Gluck-Festspiele

Der Mann mit der Kinderstimme

19.09.2021 | Stand 28.09.2021, 3:33 Uhr
Eine Laune der Natur und ein Wunder für die Musikwelt: Samuel Mariño singt hell und kraftvoll, fast wie ein Kastrat, weil er nie in den Stimmbruch kam . −Foto: Schlegel

Fürth/Neumarkt - Samuel Mariño ist ein medizinisches Wunder: Durch eine Hormonstörung hatte er keinen Stimmbruch. Er singt mit natürlicher heller Knabenstimme - und ist die Idealbesetzung für barocke Kastratenpartien. Nun machte er bei den Gluck-Festspielen Furore.

Originaler geht es fast nicht mehr. Seit Jahren bemühen sich die Verfechter der sogenannten historischen Aufführungspraxis, die Musik des Barocks und der Klassik immer stärker an das Ideal der Spieltradition der jeweiligen musikalischen Epoche anzunähern. Längst wird dabei auf historischen Instrumenten musiziert. Die alte Spielweise haben Musikwissenschaftler liebevoll rekonstruieren können. Aber es gibt Grenzen, die sich aus ethischen Gründen kaum überwinden lassen. So war es bis ins 18. Jahrhundert hinein gängige Praxis, die hohen Gesangspartien von Kastraten singen zu lassen. Sängerinnen waren auf den Bühnen bis dahin aus religiösen Gründen meist unerwünscht. Das aufführungstechnische Problem ließ sich in den vergangenen Jahren zumindest ansatzweise lösen durch den Einsatz von Countertenoren - Sängern, die die hohen Partien mit Kopfstimme singen. Einige von ihnen sind hinreißende Talente. An die Stimmgewalt der Kastraten kommen sie dennoch nicht heran. Denn immer klingt ihr Ansatz ein wenig gepresst und angestrengt, die Stimme scheint nicht ganz frei schwingen zu können, so als würden die Sänger nicht auf wirklich vertrautem musikalischem Terrain agieren.

Inzwischen aber hat der Sopran Samuel Mariño die Alte-Musik-Szene betreten, ein medizinisches Phänomen, eine verblüffende Laune der Natur - vor allem aber ein irrsinniges Stimmwunder.

Der 27-Jährige singt Sopran-Partien nicht im Falsett wie all die Countertenöre, sondern mit seiner natürlichen Stimme, weil er wirklich ein Sopran ist. Denn Mariño hat durch hormonelle Umstände niemals einen Stimmbruch erlebt. Er spricht und singt bis heute in seiner Knabenstimme, die allerdings längst männlich voluminös und strahlend ist.

Der junge Sänger war nun zu Gast bei den Gluck-Festspielen. Die Leuchtkraft seiner Begabung ist so groß, dass sie alle anderen Talente um ihn herum verblassen lässt. Sein Gesang wird unweigerlich zum Zentrum des künstlerischen Geschehens der gesamten Festspiele. Alles andere muss sich daran messen.

Vor allem der andere männliche Sopran, der beim Festival auftrat: Bruno de Sa. Er hatte die schwierige Aufgabe, kurzfristig für Mariño einzuspringen, der von der Rolle des Orfeo in Glucks wohl berühmtester Oper "Orfeo ed Euridice" zurücktrat. Mariño begründete im Interview mit unserer Zeitung seine Entscheidung sehr eindeutig: "Ich habe es versucht. Ich konnte die Partie bewältigen. Ich habe bereits eine Woche geprobt. Aber es war nicht außergewöhnlich, andere hätten es genauso gut gesungen. Die Partie lag zu tief für meine Stimme. Deshalb habe ich es abgelehnt."

So waren die Gluck-Festspiele in diesem Jahr neben vielem anderem auch ein Wettstreit der männlichen Soprane. Allerdings mit ziemlich eindeutigem Ausgang. Zu überwältigend singt der Venezolaner. Dazu kommt, dass Bruno de Sa gerade am Eröffnungsabend in der halbszenischen Aufführung von "Orfeo ed Euridice" indisponiert zu sein schien. Seine Stimme verlor während der Aufführung allmählich immer mehr an Glanz und die Kraft, gegen das Orchester anzukommen. Und der Brasilianer schien mit den gleichen Tücken zu kämpfen wie sein Kollege: Auch für de Sa liegt die Partie zu tief, immer wieder glühten und strahlten lediglich die hohen Töne, während die Tiefe im Getümmel des Orchesters unterzugehen drohte. Zudem kämpften alle Akteure mit den Unbillen der staubtrockenen Akustik des Stadttheaters Fürth, die alle Details hervorhebt, ohne den großen Zusammenhang der Musik hervortreten zu lassen. Spannend war die Eröffnung der Gluck-Festspiele dennoch allemal. Denn Festivalleiter und Dirigent Michael Hofstetter hatte sich für die sehr selten aufgeführte Parma-Fassung der Gluck-Oper entschieden, in der drei sehr unterschiedlich gefärbte Soprane gegeneinandergesetzt werden: Neben Euridice und dem männlichen Sopran Orfeo noch Amor, der mit einem Mitglied des Tölzer Knabenchores besetzt war. Ein Erlebnis war es, den filigran agierenden de Sa im Duett mit dem weich und warm timbrierten Mezzo von Georgina Melville als Euridice zu hören und dann noch den äußerst kraftvollen und präsenten, etwas dunkler singenden Knaben Cajeton Deßloch. Michael Hofstetter begleitete die Soprane mit dem Händelfestspielhorchester Halle gleichermaßen temperamentvoll, sensibel und vor allem sehr differenziert-fantasievoll.

