Ingolstadt

Der Holzbau, der versteckt wird

Mit dem östlichen Anbau ans Reuchlin-Gymnasium ist es zuletzt rasant aufwärts gegangen

22.07.2021 | Stand 26.07.2021, 3:33 Uhr
Nur ein Zwischenstand: Die Holzwände in den Obergeschossen des Reuchlin-Anbaus müssen aus Brandschutzgründen noch hinter Gipsplatten versteckt werden. Dabei hätten die Fertigteile, die in wenigen Wochen zusammengesteckt wurden, gerade in diesem Rohzustand einen besonderen Charme. −Foto: Eberl

Ingolstadt - Es ist die derzeit größte Schulbaustelle in der Stadt, doch lange haben die Arbeiter nur im Untergrund gewühlt und dort, wo man sonst Kellerräume vermuten würde, eine neue Turnhalle gebaut.

Erst in den Sommerwochen ist nun auch oberirdisch etwas passiert - und zwar so rasant, dass es Beobachtern fast mulmig wurde: Kann ein mehrstöckiges Gebäude wirklich so schnell wachsen?

Für Edith Philipp-Rasch, die Leiterin des Reuchlin-Gymnasiums, ist es wie ein Abschiedsgeschenk: Nur wenige Wochen vor ihrem Ruhestand zum Schuljahresende konnte sie miterleben, wie das, was in zehnjähriger Vorbereitungszeit ersonnen wurde, nun tatsächlich als Baukörper Gestalt annimmt.

Der östliche Anbau an die Schule am Oberen Graben, in dem künftig die naturwissenschaftlichen Fachbereiche unterkommen werden, ist dank Holzbauweise mit Fertigteilen bei den oberirdischen Stockwerken regelrecht in die Höhe geschossen. Nur eineinhalb Wochen haben die Handwerker pro Etage gebraucht - ein denkwürdiger Kontrast zu den langwierigen Ausschachtungs- und komplexen Betonbauarbeiten im Untergrund, die sich seit dem Abriss des Altbaus im Jahr 2018 bis in dieses Frühjahr hingezogen hatten.

Platzprobleme und Modernisierungsstau im humanistischen Gymnasium an der gleichnamigen Straße sind ein altes Thema, an dem sich Schulleitung und städtisches Hochbauamt samt Politik über Jahre abgearbeitet haben. Mit dem jetzigen Anbau wird auch erst ein Teil aus den Anforderungen des Lastenhefts erfüllt. Eine Generalsanierung des denkmalgeschützten Hauptgebäudes wird sich noch anschließen. Die Ziellinie für das auf gut 36 Millionen Euro veranschlagte Gesamtprojekt soll erst 2026 erreicht werden - bis dahin wird eine ganze Schülergeneration ihr Gymnasium nur als Baustelle erlebt haben.

Immerhin ist jetzt aber doch schon einiges vorangegangen, wie bei einer Baustellenführung durch den neuen Osttrakt am Donnerstagmorgen festzustellen war. Schulleitung, Hochbauamt und die zuständiges Planungsbüros können derzeit den ersten größeren Holzbau der öffentlichen Hand in Ingolstadt präsentieren. Die Betonung muss allerdings auf derzeit liegen, denn die gegenwärtig "nackten" Holzwände müssen beizeiten hinter Gipsplatten verschwinden: Die Brandschutzvorschriften lassen bei öffentlichen Bauten, zumal bei einer Schule, nichts anderes zu.

Auch die Sensorik der Rauch- und Feuermelder muss in diesem Holzbau entsprechend aufwendig ausgestaltet werden. Kuriosum: Die Entscheidung der Stadt, mit einem nachwachsenden Rohstoff nachhaltig zu bauen, wird sich wegen der Gipsverkleidung also im endgültigen Erscheinungsbild des Neubaus gar nicht niederschlagen.

Dafür wird der Eindruck massiver Betonarbeiten umso nachhaltiger sein. Insbesondere die Turnhalle im Untergeschoss wirkt im derzeitigen Rohzustand wie eine Festungsanlage. Um die riesige Wanne im Erdreich zu verankern mussten 170 Betonbohrpfähle rundum 15 Meter tief im Erdreich befestigt werden. Seitliche Stahlstreben, die unterirdisch teils bis auf Nachbargrundstücke reichen, stabilisieren die Konstruktion zusätzlich. Damit das ganze tragfähig für die hölzernen Obergeschosse wurde, tragen gewaltige Spanten die abschließende Betondecke der Turnhalle.

Aus Beton besteht sinnvollerweise auch das neue Treppenhaus, das aber große Durchbrüche nach außen aufweist - was künftig wesentlich zum hellen Charakter des naturwissenschaftlichen Trakts beitragen dürfte. Durch Lichtschächte erhält auch die Turnhalle noch etwas Tageslicht, doch in der Praxis wird es hier künftig kaum ohne zusätzliche künstliche Beleuchtung abgehen. Das Reuchlin-Gymnasium, das im abgerissenen Altbau ja zwei Turnhallen hatte, wird künftig neben dieser neuen auch weiterhin jene bei der Schule auf der Schanz nutzen, die ja seinerzeit eigens vor dem Neubauprojekt entstanden ist.

Projektleiterin Clarissa Müller vom Büro Baur Consult (Haßfurt), das die Planung gemeinsam mit der kplan AG (Abensberg) geleistet hat, schätzte beim Presserundgang, dass der Anbau bis zum Herbst so abgedichtet ist, dass der Innenausbau beginnen kann. Bezugsfertig soll er dann Ende 2022 sein.

DK

Bernd Heimerl