Ingolstadt

Grabräuber mit großer Ortskenntnis

20.05.2010 | Stand 03.12.2020, 4:00 Uhr

Geplündert: Mehr als 100 Gräber haben die Archäologen nördlich von Etting entdeckt. Die meisten wurden bereits wenige Jahre nach der Bestattung der Toten gezielt ausgeraubt.

Ingolstadt (DK) Auf der Trasse der Nordumgehung bei Etting haben die Archäologen mehr als 100 Gräber aus dem Frühmittelalter und zahlreiche Beigaben entdeckt. Einige der außergewöhnlichen Funde werden wohl im Ingolstädter Stadtmuseum ausgestellt.

Die Ur-Ettinger waren wohl ein sehr interessantes und vielschichtiges Völkchen: Einerseits verhielten sich die Menschen im 6. und 7. Jahrhundert nach Christus sehr sozial, andererseits plünderten sie die Gräber ihrer Vorfahren. Von den 100 Begräbnisstätten aus der Zeit von 550 bis 650, die Grabungsleiter Mauritz Thannabaur und sein Team seit März nördlich von Etting ausgegraben und dokumentiert haben, waren die meisten gestört. "Die Grabräuber wussten genau, wer wo liegt." Der erfahrene Archäologe ist sich sicher, dass hier ortskundige Diebe am Werk waren.

 
Offensichtlich wurden nur wenige Jahrzehnte nach der Schließung des frühmittelalterlichen Friedhofs ganz gezielt Schächte ausgehoben, um an die wertvollen Gürtelschnallen von verstorbenen Männern und deren Schwerter zu gelangen. Bei Frauen wiederum ging es den Plünderern um den Halsschmuck. Die waffenlosen Gräber von Kindern jedoch, die auf der Trasse der geplanten Nordumgehung Gaimersheim gefunden wurden, sind zumeist unberührt. Die Plünderungen erschweren den Archäologen jetzt immens die Arbeit, da die Skelette und Knochen aufwendig gesichert werden müssen. Zudem verzögerte der Regen die Grabungen, die dennoch in der kommenden Woche beendet werden.

Die Ausbeute der Archäologen ist trotz der Behinderungen beachtlich: Neben sehr gut erhaltenen und reich verzierten Keramikgefäßen fanden die Wissenschaftler auch viele Perlen, Schnallen, Lanzenspitzen und mehrere einschneidige Kurzschwerter. Bei einem außergewöhnlichen, zweischneidigen Langschwert waren die frühmittelalterlichen Plünderer indes schneller: Nur noch die Verzierungen der Waffenscheide sind bis heute erhalten. Doch nicht nur die Beigaben erzählen eine spannende Geschichte: In einem Grab wurden die sterblichen Überreste einer 50 bis 60 Jahre alten Frau entdeckt, die an Mikrozephalie litt. Trotz dieser Entwicklungsbesonderheit wurde die Frau mit dem relativ kleinen Kopf nicht von dem Bestattungsplatz ausgeschlossen und erreichte auch ein hohes Alter. Auch die bei ihr gefundenen Relikte von Schmuck und Gebrauchswerkzeugen deuten auf einen sehr liebevollen Umgang mit der Toten hin.

Für Wissenschaftler wie Erich Claßen, Ingolstädter Dienststellenleiter beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, und den Stadtarchäologen Gerd Riedel ist das Gräberfeld ein Glücksfall. "Bislang haben wir im Stadtgebiet nicht so alte Gräber gefunden", erläutert Riedel, der damit nun ein Stück in der Historienlücke schließen kann. Ob die Siedlung, die wohl in der Nähe des Bestattungsplatzes gelegen ist, das Ur-Etting sein könnte, bleibt allerdings Spekulation. Klar ist, dass sich in dem Grenzgebiet nördlich von Ingolstadt fränkische und viele andere Einflüsse vermischten, was am Stil der gefundenen Grabbeigaben zu sehen ist. Nach der kommenden Restaurierung der Fundstücke werden wahrscheinlich einige außergewöhnliche Relikte im Ingolstädter Stadtmuseum ausgestellt.