Eichstätt

"Es gibt kein schlechtes Wetter"

Eichstätter Waldkindergarten hat sich längst etabliert – Exotische Elterninitiative wurde zur geachteten Einrichtung

13.05.2015 | Stand 02.12.2020, 21:18 Uhr

Natur pur erleben die Kinder im Waldkindergarten. - Foto: Elke Hirtreiter

Eichstätt (EK) Ein etwas schräges Jubiläum feiert der Eichstätter Waldkindergarten am kommenden Sonntag: Die Einrichtung besteht seit elf Jahren. Die „Pionierkinder“ der aufregenden Anfangszeit verlassen in den nächsten Jahren ihre Schulen.

Was vor über einem Jahrzehnt aus einer von vielen Eichstättern als äußerst exotisch und sehr alternativ beäugten Elterninitiative entstanden ist – „Die armen Kinder müssen immer draußen sein“ – hat sich in all den Jahren etabliert und „normalisiert“. Es ist nun nichts Besonderes mehr, wenn ein Kind, nach seinem Kindergarten gefragt, Auskunft gibt: „Ich gehe in den Wald.“ Und das ist genau das, was sich Spielraum-Vorsitzender Christoph Schmidt wünscht: „Der Wald soll ein ganz normaler Kindergarten sein“. So unspektakulär und bodenständig, aber auch so beliebt, dass es seit diesem Jahr gleich zwei Gruppen gibt: Im Rosental und im Tiefen Tal treffen sich jeden Wochentag je um die 20 Kinder.

Um kurz nach acht Uhr wuselt eine Kindergruppe das Rosental hinauf. Der „Platz“, wie die Kinder ihre Basis nennen, befindet sich auf dem ehemaligen Fußballplatz der Salesianer – eine idyllische Lichtung mitten im Wald. Dort wartet das Erzieherteam um die beiden Kindergartenleiter Elke Hirtreiter (Rosental) und Markus Tyroller (Tiefes Tal) schon auf die kleine Gruppe; einige Kinder sind ja schon bereits seit 7.20 Uhr da – dies ist der früheste „Bringtermin“.

Der mit vielen Naturbasteleien geschmückte anheimelnde Platz beherbergt das im Winter mit offenem Feuer beheizbare Indiandertipi, den Regenunterstand mit dem großen Sandkasten, eine weitere Feuerstelle und die Mal-, Bastel- und Rückzugshütte. Ein Bauwagen dient als Büro und das kleinste Häuschen ist für die menschlichen Bedürfnisse.

Zahlreiche Bücher stehen zum Schmökern bereit, ein Bollerwagen ist für den Transport schwerer Äste und Steine vorhanden und wird auch rege als Mitfahrgelegenheit genutzt. Mehr Spielzeug gibt es nicht – abgesehen von einem Fußball und Werkzeug zum Schnitzen und Bauen. Der Wald, so erklärt Elke Hirtreiter, regt die Fantasie und die Kreativität der Kinder an.

Wenn alle 20 Kinder zwischen zweieinhalb und sechs Jahren bis um 8.30 Uhr da sind, rufen die drei Rosental-Betreuerinnen zum Aufbruch: Es geht in den Wald. Der Weg ist das Ziel. Ein Eichhörnchen springt von Baum zu Baum, eine Maus huscht über den Waldboden, unter einer Linde wimmelt es von Feuerwanzen. Plätze, die die Gruppe als Ziel der Wanderung ansteuern kann, gibt es viele: Die „Feenschaukel“, wie die Waldkinder den gemeinhin als „Vogelherd“ bekannten Hang nennen, ist zu jeder Jahreszeit ein beliebter und sonniger Platz zum „Brotzeiteln“ und Spielen. Im Winter ist es der ideale Berg zum Schlittenfahren.

Der „Baumplatz“ am Waldrand fordert die Kinder zum Klettern heraus. An einer mächtigen Buche mit zwei Stämmen versuchen sich alle Kinder immer wieder und – je größer sie werden – mit stetig wachsendem Erfolg. Ein kleiner Tümpel mitten im Wald ist ein Rückzugsort für Molche. Weitere Wanderungen führen die Kinder bis zum Flugplatz an der Waschette, zur Frauenbergkapelle oder gar bis zu einem Steinbruch mitten im Wald.

Einmal in der Woche ist Kochtag im Tipi – und ein spezieller Vorschultag, an dem sich die künftigen Erstklässler beider Standorte im Salesianum treffen. Ein ganz normales Kindergartenprogramm.

Der Wechsel der Jahreszeiten ist für alle Waldkinder und ihre Betreuer ein Faszinosum. Es gibt kein schlechtes und kaltes Wetter – nur schlechte und nicht angepasste Kleidung. Hirtreiter: „Gute und wetterangepasste Ausrüstung ist Pflicht. Ein frierendes Kind kann einen frostig-schönen Wintertag nicht genießen.“

Der Vormittag verfliegt mit Spielen, Schnitzen, Staunen, Sprechen, Singen, Springen. Ein letztes Lied, bevor sich die Wege trennen. Ein paar Kinder bauen noch weiter an ihrem „Waldschiff“. Sie werden erst zur zweiten Abholzeit um 13.40 Uhr den Wald verlassen.

Die Erlebnisse, die ein Waldkind hat, sind manchmal schon speziell und vermutlich nur einem solchen Kindergarten vorbehalten: „Weißt du, Mama, heute Nacht war ein Marder bei uns am Platz.“ „Woher weißt du denn das“ „Wir haben im Buch die Haufen angeschaut und bestimmt, wer da auf unseren Platz gesch… hat.“