Pfaffenhofen
Der Abpfiff lässt auf sich warten

Hans Finkbeiner ist mit 80 Jahren der älteste aktive Schiedsrichter in Pfaffenhofen - und hat immer noch Spaß

19.01.2020 | Stand 23.09.2023, 10:07 Uhr |
Alles nicht so schlimm: Hans Finkbeiner (rechts) beruhigt einen aufgebrachten Spieler - für den erfahrenen Unparteiischen gehört das zu seiner Aufgabe dazu. −Foto: Reichelt

Pfaffenhofen - Als am 13. April 2018 ein neuer Schiedsrichter sein erstes Spiel für die Schiedsrichtergruppe Pfaffenhofen leitet, pfeift da kein blutjunger Teenager.

Das C-Jugend-Spiel zwischen der SG Hettenshausen/Ilmmünster/Tegernbach und dem SV Hundszell ist nämlich der erste Einsatz von Hans Finkbeiner unter Pfaffenhofener Flagge. Finkbeiner ist mittlerweile 80 Jahre alt, natürlich der älteste, aktive Unparteiische der hiesigen Schiedsrichtergruppe. Vor über 50 Jahren begann seine Karriere: mit einem Tritt in den Hintern und - ausgerechnet - einer Roten Karte.

Sonntagnachmittag, Städtisches Stadion Pfaffenhofen, B-Klasse 3. Die Fußballschuhe sind auch hier meist bunt wie bei den Bundesliga-Spielern. Die Fähigkeiten weit von diesen entfernt - zumindest die technischen. Im Meckern stehen die Hobbykicker den Profis in nichts nach: "Ey Schiri, das musst du doch sehen! " Schiedsrichter Hans Finkbeiner nimmt es gelassen, tut so, als würde er es nicht hören.

Es ist die langjährige Erfahrung, die Finkbeiner hilft. Der heute 80-Jährige kommt aus dem Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg, der zur Region Stuttgart gehört. Mit Anfang 20 spielte Finkbeiner in der Zweiten Mannschaft seines Heimatvereins - und bei einem eigentlich gewöhnlichen Spiel gab es einen folgenschweren Vorfall: "Da hat mir einer in die Achillessehne getreten, der Schiedsrichter hat es nicht geahndet", erzählt Finkbeiner. Also rächte er sich: "Da bin ich dem Spieler nach und hab' ihm den Stiefel in den Allerwertesten reingehauen - das hat der Schiedsrichter dann aber natürlich gesehen. Also hat er mich vom Platz gestellt, absolut zu Recht. " Finkbeiner ärgerte sich: "Ich habe mich so aufgeregt, ich kann Ungerechtigkeit nicht leiden. Also habe ich selbtst Schiedsrichter gemacht. " Finkbeiner hörte mit dem Kicken auf, an der Pfeife schaffte er es bis in die Bezirksliga. Der Schritt in die Landesliga gelang nicht: "Vielleicht war ich zu gutmütig, ich war immer ein wenig großzügiger. Damit bin ich aber gut gefahren. "

Finkbeiner lebt mit seiner Frau seit etwa drei Jahren in Pfaffenhofen. Zwei seiner drei Töchter hat es nach Bayern verschlagen - eine nach München, eine eben an die Ilm. Der ehemalige Galvaniseurmeister arbeitete später auch als selbstständiger Maschinenbauer, mittlerweile ist er Rentner. Einer mit einem Hobby: Ehrenamt im Sport. Finkbeiner stapelt Urkunden und Auszeichnungen auf dem Tisch, ein ganzer Ordner voller Zeitungsberichte und Erinnerungen liegt bereit. So war der 80-Jährige unter anderem als Volunteer, also Freiwilliger Helfer, bei der WM 2006 - bei der EM 2020 will er das erneut machen. Außerdem bekam er von Sportverbänden in Baden-Württemberg allerlei verschiedene Ehrungen. Als er nach Pfaffenhofen kommt, denkt er nicht ans Pfeifen. In seinen ersten Wochen ist Finkbeiner Zuschauer beim ST Scheyern, mit einem anderen Fan kommt er ins Gespräch - auch über den Schiedsrichter. Zum Spielende ist klar: Finkbeiner pfeift wieder - diesmal für den STS. Es ist also seine persönliche Nachspielzeit.

