Ingolstadt
Die inszenierte Wahrheit

26.09.2017 | Stand 02.12.2020, 17:26 Uhr |

Gursky fotografiert: Eine Karosserie nach der anderen fährt auf dem Fließband vorbei und wird montiert. Und immer wieder drückt der Düsseldorfer Fotograf auf den Auslöser seiner Großbildkamera. Am Ende hat er rund 150 Fotos aufgenommen. - Fotos: Hauser

Ingolstadt (DK) Andreas Gursky gilt als der erfolgreichste Fotograf der Welt. Seine Bilder werfen einen distanzierten Blick auf Konsumwelt, Warenproduktion und Umweltkatastrophen. Jetzt besuchte der Düsseldorfer für eine Fotosession das Audi-Werk in Ingolstadt.

Ein genialer Augenblick? Oder nur Routine? Andreas Gursky, der wohl berühmteste Fotokünstler unserer Zeit, sitzt im Audi-Werk Ingolstadt auf einer Art Balkon und blickt auf eine Produktionsstraße mit Audi-A4-Karosserien. Ein Fahrzeug nach dem anderen wird nach vorne geschoben, Roboterarme schweißen mit zackiger Perfektion Teile zusammen. Und Gursky fotografiert hoch konzentriert. Vor ihm steht eine Großbildkamera auf einem Stativ, aufmerksam blickt er auf das seltsame Geschehen in der fast menschenleeren Halle und drückt immer wieder auf den Auslöser.

Entsteht hier eine dieser atemberaubenden, großformatigen Aufnahmen des Künstlers? Aber was treibt diesen Großmeister der Fotografie ausgerechnet nach Ingolstadt ins Audi-Werk?

Nun ja. Um Audi geht es ihm letztlich nicht, erzählt Gursky hinterher. Eher um den Roboterfabrikanten Kuka aus Augsburg. Der hat ihn vor einiger Zeit angesprochen, ein Werksfoto für das neue Firmengebäude zu erstellen. Gursky hat abgelehnt. Ein Fotograf seines Ranges nimmt keine Aufträge an. Die Sache interessierte ihn eigentlich auch nicht. "Man kennt ja diese Bilder von Fertigungsstraßen", sagt er. "Das ist fast schon ein Klischee. Da ein beliebiges Foto hinzuzufügen bringt für mich nichts."

Aber, irgendwie blieben der Roboterbauer und Gursky im Gespräch. "Es war so ein netter Kontakt", erzählt der Fotokünstler. Also schaute er sich mal an, wie Roboter überhaupt gebaut werden. Eine zündende Idee konnte Gursky dabei allerdings nicht entwickeln. Umsonst die Mühe.

Aber er ließ nicht locker. Also schaute er sich eine Industrieanlage an, in der der Einsatz von Industrierobotern bereits weit fortgeschritten ist: bei Audi. "Das ist eigentlich überall immer sehr ähnlich", sagt Gursky. Fotografen stürzten sich immer gerne auf die Lackiererei mit ihrem gleißend hellen Licht. "Aber das genau wollte ich nicht." Gursky fesselte das ganz normale, das unspektakuläre robotergesteuerte Fließband. "Da habe ich plötzlich eine Möglichkeit gesehen." Das war vor einem halben Jahr. Nun ist er wiedergekommen, diesmal mit großer Ausrüstung.

In seinem Kopf hat Gursky längst eine sehr genaue Vorstellung vom Bild - er könnte es sogar zeichnen. "Ich fotografiere in meine Vorstellung hinein", sagt er.

Am nächsten Tag, wieder zurück in Düsseldorf in seinem Atelier, wird Gursky die Fotos auf den Computer laden und "auf sich wirken lassen". "Das ist ein sehr schönes Gefühl", sagt er. Und dann beginnt der eigentliche Schöpfungsprozess, der längere Zeit in Anspruch nehmen könnte. Der Düsseldorfer veröffentlicht kaum mehr als zehn Bilder pro Jahr.

Für Gursky, der bereits seit 1992 seine Fotografien digital bearbeitet, ist ein Leben ohne den Computer kaum noch denkbar. "Wenn man einmal mit der digitalen Bildbearbeitung gearbeitet hat, werden die Ansprüche sehr hoch."

Dabei ist Gursky kein fotografierender Surrealist, keiner, der die Wirklichkeit völlig neu konfiguriert. Vielmehr möchte er mit der Macht des Computers der Wahrheit eher noch näher kommen. "Der Idealzustand wäre, wenn man alle Eindrücke dieser Audi-Industriehalle in ein Bild verpacken könnte." Aber so verdichtet ist die Wirklichkeit in den seltensten Fällen. Also hilft Gursky der Wahrheit auf die Sprünge. Manipuliert, verschönert, nimmt weg, fügt hinzu.

