Ingolstadt
Ein dunkles Kapitel

Ausstellung "Ordnung und Vernichtung – Polizei im NS-Staat" im Armeemuseum

12.06.2012 | Stand 03.12.2020, 1:23 Uhr |

Zeitdokument: Die Ordnungspolizei war im besetzten Frankreich auch für die Bekämpfung der Résistance zuständig. Ansgar Reiß, Leiter des Armeemuseums, zeigt ein Plakat von damals - Foto: Rössle

Ingolstadt (DK) Die Ausstellung „Ordnung und Vernichtung – Die Polizei im NS-Staat“ zeigt ab kommendem Samstag im Armeemuseum die Rolle der Polizei während des Dritten Reichs. Die Sammlung macht deutlich: Alle Sparten der Polizei waren am nationalsozialistischen Völkermord aktiv beteiligt.

An einer Wand lehnt eine dicke, rostbraune Feuerschutztüre. Durch sie gelangten Schutzsuchende im Zweiten Weltkrieg in den sicheren Luftschutzbunker. Allerdings nicht alle. Juden und Fremdarbeiter mussten draußen bleiben. Dafür sorgte die Feuerschutzpolizei. Einige Meter weiter liegt auf Augenhöhe die Reproduktion eines mehrseitigen Deportationsberichtes. Hier steht es schwarz auf weiß: Die Ordnungspolizei regelte nicht nur den Straßenverkehr, sondern ermordete Juden, Sinti und Roma.

Etwa 500 weitere Objekte zu diesem Themenkomplex sind ab Samstag im Reduit Tilly ausgestellt. Die Exponate, die es zur Rolle der Polizei im Nationalsozialismus schon im neuen Polizeimuseum zu sehen gibt, bleiben im Turm Triva. Sie reisten allerdings im vergangenen Jahr nach Berlin. Dort wurde die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum gezeigt. Zusammen mit der Hochschule der Polizei in Münster initiierte das Berliner Museum die Schau.

Vier Historiker arbeiteten drei Jahre lang an der Umsetzung. Armeemuseumsleiter Ansgar Reiß brachte sie nun nach Ingolstadt: „Ich bin von der Qualität der Ausstellung überzeugt. Es ist wahnsinnig viel Recherche hineingeflossen, und die Polizei wird sehr kritisch beleuchtet.“

Heinrich Himmler verschmolz im Dritten Reich die SS und die Polizei, so dass der Apparat aus der Sicherheitspolizei – SS, Gestapo und Kriminalpolizei – und der Ordnungspolizei bestand. Auf Letztere konzentriert sich die Ausstellung.

Es dauerte lange, bis deren Verbrechen aufgearbeitet wurden. Nach 1945 konnten viele Polizisten in der Bundesrepublik ihre Arbeit fortsetzen. An der Aufklärung ihrer Vergangenheit zeigte die Polizei lange kein Interesse. „Die Polizeigeschichte ist noch nicht so erforscht wie die der Armee“, sagt Reiß. Erst durch diese Ausstellung werde deutlich, zu welchen Verbrechen die Polizei im Kontext der damaligen Unrechtsregierung fähig war.

Im Erdgeschoss des Reduit Tilly wird das ganze Ausmaß deutlich. Auf 700 Quadratmetern erstrecken sich die Exponate der über 90 Leihgeber aus neun Ländern. „Die Ausstellung legt weniger Augenmerk auf Uniformen, sondern konzentriert sich unter anderem sehr auf einzelne Biografien“, erläutert Reiß. Wie zum Beispiel auf die von Julius Wohlauf. Er war einer der wenigen Polizisten, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg für ihre Gräueltaten vor Gericht verantworten musste.

„Das wertvollste Stück ist ein originales Arbeitsbuch einer Schneiderwerkstatt des Warschauer Ghettos“, betont der Direktor. Für die Verwaltung und Überwachung des Ghettos war die Ordnungspolizei zuständig, ebenso für die Bekämpfung der Widerstandsbewegungen in den besetzten europäischen Gebieten, ob beim Partisanenkrieg in Griechenland oder bei den Ermittlungen gegen die Résistance in Frankreich.

Der Abschnitt „Die Radikalisierung der Polizei im Krieg“ – eines von sieben Kapiteln, in die die Ausstellung eingeteilt ist, zeigt, wie brutal sich Polizisten zum Teil gebärdeten. Ansgar Reiß erläutert: „In den besetzten Gebieten verschärften viele Beamte ihre Verhaltensweisen und brachten diese wieder mit in die Heimat.“

„Ordnung und Vernichtung – Die Polizei im NS-Staat“ ist mit eine der größten Sonderausstellungen, die das Polizei- und Armeemuseum in Ingolstadt bislang zeigte. „Ich hoffe, dass insbesondere Polizeigruppen und Schüler das Angebot nutzen“, sagt der Direktor. In Berlin besuchten über 55 000 Menschen die Sammlung.