München

Eine Frage der Ethik

Zwei Münchnerinnen vertreiben veganes Hundefutter - Kritik von Expertin

14.12.2018 | Stand 02.12.2020, 15:01 Uhr
Patrik Stäbler

München (DK) Stetig steigende Verkaufszahlen, ein Jahresumsatz von fast einer Million Euro und jetzt der Auftritt bei "Höhle der Löwen": Die Firma Vegdog aus München blickt auf eine Erfolgsstory zurück. Und doch scheiden sich an ihrem veganen Hundefutter die Geister.

Die Idee ist Tessa Zaune-Figlar in der Küche gekommen, als sie wieder mal am Herd stand, um für jemanden zu kochen, der erwartungsvoll hinter ihr am Boden lag: Nelson, ein damals elf Jahre alter Schäferhundmischling, der laut seinem Frauchen seit Langem an einer Lebensmittelunverträglichkeit litt. "Er hatte ständig Durchfall und Hautjucken", erzählt sie. Die Tierärzte seien ratlos gewesen. "Ich habe alles an Spezialernährung probiert, was der Markt zu bieten hatte". Bis ihr eine Tierärztin riet, doch einmal auf jegliches tierisches Eiweiß zu verzichten - sprich: den Hund vegan zu ernähren. "Ich habe erst gedacht: Wie soll das denn gehen?", sagt die 34-Jährige. "Doch nach vier Wochen ging es Nelson so gut wie nie." Also kochte sie fortan selbst das vegane Essen für ihren Hund, "was extrem zeitaufwändig war". Irgendwann sei ihr dann der Gedanke gekommen, dass es womöglich nicht nur ihr so gehe - und dass sich aus dieser Idee ein Geschäft entwickeln ließe.

Zwei Jahre später gründete die Architektin die Firma Vegdog; wiederum zwei Jahre später stieg mit Valerie Henssen (29) eine Freundin und Tiermedizinstudentin ein. Die beiden haben aus Vegdog ein florierendes Startup gemacht: Heuer werde der Umsatz fast bei einer Million Euro liegen, sagt Zaune-Figlar - nicht zuletzt dank des TV-Auftritts bei "Höhle der Löwen". Dort überzeugten die jungen Frauen die Jurorin Dagmar Wöhrl, die zwanzig Prozent der Firmenanteile für 150000 Euro erwarb.

Dieses Geld sei jedoch "nur eine Nebensache" gewesen, sagt Tessa Zaune-Figlar. "Viel wichtiger ist die Beratung die wir jetzt bekommen, zum Beispiel bei Rechtsfragen oder Strategieentscheidungen." Die 34-Jährige sitzt auf einem Sofa in dem kleinen Vegdog-Büro in einem Hinterhof im Münchner Trendviertel Haidhausen. Neben ihr hat Valerie Henssen Platz genommen, in der Ecke döst Alba vor sich hin, ein fünf Jahre alter Labradormischling. Alba sei der "Büro-Hund", sagt Tessa Zaune-Figlar und lacht. Mal gehe er mit der einen, mal mit der anderen nach Hause. Und ja, natürlich bekomme auch Alba das hauseigene vegane Futter, das inzwischen nicht nur im Onlineshop und im Fachhandel, sondern auch bei einer großen Supermarktkette erhältlich ist.

Vor allem zwei etwa gleich große Kundengruppen habe Vegdog, sagt Tessa Zaune-Figlar. Zum einen Menschen, die aus ethischen Gründen veganes Tierfutter kaufen und oftmals selbst vegan oder vegetarisch leben. Zum anderen würden auch etliche Hundebesitzer aus gesundheitlichen Gründen zu ihrem Futter greifen - wenn die Tiere, so wie Nelson, an einer Lebensmittelunverträglichkeit litten. "Es ist doch paradox, dass wir einerseits unsere Hunde so toll behandeln", sagt Valerie Henssen, "und andererseits für ihr Futter Tiere in Massenhaltung leben und getötet werden." Und zum Thema Unverträglichkeiten betont sie, dass Hunde problemlos vegan ernährt werden könnten. "Wir haben die Zusammensetzung unseres Futters mit einer Fachtierärztin für Ernährung entwickelt. Da sind alle Nährstoffe enthalten, die der Hund braucht."

Ungleich skeptischer gibt sich da Britta Dobenecker vom Lehrstuhl für Tierernährung und Diätetik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie wisse, dass es sowohl Hundebesitzer gebe, die ihre Tiere vegan ernähren, als auch solche, die ausschließlich Fleisch füttern - "und diese Extreme sehe ich beide kritisch". Zwar sei es im Vergleich zu Katzen, bei denen sie von rein veganer Kost abrät, bei Hunden "etwas einfacher". Und doch sei es "sehr komplex", die Versorgung mit allen Nährstoffen zu gewährleisten, zumal einige dem Futter in synthetischer Form zugesetzt werden müssten. "Eine vegane Ernährung ist bei gesunden, erwachsenen Hunden möglich, sollte aber regelmäßig überwacht werden", sagt Dobenecker. Dies könne ein auf Ernährung spezialisierter Tierarzt übernehmen, der dann auch die Rationen für den jeweiligen Hund optimiere. Davon abgesehen stelle sich jedoch die ethische Frage, "wieso man einem Tier, das kein veganes Tier ist, eine solche Ernährungsweise überstülpen muss". Der Verweis auf Unverträglichkeiten überzeugt die Expertin nicht: "Dass ein Hund alle tierischen Proteine nicht verträgt, kommt so gut wie nie vor."

Etwas anders klingt das bei Tessa Zaune-Figlar und Valerie Henssen. Allein nach der Ausstrahlung von "Höhle der Löwen" hätten sie täglich Hunderte Anrufe und Mails von Menschen bekommen, deren Hunde unter ähnlichen Problemen litten wie damals Nelson. Der ist inzwischen 16 Jahre alt, und ihm gehe es prächtig, erzählt Tessa Zaune-Figlar. "Wenn er zu Besuch bei meinen Eltern ist, kann er inzwischen sogar auch mal eine Wurst essen, ohne dass er Probleme bekommt."

Patrik Stäbler