Sein vielleicht berühmtestes Bild heißt "Rhein II". Bei einer Auktion erzielte es 2011 einen Preis von 4,3 Millionen Dollar und war damals das teuerste Foto aller Zeiten. Zu sehen sind einige übereinanderliegende matte Farbbänder: der Rhein, ein Weg, Grasflächen, der wassergraue Himmel. Das Foto wirkt fast wie ein Gemälde der konkreten Kunst. Um den abstrakten Charakter des Bildes zu verstärken, hat Gursky alle von der Grundidee ablenkende Bildelemente bei der digitalen Nachbearbeitung elementiert: Fußgänger genauso wie eine Bebauung im Hintergrund. Bei einem anderen Foto, "Boxenstopp", wurden zwei Mannschaften beim Reifenwechsel eines Formel-I-Rennens zusammengefügt - ein Arrangement, das es in der Wirklichkeit so nie gegeben hat. "Der Wahrheitsbegriff ist in der Fotografie nur bedingt gültig", meint Gursky. "Wir machen authentische oder wahrhaftige Bilder. Wir fotografieren nicht einfach nur ab." Der Fotograf vergleicht das mit der Tätigkeit eines Schriftstellers, der auch in wenigen Sätzen zeitlich und räumlich unterschiedliche Eindrücke verschmelzen kann.

So wirken Gurskys riesenhafte Bilder wie gigantische Kompositionen, raffiniert arrangierte Inszenierungen. Absolut realistische Bilder, deren überirdische Symmetrie, Brillanz und Formalismus den Betrachter aber total überwältigen können. Fotos mit Gänsehaut-Feeling. Um diese Effekte zu erreichen, scheut Gursky keinen Aufwand, klettert auf Baukräne oder bucht Helikopterflüge. Ein Teil der Magie von Gurskys Fotos liegt in der besonderen Perspektive, die er auswählt - meist ein Blick von oben auf einen großen Bildausschnitt. Gurskys Bilder haben immer wieder den Charme von Wimmelbildern. Verschiedene Ereignisse finden gleichzeitig statt, aber der Fotograf bewertet die Vorgänge nicht, rückt nichts in den Vordergrund, unterwirft das Geschehen keiner perspektivischen Ordnung. Deshalb auch vermeidet der 62-Jährige Weitwinkel-Aufnahmen mit ihren extremen Fluchtpunkten. Gurskys Bilder strahlen Sachlichkeit aus, fast schon Teilnahmslosigkeit. Eine objektive Sicht auf die Dinge, aus gods eye view.

Entsprechend meinungslos, ja unpolitisch kommen Gurskys Bilder daher. Aber er bestreitet das. "Ich habe eine politische Haltung", sagt er. "Aber ich versuche, die nicht unmittelbar in meinen Bildern zu zeigen." Der Betrachter soll seine eigenen Schlüsse ziehen, wenn er die Fotos betrachtet. Aber: "Wenn ich mir überlege, was ich als Nächstes fotografieren will, dann steht das Gesellschaftliche immer im Vordergrund." So hat er gerade ein Foto von Plastikmüll aufgenommen. "Ich kann mir nicht vorstellen, heute noch ein Bild von unberührter rheinischer Landschaft zu machen", erklärt er.

Den vermeintlich objektiven Blick auf die Welt hat Gursky natürlich von seinen Lehrern an der Kunstakademie Düsseldorf übernommen, von Bernd und Hilla Becher, den Begründern der Düsseldorfer Photoschule. Und die Sachlichkeit geht noch auf einen anderen, älteren großen, von Gursky bewunderten Fotografen zurück: auf Alfred Renger-Patzsch (1897-1966). Und, was für ein Zufall, auch er hat hochbedeutende Werkfotos aus der Industriestadt Ingolstadt hinterlassen, allerdings nicht bei Audi, sondern bei Schubert & Salzer. Bilder aus den 1950er-Jahren, die durchaus in der Tradition von Gurskys Aufnahmen stehen. Auch Renger-Patzschs Fotos strotzen vor Formalismus, die Wirklichkeit der Spinnereimaschinen scheint sich in ihren Details wie Objekte der Konkreten Kunst symmetrisch zu formen. Andreas Gursky wird daran anknüpfen mit seinem Werkfoto: eine Ingolstädter Tradition.

 

 

ZUR PERSON:

Andreas Gursky kam 1955 in Leipzig zur Welt. Sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren schon Fotografen. Bereits 1955 floh die Familie in den Westen nach Düsseldorf. Gursky studierte Visuelle Kommunikation in Essen, später Fotografie bei Hilla und Bernd Becher in Düsseldorf. 1987 schloss er sein Studium ab. Er gehörte neben Axel Hütte, Thomas Ruff, Candida Höfer und Thomas Struth zur Düsseldorfer Photoschule. Seit 2010 ist Gursky Professur für Freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er auch lebt.