Eichstätt
Engagement braucht Raum

Verein "Bahnhof lebt!" wird im Herbst Konzept vorstellen - 200 Bürger beteiligten sich an Umfrage

16.08.2019 | Stand 23.09.2023, 8:13 Uhr |
Raum für Begegnung und Kultur schaffen oder den bislang unbenutzten Bahnhofsvorplatz beleben - vielleicht durch eine Gastronomie im Erdgeschoss: Das Bahnhofsgebäude könnte vieles bieten. −Foto: Straßer

Eichstätt (EK) Von wegen die Luft ist raus, es wird konkreter - aber alles braucht seine Zeit: Eigentlich hatte der Verein "Bahnhof lebt!" im Juli dem Stadtrat ein Konzept für die zukünftige Nutzung des städtischen Bahnhofsgebäudes vorlegen wollen.

"In Absprache mit der Stadtverwaltung, der wir an dieser Stelle ein großes Lob aussprechen wollen, haben wir beschlossen, diesen Termin zu verschieben", erklären im Gespräch mit unserer Zeitung Tom Muhr, Jennifer Kammler und Jochen Grammer. Der Grund: Der Verein möchte ein möglichst ausgereiftes und bereits von der Verwaltung geprüftes Konzept vorlegen können.

Die Weichen dafür sind nun gestellt, wie die Vereinsvorsitzende Jennifer Kammler erläutert: "Wir haben jetzt unsere Evaluationsergebnisse, die erhobenen Daten sind ausgewertet". Rund 200 Bürgerinnen und Bürger jeden Alters seien in den vergangenen Monaten der Einladung des Vereins gefolgt, die Frage "Welche Nutzung stelle ich mir für den Bahnhof vor? " zu beantworten, Ideen und Bedürfnisse zu formulieren. "Auch am Altstadtfest war die Reaktion der Leute sehr positiv, alleine von den dort verteilten Flyern hatten wir 90 Rückmeldungen mit Ideen für den Bahnhof", berichtet Jochen Grammer. Unter den rund 200 Bürgerinnen und Bürgern, die Vorschläge eingebracht haben, waren laut Jennifer Kammler Eichstätter "aller Alters-, Bevölkerungs- und Einkommensschichten. Eine sehr heterogen zusammengesetzte Gruppe, so dass wir, denke ich, ein gutes Bild davon aufzeigen können, was die Eichstätter für den Bahnhof wollen. " Tom Muhr ergänzt: "Was uns sehr freut: Was der Eichstätter Bürger oder die Eichstätter Bürgerin will, ist sehr ähnlich zu dem, was wir wollen. " Nämlich eine Gastronomie mit Außenbestuhlung, Ausstellungs- und Kulturräume, aber auch "echtes" Bahnhofsleben mit Schalter und Zeitungskiosk - keine Apotheke, keinen Bäcker, keinen Optiker.

Herauskristallisiert habe sich, sagt Tom Muhr, immer wieder vor allem ein Bedürfnis - gebraucht werden Räume. "Das hören wir von Jugendgruppen, aber auch von den Maltesern, vom Roten Kreuz, von Bürgerinnen und Bürgern: Wir brauchen Räume. Temporäre Räume, die nicht jemand fix hat, sondern die man vielleicht nur einmal die Woche nutzt. " Interessensbekundungen an solchen "temporären Räumen", betont Jennifer Kammler, kommen auch von Seniorengruppen oder vom Mutter-Kind-Haus.

Eins ist den Vereinsvorstandsmitgliedern ganz wichtig, nämlich klarzustellen, dass der Bahnhof weder ein zweites Jugendzentrum noch eine Konkurrenz zum Alten Stadttheater werden soll. "Der Bahnhof ist sehr kleinteilig. Wenn alles so funktioniert, wie wir uns das vorstellen, dann reden wir davon, dass man da für drei Euro in der Stunde einen Raum mieten kann, für drei Stunden, und da stehen dann ein Tisch und Stühle. " Denn: "Was es halt in der Stadt nicht gibt, das sind tatsächlich diese kleinteiligen Räume. Für Gruppen, die sich regelmäßig treffen, aber auch für Gruppen, die es nur für kurze Zeit gibt, weil sie vielleicht projektbezogen arbeiten, weil sie sich gerade für einen Spielplatz engagieren und einfach einen Raum brauchen, ohne gleich eine längerfristige Verpflichtung einzugehen. Unser Beispiel ist immer das Bürgerzentrum Diagonal in Ingolstadt - die haben inzwischen 90 Gruppen im Haus, aber natürlich keine 90 Räume", erläutert Tom Muhr.

Mit diesen und weiteren Ergebnissen der Evaluation geschehen nun zwei Dinge: Zum einen, so Kammler, erarbeiten ab September 15 Studenten der Schulen für Holz und Gestaltung des Bezirks Oberbayern in Garmisch-Partenkirchen fünf Varianten, wie die Ideen der Bürger baulich umgesetzt werden könnten. Die Präsentation ihrer Arbeiten findet im Dezember statt. Zum anderen sind die Ergebnisse der Bürgerbefragung in das Konzept des Vereins eingeflossen, das im September oder Oktober dem Eichstätter Stadtrat vorgestellt werden soll. "Da geht es dann nicht darum, wie jetzt genau etwa das Erdgeschoss aussehen soll, sondern da geht es darum, was wir uns in welcher Etage vorstellen und wie man das Ganze finanzieren könnte, welche Fördermittel sind dafür möglich und so weiter", erklärt Jennifer Kammler.

Gerade die Frage der Finanzierung dürfte den Eichstätter Stadtrat erfahrungsgemäß besonders interessieren. Tom Muhr bestätigt: "Klar, wenn wir jetzt in den Stadtrat gehen und sagen, wir brauchen eine halbe Million Euro pro Jahr, dann wird das in zwanzig Jahren noch nichts mit dem Bahnhof. Wir werden dem Stadtrat etwas präsentieren, das im Unterhalt kostenneutral ist. Nicht im Bau, aber im Unterhalt. Das ist das wirklich Innovative an dem Projekt. Das heißt auch, dass wir nicht den ganzen Bahnhof für das bürgerschaftliche Engagement nutzen wollen, sondern den ersten Stock. Der zweite Stock und das Erdgeschoss müssen Rendite erwirtschaften, um den ersten Stock betreiben zu können, das ist die Idee, die dahintersteckt. " Das könne einerseits durch eine Gastronomie im Erdgeschoss geschehen - "der Bahnhofsvorplatz schreit ja nach einer Bewirtung" - und andererseits durch Vermietungen im zweiten Stock, zum Beispiel für Büroflächen oder Unternehmen. Gemeinsam mit Fachleuten aus der Eichstätter Stadtverwaltung, der das Konzept bereits vorliegt, informiert sich der Verein derzeit zudem über Zuschussmöglichkeiten, etwa über die Städteförderung.

Außerdem habe sich der Verein dazu entschlossen, eine Genossenschaft zu gründen. "Das ist das demokratischste Konzept, das es gibt. Jeder Genosse oder jede Genossin hat eine Stimme, egal, wie viel Kapital er oder sie eingebracht hat. " Dieser Idee schlage womöglich viel Skepsis entgegen, aber der Verein habe sich von verschiedenen Stellen beraten lassen und kenne auch einige gut funktionierende Beispiele aus anderen Städten. Und: Auch die Stadt könne natürlich Genossenschaftsanteile kaufen - oder einen Sitz im Aufsichtsrat bekommen.

Katrin Straßer