Ingolstadt

"Europa ist ein geiler Laden"

Bayerns FDP-Chef Daniel Föst über die Europawahl und das Frauenproblem seiner Partei

02.05.2019 | Stand 02.12.2020, 14:04 Uhr
Daniel Föst ist seit November 2017 Landesvorsitzender der FDP in Bayern. −Foto: Belzer

Herr Föst, die FDP hat kürzlich Zielvereinbarungen für mehr Frauen in Ämtern und Mandaten vereinbart, auch Sie haben diesen Kompromiss unterstützt.

Aber reicht das?

Daniel Föst: Das wird sich zeigen. Wir brauchen mehr Frauen in der Politik, die mitreden, mitdiskutieren und ihren Blick einbringen. Was wir beschlossen haben, ist ein Maßnahmenpaket. Die Zielvereinbarung ist ein Aspekt, es geht aber auch um die Vereinbarkeit von Familie und Politik. Da digitalisieren wir zuerst mal unsere Abläufe. Mich als Familienvater nervt es auch, für eine Sitzung zwei Stunden durch Bayern fahren zu müssen. Fakt ist: Wir als FDP müssen dringender weiblicher werden. Wir sind da durchaus sehr selbstkritisch.

Sogar in der Wirtschaft gibt es schon Quoten. Wieso tut sich die FDP so schwer?

Föst: Wir glauben nicht daran, dass man alles starr regeln muss und auch nicht daran, dass Frauen mit dem Stempel "Quotenfrau" geholfen ist. Wir glauben, dass sich die besten durchsetzen, wenn jeder die gleichen Chancen hat. Gegen starre Männerzirkel brauchen wir ein Gegengewicht: Frauenförderung, Mentor-Programme und die Zielvereinbarungen. Ohne Stigmatisierung durch Quoten, sondern faire Chancen für alle. Dafür müssen wir den Frauen Steine aus dem Weg räumen.

Das Thema lässt sich auch auf Bayern runterbrechen. In der Landtagsfraktion ist unter elf Abgeordneten eine Frau.

Föst: Ich gehöre zu dem Teil der FDP, der mit sich selbst schonungslos ins Gericht geht. Wir haben etwa 20 Prozent weibliche Mitglieder in Bayern, das ist viel zu wenig. Und was die Landtagsfraktion angeht, kann ich Ihnen versichern, dass es uns nicht mehr passieren wird, dass wir nur eine einzige Abgeordnete haben.

Im Landtag hört man nicht viel von der FDP. Wie wollen Sie sich als Fraktion positionieren?

Föst: Es hat etwas gedauert, bis wir mit dem Aufbau einer komplett neuen Fraktion fertig waren. Aber ich sehe viel Platz für die FDP, weil die Staatsregierung keine Vision der Zukunft hat. Wir Freie Demokraten haben keine Angst vor Herausforderung und sind sicher, dass man mit Innovation und neuer Technik viele Probleme lösen kann. Und im Gegensatz zur restlichen Opposition sind wir die einzigen, die nicht der Meinung sind, dass der Staat alles besser kann. Uns ist zum Beispiel ganz wichtig, den ländlichen Raum nicht weiter ausbluten zu lassen. Da geht es um medizinische Versorgung, Bildung, Infrastruktur, Nahverkehr. Da driftet Bayern in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft ab.

In rund drei Wochen wird das Europaparlament gewählt.

Föst: Europa ist ein geiler Laden.

Aber mit Nadja Hirsch verliert die Bayern-FDP ihre prominenteste Abgeordnete. Auf dem Europaparteitag wurde sie auf Platz 29 durchgereicht und zog dann ihre Kandidatur zurück.

Föst: Natürlich hätten wir uns als Bayern-FDP mehr Einfluss in Europa gewünscht, aber im Grunde ist nur relevant, wie viele Menschen wir von Europa überzeugen können und wie wir als FDP im Ganzen stark abschneiden, damit wir ein besseres Europa gestalten können.

Sie wollen Europa besser machen. Wie?

Föst: Wir brauchen dringend ein Projekt, bei dem jeder Bürger sieht, was er von Europa hat. In der Bildung muss es viel mehr Austausch geben, nicht nur über die Universitäten. Wir wollen, dass über diesen Weg Europa stärker zusammenwächst. Persönlich würde ich mich über einen einheitlichen Europa-Pass freuen. Das wäre ein Signal: Ich bin Europäer. Aber grundsätzlich sollte sich die EU auf die großen Themen konzentrieren: eine europäische Staatsanwaltschaft, Sicherung der Außengrenzen, Innovationskraft des Kontinents. Und sich nicht im Kleinen verlieren.

DK



Interview: Verena Belzer.