Ein gediegener Abend - der überwältigende, genialische kam einen Tag später als Mariño im Reitstadl in Neumarkt auftrat, wieder mit Hofstetter und dem Händelfestspielorchester. Auf dem Programm standen Werke der Kontrahenten Georg Friedrich Händel und Christoph Willibald Gluck.
Der Venezolaner ist eine Art wandelndes Gesamtkunstwerk. Nichts ist dem Zufall überlassen, jede Geste kalkuliert, jede Haarsträhne, jeder Faltenwurf seines Kostüms Inszenierung.

Zunächst allerdings lässt er das Publikum warten. Pause, nichts passiert, fragende Blicke überall, der Erwartungsdruck steigt. Bis ein Orchestermusiker die Tür aufstößt, der Star lässig lächelnd hereintrippelt, im silbrigen Anzug, behängt mit Ringen, Armbändern, leuchtendem Gold, blitzenden Diamanten. Keine Frage: Ein Paradiesvogel des Barock, der Kastraten-Darsteller als Superstar.

Verblüffender allerdings ist der Gesang: Die Leichtigkeit des Ansatzes, die unfassbare Strahlkraft der Spitzentöne, das metallische Timbre, die gestochen scharfen Koloraturen, die verwegenen Trillerketten. Das alles klingt überhaupt nicht nach Frauenstimme, aber auch nicht wie die normalen Countertenöre. Das sind knabenhaft überirdische Töne, wie man sie vielleicht noch nie so gehört hat. Und die möglicherweise den Hype des Kastratengesangs im Barock erklären können. Das alles erinnert viel mehr an Pop, als an Klassik, an die Showqualitäten etwa von Prince. Und wie Michael Jackson tänzelt Mariño zwischen den Orchestermusikern hindurch, jede Bewegung sitzt perfekt. Man spürt, dass Mariño auch ein ausgebildeter Balletttänzer ist.

Im Gespräch betont Mariño immer wieder, wie hart er das erarbeitet, was auf der Bühne so mühelos aussieht. Wie fleißig er jeden Effekt, jede Bewegung im Voraus plant.

Aber er spricht auch offen über die Nachteile des beginnenden Ruhms. "Ich bin fast immer auf Reisen", sagt er. "Ich hasse es, aus dem Koffer zu leben." Seit etwa zwei Jahren hat er seinen Hauptwohnsitz in Berlin - aber er kommt kaum dazu, Kontakte zu knüpfen. "Ich habe fast keine Freunde", sagt er. "Wenn die Leute mich fragen, was mein Zuhause ist, dann sage ich: Mein Hund." Tatsächlich reist er mit seinem Chihuahua durch die Welt.

Mariño gehört zu diesen Menschen, deren Ausstrahlung, Charme und Freundlichkeit, deren Schlagfertigkeit und Witz einen sofort überwältigen. Man kann sich kaum vorstellen, dass er eine problematische Jugend hatte. "Meine Zeit auf der High-School war hart", sagt er und spielt dabei darauf an, dass er von seinen Klassenkameraden gehänselt wurde, weil seine Stimme mädchenhaft hoch blieb. Seine Eltern pilgerten zu verschiedenen Ärzten, die ihm empfahlen, seiner Stimme durch Training ein dunkleres Timbre zu verleihen - vergeblich.

Bis er schließlich im Alter von 16 Jahren sich dazu entschied, aus der Not eine Tugend zu machen: Er begann Gesang zu studieren. "Als Sänger bist Du besser denn als Tänzer", soll seine Mutter zu ihm gesagt haben. Bereits mit 17 stand er zum ersten Mal in einer Opernproduktion auf der Bühne. Mit 18 zog er nach Paris, allein, mit nichts als 1000 Euro in der Tasche, um Gesang zu studieren. Um sich zu finanzieren, arbeitete er als Aushilfe in einem Luxushotel.

Die Härte des Lebens hat Mariño geformt. Heute besucht er Schulklassen, um die Schüler für klassische Musik zu begeistern, aber auch um ihnen zu sagen, dass sie sich vom Mobbing nicht unterkriegen lassen sollen.

Vielleicht hat das Leben den Venezolaner dazu gebracht, mit 27 Jahren bereits ein ziemlich gereifter Mann zu sein, einer, der die Nöte und Freuden der Opernfiguren so packend darstellen kann, dass sich tiefe Erschütterung im Saal breitmacht. Glucks "Orfeo" wollte er nicht singen - bis auf die berühmteste Arie der Oper, die fast jeder kennt, weil sie längst ein Klassikschlager ist: "Che farò senza Euridice?". Es schildert den Augenblick, als Orfeo erkennt, dass er seine Geliebte Euridice nicht wird aus der Unterwelt zurückholen können; dass ihr Tod endgültig ist. Man kennt diese Arie von unzähligen Interpretationen als ein schönes, melancholisches Lied, weich und verhalten. Wenn Mariño das singt, ist von dieser abgeklärten Milde nichts zu spüren. Sondern Empörung, Trotz, ein Auflehnen gegen das Schicksal.

Das ist nicht mehr schön, das ist nackte, ungeschminkte Verzweiflung, ein langer musikalischer Schmerzenslaut. Kurz vor der Rückkehr zum Hauptthema kulminiert die gesamte Not in einem hohen, qualvollen, schluchzenden, nicht enden wollenden Ton.

Vielleicht ist es das, was diesen Sänger so sensationell macht. Dass er nicht nur unfassbar perfekte Töne singen kann, sondern dass er den jahrhundertealten Partituren Seele einzuhauchen vermag.

DK


Zu dem Konzert mit Samuel Mariño ist bei Orfeo eine CD erschienen, ebenfalls mit dem Dirigenten Michael Hofstetter und dem Händelfestspielorchester Halle: "Samuel Mariño - Care Pupille".

Jesko Schulze-Reimpell