Mit Schaf macht Schule Spaß

Drittklässler erleben beim Jahresprojekt ihre Heimat realitätsnah

23.12.2021 | Stand 30.12.2021, 3:34 Uhr
Kräftig langen die Schüler hin, um mit Astschere und Säge den Ästen Herr zu werden. −Foto: Karch

Eysölden - David hat sich extra Arbeitshandschuhe mitgenommen und auch die anderen Drittklässler sind gut ausgerüstet. Denn seit ihrer ersten Tour im Rahmen des Projekts "Schaf macht Schule" wissen sie, dass man auf dem Land auch kräftig zupacken muss. Dass diese Arbeit wichtig und sinnvoll ist, aber auch Spaß macht, erleben sie beim zweiten Projekttag zwischen dem Stall des Bioarchehofs Gerstner, der sich den Erhalt vom Aussterben bedrohter Schaf- und Ziegenrassen auf die Fahne geschrieben hat, und dem Eysöldener Orgelbuck.

Hier arbeiten zu dürfen, ist aber auch ein Privileg: Denn die beiden dritten Klassen der Grund- und Mittelschule Thalmässing sind sozusagen auch Versuchskaninchen. Sie sind der erste Jahrgang, der im Rahmen des Projekts "Schaf macht Schule" vier Tage - in jeder Jahreszeit einer - hinter die Kulissen eines landwirtschaftlichen Betriebs schauen darf. In Gruppen aufgeteilt und von ihren Lehrerinnen beziehungsweise Schülerhelfern aus der achten Klasse betreut, lernen sie ihre Heimat aus einem ganz neuen Blickwinkel kennen.

Erlebnistag im Lockdowngab den Anstoß

Den Anstoß für dieses Projekt, das von der Marktgemeinde Thalmässing und dem Landkreis finanziert wird, gab ein Erlebnistag, den Schulsozialarbeiterin Lena Göbel während des Lockdowns im vergangenen Jahr für die Schüler organisiert hatte. Barbara Gerstner vom Bioarchehof Gerstner zeigte sich damals überrascht, wie groß das Interesse der Kinder am Hof war, dass sie wissen wollten, warum er Archehof heißt, was mit Hörnern und Klauen geschlachteter Tiere passiert und für was man Schafwolle außer zum Stricken noch verwenden kann. Aus diesem einen Tag entwickelte Lena Göbel dann das Konzept für das Projekt "Schaf macht Schule", das viel mehr sein will als ein Bauernhofbesuch mit Lämmerstreicheln. "Die Tiere und die Umgebung sollen den Kindern über ein Jahr nähergebracht werden", erklärt Göbel. "Die Begriffe Nachhaltigkeit, Artenvielfalt und Archehof sollen ein fester Bestandteil des Wortschatzes der Kinder werden."

Beim ersten Tag hatten die Schüler unter anderem mit der Gärtnermeisterin Ursula Klobe, der dritten im Bunde, auf dem Orgelbuck Bäume gepflanzt. Deren Wurzeln mussten jetzt mit Rinde abgedeckt werden. Und der Stamm musste mit einem weißen Bio-Anstrich versehen werden. Warum der Anstrich nötig ist, wusste Konstantin genau: "Um die Bäume vor Sonnenbrand zu schützen."

Für die Arbeit mit Pinsel und weißer Farbe meldeten sich vor allem die Mädchen, während die Buben ganz heldenhaft mit Säge und Astschere loszogen. Beim Versuch, abgeschnittene Äste mit Schere und Säge in handliche Stücke zu zerlegen, wurde ihnen an diesem kalten Morgen schnell warm. Aber sie wussten ja, dass der regelmäßige Schnitt wichtig für die Bäume ist. Denn die Obstbäume wurden vom Menschen veredelt, damit sie größere Äpfel tragen. Deren Gewicht macht aber den Kronen zu schaffen und lässt Äste abbrechen. Da hilft nur regelmäßiges Schneiden.

Brennende Kerzedarf nicht ausgehen

Während die eine Gruppe Rinde aufbrachte, die Stämme der frisch gepflanzten Bäume anstrich und Äste zerkleinerte, kam die andere Gruppe in den Genuss von Bullerbü-Geschichten, warm eingekuschelt in Stroh und Heu mit einem Lamm in Streichelnähe. Hier erlebten die Kinder aber auch, dass sie sich ruhig verhalten müssen, um das kleine Schaf nicht zu erschrecken. Behutsamkeit und Ruhe waren auch beim Spaziergang durch den Wald gefragt, durfte doch die brennende Kerze, die jeder dabei hatte, nicht ausgehen. "Das war ganz schön schwer", tönten denn auch Kim und Stefan unisono, nachdem sie diese Aufgabe bewältigt hatten. "In dem Trubel zu sich selbst zu finden, ist für die Kinder nicht leicht", weiß auch Lena Göbel.

Nicht aus der Ruhe bringen ließen sich Ernesto und Enja, die thüringischen Waldesel des Gerstnerhofs, mit denen die Kinder eine kleine Wanderung unternahmen. Hingebungsvoll streichelte Mia immer wieder über den grauen Rücken, schließlich liebt sie Tiere und hat unter anderem drei Meerschweinchen daheim.

Die Projektziele wie die "wirklichkeitsnahe Begegnung mit der Natur, den Menschen, den Tieren und der Lebensmittelproduktion auf einem Bio-Archehof" lassen sich auch leicht mit dem Lehrplan der dritten Klassen verknüpfen. Dessen Inhalte werden im wahrsten Sinne des Wortes "begreifbar", wenn die selbst gepflanzten Bäume wachsen, die geschnittenen Bäume saftige Äpfel tragen und die Schüler am Lagerfeuer Kinderpunsch von der Eysöldener Mosterei trinken.

HK

Andrea Karch