Ingolstadt
Die Wiedergewinnung der Heimat

Romani Rose über den langen, schweren Weg der deutschen Sinti und Roma zur Gleichberechtigung

10.07.2018 | Stand 23.09.2023, 3:41 Uhr |
Gruppenbild samt zwei geschenkten Gemälden: Kulturreferent Gabriel Engert, Ludwig Spaenle, Beauftragter der Staatsregierung für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, der Stifter der Werke Romani Rose, Marion Ruisinger, die Leiterin des Medizinhistorischen Museums, und Ansgar Reiß, der Leiter des Armeemuseums (v.l). −Foto: Fotos: Hauser

Ingolstadt (DK) Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, hat dem Deutschen Medizinhistorischen Museum und dem Bayerischen Armeemuseum je ein Gemälde aus seinem Privatbesitz geschenkt. Aus "Dankbarkeit gegenüber der Bundesrepublik", seiner Heimat, der er als Angehöriger einer diskriminierten nationalen Minderheit lange entfremdet war. Am Montagabend übergab Rose die Werke im Schönen Saal des Schlosses. Der 71-Jährige sprach emotional über den langen, schweren Weg der Sinti und Roma zur Gleichberechtigung.

Dass ausgerechnet er voller Zuneigung in sein Heimatland, die Bundesrepublik, zurückfindet, stand wirklich nicht zu erwarten. Romani Rose, geboren 1946 in Heidelberg, bekam in seiner Jugend heftig zu spüren, was es bedeutete, ein "Zigeuner" zu sein; so nannten nahezu alle Deutschen auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Sinti und Roma ganz unbefangen (manche tun es bis heute). "Wir wurden nicht in Diskotheken eingelassen", erzählt er. "Und wenn deutsche Fußballer gewannen - ich war ein begeisterter Fan! - durften wir nicht mitjubeln."

Die zweite deutsche Demokratie war in den 1950er- und 1960er-Jahren ewig weit von ihrer heutigen Liberalität und offensiven Erinnerungsarbeit entfernt. In diesem Ungeist wurden die Minderheiten der Sinti (seit 600 Jahren in Deutschland daheim) und der Roma (ein Sammelbegriff für Einwanderer, die vor 100 Jahren vom Balkan kamen) in der jungen Republik sofort wieder zu Opfern. Romani Rose sah mit Schrecken, dass in der Bundesrepublik von offizieller Seite fast niemand auch nur einen Gedanken daran verlor, sich der düsteren Vergangenheit zu stellen. Der Massenmord an den Juden, Sinti und Roma - ein Tabuthema. "Damals verlor ich meine nationale Identität", erzählt Rose, der Deutschland nie verlassen hat.

Die Nationalsozialisten hatten bis zu 500000 Sinti und Roma ermorden lassen. Sie starben in Konzentrationslagern oder wurden von den "Einsatzgruppen" der SS und der Wehrmacht hinter den Fronten erschossen.

Romani Roses Vater Oskar Rose versuchte im Krieg, die Deportation von 14000 katholischen Sinti zu verhindern und wandte sich an Kardinal Michael Faulhaber, Erzbischof von München und Freising. "Mein Vater bat um Hilfe, weil er fest davon überzeugt war, dass der Bischof seinen Brüdern im Glauben beistehen wird." Doch Faulhaber - eine weiß Gott zwiespältige Person - ließ Rose abweisen.

Vor Kurzem ist es gelungen, die Tagebücher des 1952 gestorbenen Kardinals zu entschlüsseln (er verwendete eine seltene Kurzschrift). Darin fand sich der Eintrag, "ein Zigeuner" habe um Hilfe für bedrohte Sinti gebeten. Faulhaber notierte dazu: "Nein, kann keine Hilfe geben."

Deutsche Christen müssen noch mehr bittere Erkenntnis ertragen: Die Kirchen im Reich, erst recht die lutherische, assistierten den Nazis bei deren systematischer Verfolgung der Sinti und Roma auf dem Wege der Ahnenforschung. Dazu öffneten sie ihre Bücher, legten Abertausende Taufscheine und Heiratsurkunden vor. Wer mindestens einen Urgroßvater oder eine Urgroßmutter hatte, die Sinti oder Roma gewesen waren, galt nach der NS-Ideologie als "Achtelzigeuner" und damit als "rassisch minderwertig". Ein Todesurteil.

Doch nach dem Krieg hörte die Verfolgung nicht auf. Die selben Beamten des NS-Reichssicherheitshauptamts, die während Hitlers Diktatur "Zigeuner" verfolgt hatten, setzten in den neuen Landeskriminalämtern der Bundesrepublik ihre Karrieren fort, als wäre nichts gewesen; wie so viele Täter. Ihre Karteien zur "Sondererfassung der Zigeuner" nahmen sie mit. "Die Zigeunerexperten der Nazis konnten ihr Treiben nach 1945 einfach fortsetzen!", berichtet Rose.

Die nicht nur in der Diktatur, sondern jetzt auch in der Demokratie absolut staatstragenden Beamten sahen sich bald in ihrer rassistischen Haltung bestätigt. Ein Urteil des Bundesgerichtshofs im Jahr 1956 bestärkte sie sogar in der ungehemmten Kriminalisierung aller "Zigeuner". Die Richter lehnten es ab, die Sinti und Roma für den erlittenen Terror im NS-Reich zu entschädigen und stellten fest, dass alle staatliche Verfolgung vor 1943 legitim gewesen sei, weil sie von den "Zigeunern durch eigene Asozialität, Kriminalität und Wandertrieb" selbst veranlasst gewesen sei. Als Rose die perfideste Passage aus der Urteilsbegründung zitiert, kann er sein anhaltendes Entsetzen kaum verhehlen: "Sie neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist." So weit der BGH 1956. Kein Wunder, es waren ja auch die selben Richter wie im Dritten Reich. Rose: "Ein Schandurteil! Es hat die infame Diffamierung höchstrichterlich bestätigt!"

Als junger Mann beschloss er, für die Gleichberechtigung der Sinti und Roma zu kämpfen. Es wurde ein langer, schwerer Weg. Aber er führte Rose auch zu neuer Zuneigung für sein Heimatland Deutschland. "Ich bin stolz auf unsere Verfassung! Die Demokratie, in der wir heute leben, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Bundesrepublik hat sich ihrer Vergangenheit gestellt." Verfassungspatriotismus, sagt Rose, "hat nichts mit Nationalismus zu tun, denn Nationalismus ist immer mit Überheblichkeit und der Herabsetzung von Minderheiten verbunden." Die Zuhörer wissen um die neue Brisanz dieses Gedankens und applaudieren Rose sehr lange.

Christian Silvester