Ingolstadt

Der Traum vom Deutschland-Achter

Der Ingolstädter Florian Koch ist einer der talentiertesten Steuermänner des Landes - 2028 will er zu Olympia

18.10.2019 | Stand 02.12.2020, 12:48 Uhr
Geprägt von der Donau: Florian Koch rudert seit 2012 für den Donau Ruder Club Ingolstadt. Durch seinen Umzug an den Riemenruderer-Stützpunkt in Dortmund erhofft er sich größere Chancen, irgendwann der Steuermann des Deutschland-Achters zu werden. −Foto: Missy

Ingolstadt (DK) Natürlich hat jede Sportart sein Premiumprodukt.

Wer im Motorsport aktiv ist, der will in die Königsklasse Formel 1 und jeder Radsportler träumt von der Tour de France. Aber welchen Stellenwert der Achter im deutschen Rudersport hat, zeigt sein Spitzname. Deutschland-Achter. Hier wird nicht etwa eine Sportart oder ein Nationalverband vertreten, sondern ein ganzes Land. "Das Allerbeste in Deutschland kommt in den Achter", sagt der Ingolstädter Ruderer Florian Koch. Und auch er sagt nicht, die allerbesten Ruderer. Wer die Begriffe "Deutschland" und "Achter" in einem Satz nennt, der geht ja eh davon aus, dass jeder weiß, dass man vom Rudern spricht. Und der 18-jährige Athlet des Donau Ruder Clubs Ingolstadt (DRCI) will da rein. Er will zum Allerbesten in Deutschland gehören. "Das ist aber in weiter Ferne. "

Aber nicht so weit entfernt, dass Koch nicht jetzt schon bereit wäre, seinen Wohnsitz von Ingolstadt nach Dortmund zu verlegen. Denn dort ist das Leistungszentrum der U23-Riemenruderer, also all der Bootsklassen, bei denen die Athleten ein Ruder in der Hand halten. Koch selbst hält aber gar kein Ruder in der Hand. Er ist Steuermann. Und zwar ein ziemlich talentierter. So talentiert, dass er seit dem U19-Bereich für Auswahlboote rudert. "Bisher bin ich fast jedes Wochenende zum Stützpunkt nach Dortmund gependelt", sagt Koch. Dort wird entschieden, welche Ruderer in den Vierer- und Achterbooten Deutschland bei internationalen Regatten vertreten. Um auch unter der Woche jedes Training mit der Mannschaft absolvieren zu können, studiert Koch seit diesem Monat in Dortmund an einer Fachhochschule Informatik.

Dass es den jungen Steuermann mal aus Ingolstadt wegziehen würde, war ihnen bei seinem Heimatverein früh klar. Seit 2012 rudert er beim Donau Ruder Club Ingolstadt, gewann 2018 in der U19 bei der deutschen Meisterschaft und der WM im Juniorinnen-Achter, den auch Buben steuern dürfen, Gold und Silber. "Florian zeichnet sich dadurch aus, dass er einen guten Biss hat, dass er zuverlässig ist und dass er sich ständig weiterentwickelt", sagt Roger Heger vom DRCI. "Er ist schnell den Trainern aufgefallen, die froh sind, wenn sie so einen jungen Mann haben, der auch Grips und Eigenmotivation hat. " Es ist eine historisch gute Phase, die der DRCI zurzeit erlebt. Mit Einer-Weltmeister Oliver Zeidler, dessen Schwester Marie-Sophie, Sophie Oksche und Koch haben die Ingolstädter vier ambitionierte, international erfolgreiche Jung-Ruderer im Verein. Man müsse bereit sein, fünf- oder sechsmal die Woche jeweils mindestens drei Stunden zu trainieren, erklärt Heger. Koch ist dazu bereit.

Deswegen macht er mit dem Umzug nach Dortmund nun den nächsten Schritt. Was sich der 18-Jährige durch einen Wohnsitz am Riemen-Stützpunkt erhofft, ist klar: bessere Chancen auf den Platz des Steuermanns im Achter der U23-Ruderer. Im Vergleich zum Vierer mit Steuermann ist der Achter deutlich attraktiver. "Das ist die einzige olympische Bootsklasse mit Steuermann", sagt Koch.

An diesem Wochenende vertritt Koch mit dem U23-Achter bei der Head of the Charles Regatta in Boston den Deutschen Ruder Verband. Es ist eine traditionsreiche und hochkarätig besetzte Regatta. Wegen des kurvigen Kurses mit engen Brückendurchfahrten ist die Regatta vor allem für die Steuerleute eine große Herausforderung. Für DRCI-Ruderer Koch ist diese Regatta nicht nur der Einstieg in die Saison, sondern auch ein Signal des Verbands.

Denn bislang kam der Ingolstädter tendenziell eher im Vierer mit Steuermann zum Einsatz. Sein Konkurrent Till Martini dagegen häufiger im Achter. So war die Aufteilung auch bei der U23-Weltmeisterschaft im US-amerikanischen Sarasota-Bradenton. Der Rostocker Steuermann Martini trainiert schon länger am Stützpunkt in Dortmund und will natürlich auch in den Achter. "Auch wenn wir beide wissen, dass wir Konkurrenten sind, wollen wir uns nicht permanent bekriegen", sagt Koch. Durch seinen Umzug nach Dortmund "werden die Karten aber neu gemischt".

Das Nahziel also ist der Platz als Steuermann im Achter der U23, wo Koch noch vier Jahre starten darf. Langfristig wollen aber beide natürlich in den Achter der Erwachsenen. Aktuell ist dort Martin Sauer vom Berliner RC gesetzt. Seit 2009 steuert er den Deutschland-Achter, mit dem er sechsmal Weltmeister und 2012 Olympiasieger wurde. Nach den Olympischen Spielen 2020 in Tokio ist für ihn aber Schluss - und der 23-jährige Jonas Wiesen soll ihm im Olympia-Zyklus bis Paris 2024 nachfolgen. "Ab 2024 könnte ich also im A-Bereich der Achter-Steuermann sein", sagt Koch. "Am liebsten schon früher. "

Alleine hat er das natürlich nicht in der Hand, das gilt für Steuermänner noch mehr als für die Ruderer. Deren Leistungsfähigkeit kann man relativ einfach an Wattwerten auf dem Ruder-Ergometer oder Zeiten auf dem Wasser ablesen. Der Steuermann muss Koch diese acht Ruderer zusammenhalten, sauber kommunizieren, im Rennen die Taktik modifizieren. "Man ist der verlängerte Arm des Trainers und das Bindeglied zur Mannschaft", erklärt er. "Es geht darum, zur richtigen Zeit die Spurts zu setzen. " Das sind nur schwer zu vergleichende Werte. Welcher Steuermann den begehrten Platz bekommt, hängt von der Einschätzung der Trainer ab.

Und deswegen muss Koch nicht nur viel trainieren - übrigens wie normale Ruderer auch viel auf dem Ergometer, im Kraftraum und auf der Laufstrecke - sondern vor allem zahlreiche Rennen bestreiten. "Nach Boston werden die neuen Ruderer in die Boote integriert", sagt Koch. Entscheidend sei die Leistung bei den Regatten im Frühjahr, die maßgeblich ist für Zusammensetzung des Achters bei der deutschen U23-Meisterschaft. "Das ist das erste Saisonhighlight, dort qualifiziert man sich für die Weltmeisterschaft", erklärt Koch. Das erklärte Nahziel, WM-Medaillen im U23-Bereich zu gewinnen, "ist absolut greifbar". Der Traum von Olympia 2028 fährt trotzdem immer mit.

Christian Missy