Seitdem hat er in eineinhalb Jahren 19 Einsätze für die Schiedsrichtergruppe Pfaffenhofen in der B- und C-Klasse sowie in Jugendspielen absolviert. Ohne Probleme, sagt er: "Keine Rote Karte, keine Gelb-Rote Karte. " Dazu gehört auch die gleiche Einstellung wir vor über 50 Jahren: "Meine Vorbereitung beginnt schon am Montag. Da lese ich in der Zeitung, wo die Teams stehen, ob es Lokalrivalen sind. Das bemängele ich heute ein bisschen, die meisten nehmen es zu locker", sagt Finkbeiner. "Viele Schiedsrichter sagen: ,Wenn die Spieler nicht parieren, dann nehme ich die Karten. ' So entsteht diese Kartenflut, in jedem Spiel gibt es gefühlt zwei Platzverweise. Das ist doch einfach zu viel. "

Zurück auf dem Fußballplatz in Pfaffenhofen. Es geht in die letzten Minuten, das Spiel wird hitzig - schließlich geht es auch in der B-Klasse um Punkte. Nach dem dritten, vierten, fünften Kommentar greift Finkbeiner ein, wird auch mal laut. Dann ein flapsiger Spruch, ein Lächeln, ein Klaps auf die Schulter. Ganz nach dem Motto: "Kann schon sein, dass ich es nicht gesehen habe. Aber hast du gesehen, wie du den letzten Ball verstolpert hast? "

Ärger gibt es selten, sagt Finkbeiner. Böse Fouls und Reklamationen hätte es sowieso früher schon gegeben, in Bayern seien die Spieler sogar handzahm: "Hier sind die Spieler anständiger, da fällt es mir leichter als in Baden-Württemberg, dort ist es aggressiver und giftiger. "

Auch da hat Finkbeiner eine Geschichte auf Lager: "Bei einem Spiel hatte ich plötzlich einen Spazierstock um den Hals von einem älteren Mann", erinnert er sich: "Wenn du nochmal so gegen meinen Enkel pfeifst, kriegst du es mit mir zu tun", sagte der Mann. "Das sind Erlebnisse, die bleiben. Da muss man immer die Ruhe bewahren. " Er nimmt aber auch seine Kollegen in die Pflicht: "Vieles liegt auch am Schiedsrichter, die Trainer und Spieler sind nicht nur alleine schuld. "

Mit 80 Jahren hat er die nötige Erfahrung, der älteste aktive Schiedsrichter in Bayern ist er aber nicht. Das ist aktuell Franz Schwarz vom SV Wielenbach mit 88 Jahren. Ein Ende ist bei Finkbeiner ebenfalls nicht in Sicht - nur in einem Fall: "Wenn sich ein Verein beschwert und sagt: ,Den Alten braucht ihr uns nicht mehr schicken' - dann höre ich auf. " Solange er sich fit fühlt, möchte er weiter machen. Dafür tut er auch viel: Jeden Morgen geht er schwimmen, macht Wassergymnastik im eigenen Pool; einmal in der Woche läuft er sechs Kilometer im Wald. Das ist wichtig, auch wenn die Wege auf dem Platz nicht mehr so weit sind wie früher: "Es ist doch klar, dass ich mit 80 nicht mehr so schnell bin. Ich laufe nicht viel, aber so, dass ich viel sehe. Ich bin immer da, wo es drauf ankommt. " Natürlich gibt es da mal den einen oder anderen blöden Spruch. "Ich glaube, der hört mich nicht mehr", heißt es da zum Beispiel mal am Sonntagnachmittag in der B-Klasse. "So wirst du halt oft empfangen. Aber die Spieler haben Respekt vor dem Alter. Wenn ich mir einen herhole und ihm sage, dass wir heute anständig spielen, dann nimmt es mir meistens keiner übel, wenn ich ihn auch duze. "

In Pfaffenhofen ist das Spiel vorbei, die Aufregung hat sich gelegt. Finkbeiner trabt vom Platz, die Spieler bedanken sich. Der Schiedsrichter ist zufrieden: "Man kann sich danach immer die Hand geben, das ist wichtig. "

PK

Kevin Reichelt