaut. Mal ist er grün und licht und leer. Mal voller Schatten und Bäume, die hier in dichten Folienstreifen vom Schnürboden herabhängen. Er hat verschiedene Horizonte, Furchen und Verstecke. Und illustre Wesen stromern darin herum. Wundersam zart Gehörntes hat die Maske da erschaffen. Immer wieder wird auch der rote Vorhang bedeutungsvoll in Szene gesetzt. Ist er doch in der Traumdeutung nicht nur Sinnbild für das Geheimnis, sondern kann auch für Täuschung stehen. Dahinter: eine dunkle Wand, die an Fachwerk erinnert. Hier ist die Försterei. Eine mit Tradition. Eine mit Clou. Denn einer der Rahmen verwandelt sich in ein lebendes Bild, in dem Richard Putzinger als Urahn Kuno einen aberwitzigen Auftritt hat.

Überhaupt webt Kostümbildnerin Andrea Fisser Skurril-Märchenhaftes aus Forest-Wear, Barock- und Biedermeierzitaten. Der Teufel trägt rote Lippen zum eleganten weißen Dreiteiler - samt weißem Zylinder über den silberkleinen Hörnern. Und die Seinen, die durch den Wald des Unterbewusstseins irrlichtern, tun es ihm gleich. Die Försterfamilie mag es naturverbunden grün-braun-grau. Und dann gibt es da noch Sascha Römisch und Ulrich Kielhorn, die als abgehalfterte Clown-Conferenciers mit zu viel Schminke und zu wenig Haaren maliziös durch den Abend führen, eine Kuriositätenshow anpreisen, warnen, kommentieren, das Spiel vorantreiben, es ad absurdum führen.

Natürlich steht im Zentrum die Musik von Tom Waits, die rockt, knarzt, kracht und rumpelt, zarte Balladen und große Shownummern mischt. Fabelhaftes zaubert Matthias Flake mit seiner Combo da aus dem Orchestergraben. Und das Ingolstädter Ensemble - man kann nicht müde werden, das zu betonen - singt dazu berückend schön, wild, herzzerreißend: "November" von Enrico Spohn, "Just the Right Bullets" von Péter Polgár, "The Briar and the Rose" als Duett der Neuzugänge Theresa Weihmayr und Philip Lemke, die übrigens beide einen vielversprechenden Einstand geben.

Alle sind zu loben: Hoch konzentriert, energiegeladen, präzise agieren sie zwischen großer Dramatik, überbordender Komik, raffiniertem Gaukelspiel und vor allem mit poetischer Leichtigkeit in diesem englisch-deutsch verdichteten Kauderwelsch. Neben den bereits erwähnten Schauspielern sind das Victoria Voss und Peter Reisser (als Käthchens Eltern) sowie Andrea Frohn und Enrico Spohn, der gleich drei Rollen spielt - und das so unterschiedlich, dass man ihn erst auf den zweiten Blick erkennt.

Brian Bell bereitet ihnen eine große Bühne und Choreografin Katja Wachter fordert eine hohe Körperlichkeit: vom Aufmarsch der Marionettenmenschen bis zum nächtlichen Hexensabbat ("Oily Night").

Was für ein Saisonauftakt! Weil der Jubel gar nicht enden will, gibt es als Zugabe den titelgebenden Song "The Black Rider" noch einmal. Wie versprochen: We had a gay old time!

 

William S. Burroughs und der tödliche Schuss

Ausgerechnet eine Gespenstergeschichte, in der ein junger Mann einen Pakt mit dem Teufel eingeht und schließlich mit den magischen Kugeln seine Braut erschießt, bildet die Basis für das düstere Musical „The Black Rider“. Auch der Schriftsteller William S. Burroughs hatte einst seine Frau erschossen. Burroughs war ein Waffennarr, der immer eine 38er bei sich trug. Eine Vorliebe, die ihm am 6. September 1951 zum Verhängnis wurde, als er mit seiner Frau Joan im Drogenrausch die Wilhelm-Tell-Szene nachspielen wollte.  Denn Burroughs traf nicht das Whiskey-Glas, sondern Joans Kopf. Sie starb wenig später im Krankenhaus. Burroughs wurde nach zwei Wochen aus dem Gefängnis entlassen. Seine Familie – schwerreicher Südstaaten-Adel –  hatte dem mexikanischen Anwalt  20 000 Dollar gezahlt. Im Polizeibericht war von einem Unfall die Rede. Er wurde nie angeklagt. Vor diesem Hintergrund ist die Botschaft im „Black Rider“ eine sehr pädagogische, denn der Pakt mit dem Teufel ist eine unmissverständliche Metapher für den Pakt mit der Droge. Burroughs selbst starb im Alter von  83 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Es heißt, dass er mit seinem Lieblingsrevolver, einer geladenen 38er, einem Joint und einer kleinen Tüte Heroin in der Tasche begraben wurde.



ZUM STÜCK
Theater:
Stadttheater Ingolstadt
Regie:
Brian Bell
Bühne:
Daniel Unger
Kostüme:
Andrea Fisser
Choreografie:
Katja Wachter
Musikalische Leitung:
Matthias Flake
Vorstellungen:
bis 31. Dezember
Kartentelefon:
(0841) 30547200

 

Anja Witzke