Pfaffenhofen
Das Weltall im Kofferraum

Mit seinem mobilen Planetarium lässt Andreas Wieck Schüler den Kosmos entdecken

12.02.2019 | Stand 25.10.2023, 10:29 Uhr |
Mit seinem mobilen Planetarium zeigt Andreas Wieck Schülern die Geheimnisse des Weltalls. −Foto: Wieck

Pfaffenhofen (PK) Schülern die Sterne vom Himmel holen - das hat sich Andreas Wieck zur Aufgabe gemacht. Vor einem Jahr hängte der 51-jährige Ingenieur seinen Job als studierter Elektro- und Funk-Elektrotechniker an den Nagel und begeistert seither mit seinem mobilen Planetarium Schüler in ganz Bayern.

Wiecks Sternenhimmel passt in den Kofferraum seines Kombis: eine aufblasbare, silberbeschichtete Kuppel, gut drei Meter hoch und fünf Meter im Durchmesser, ein Gebläse, Isomatten als Sitzunterlage, Projektor, Beamer, ein transparenter Zylinder, der den Sternenhimmel darstellt, das sind die wichtigsten Utensilien. Die hat der Niederscheyerer schon in Schulen von Neufahrn bis Lenggries, von Weilheim bis Geisenfeld aufgebaut. Durch einen Schlauch krabbeln die Schüler in das Zelt und ­- das jedenfalls ist die Erfahrung von Wieck - sperren Augen und Ohren auf, wenn er sie in den Weltraum blicken lässt. Denn die Unterrichtsstunde, die Kinder von der 1. bis zur 10. Klasse erleben, ist kein dröger Physik- oder Erdkunde-Unterricht. Die Schüler blicken in einem 360-Grad-Winkel ins All, das sich bewegt, sie selbst sind Teil der Mondphasen, sie erleben den Lauf der Sterne und Planeten im Jahreskreis und schauen in eine detailgetreue Simulation des Nachthimmels.

Vor allem aber: Wiecks eigene Begeisterung springt über. Denn jenseits von Sternbildern und Galaxien will er "die Freude an Gottes Schöpfung" rüberbringen, "die überwältigende Schönheit unseres Planeten". Und deshalb sei auch nur nebenbei erwähnt, dass ihm Umweltschutz eine Herzensangelegenheit ist: Sein Kombi fährt mit Erdgas.

Wieck, Vater von zwei Töchtern, sitzt am Esstisch, vor sich "Astro" und "Nauti", zwei kleine Plüschfiguren im Astronautenlook. Mit denen erklärt er Grundschülern, was hinter den Wolken los ist. Wie man Kinder und Jugendliche begeistert, das hat er zehn Jahre als Gruppenleiter beim christlichen CVJM, der weltweit größten Jugendorganisation, gezeigt. Aber können Achtjährige schon diese Dimensionen begreifen, wenn sie hören, dass das neblige, diffuse Licht da oben am Himmel, Proxima Centauri, der sonnennächste Stern ist? Gerade mal 4,2 Lichtjahre entfernt, quasi vor der Haustür? Schon mit einem simplen Fernglas kann man ihn erkennen.

Ganz im Gegensatz zur Andromeda-Galaxie, 1,5 Millionen Lichtjahre entfernt. Um diese Distanz nachvollziehbarer zu machen: Eine Lichtsekunde entspricht der Entfernung von 300000 Kilometern. Nein, das können sich auch Erwachsene nicht vorstellen. Erst recht nicht die Tatsache, dass sich das Weltall beständig ausdehnt und der Mensch, an einen Anfang und ein Ende, an ein Oben und Unten gebunden, plötzlich mit der Unendlichkeit und Ewigkeit konfrontiert ist. Kinder können atemlos staunen, sagt Wieck. Auch, wenn ihre Begeisterung nach der Astro-Stunde sich eher profan anhört: "Das war Supercool!"

Für Wieck berührt da - wie für viele Wissenschaftler auch - die Astronomie die Theologie. Und deshalb, erklärt er, ist sein Thema auch für den Religionsunterricht geeignet. Die Himmelserscheinung vor 2000 Jahren zum Beispiel, der "Stern von Bethlehem", habe man rekonstruiert, die habe es tatsächlich gegeben. Und deshalb sei ja auch in der Bibel von Weisen, von Sterndeutern die Rede, die dieser himmlischen Erscheinung gefolgt sind. Erst die Volksfrömmigkeit hat aus ihnen die "Heiligen Drei Könige" gemacht. Wieck ist praktizierender Katholik. Ihm gefällt, was ein Kardinal im Vatikan einmal dazu gesagt hat: Mit dem Stern von Bethlehem solle verdeutlicht werden, dass Christi Geburt von kosmischer Bedeutung ist.

Und natürlich fragen ihn die Schüler auch. Star-Wars-Fans outen sich da: Was es mit den Schwarzen Löchern auf sich habe? Gibt es Leben im All? Wieck glaubt das nicht, weil zu viele Faktoren zusammenpassen müssten, die es nur hier auf der Erde gibt. Er lässt lieber über Fakten staunen, zeigt den "Kreißsaal" von Sternen, die nach Explosionen aus interstellaren Wolken geboren werden. So Vieles grenze an ein Wunder: Warum besteht der menschliche Körper aus denselben Elementen wie der Sternenstaub? Und was hat der Astronom und Mathematiker Johannes Keppler im 16. Jahrhundert entdeckt, als er von der "Harmonie im Weltall" sprach?

Wieck hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Vor zwölf Jahren hat ihn ein Kollege für die Astronomie begeistert. Und als dann ein Hobby-Astronom starb, der bis dahin mit einem mobilen Planetarium unterwegs war, hat Wieck dessen Ausrüstung übernommen, aber dann beständig optimiert: Allein das Zelt koste um die 10000 Euro, der Projektor genauso viel. Beständig rüstet er nach, zum Jahresende kommt ein digitaler Projektor zum Einsatz. All das kostet viel Geld, und deshalb berechnet er einen Obolus je nach Entfernung von um die fünf Euro pro Kind. "Aber", sagt Wieck, "die Begeisterung der Kinder entschädigt mich."

Da ist die Investition für sein Teleskop, das er auf der Terrasse aufbaut, überschaubar: Mit einer 200-fachen Vergrößerung gibt's das schon für 500 Euro. Von Niederscheyern aus das Weltall ergründen, das ist natürlich auch eine Frage des Wetters. Durch Wolken und Luftschichten hindurchschauen zu müssen, trübt den Blick. Hinzu kommt die "Lichtverschmutzung" durch Streulicht. "Sie verschmutzen mir den Himmel", habe der niederscheyerer Pfarrer Pater Benedikt Friedrich gesagt, als die Kirche nachts von einem Spot angestrahlt wurde. Woraufhin der Benediktiner das Gotteshaus jetzt von Sonne, Mond und Sternen beleuchten lässt.

Wenn's dunkel wird und andere den Fernseher einschalten, dann trifft man Andreas Wieck in Winden an, auf freiem Feld. "Das Fernseh-Programm ist mir zu langweilig." Dort, zwischen Scheyern und Fürholzen, schraubt er sein Ferngas auf ein Stativ und schaut zum Firmament. Nicht mit dem Teleskop? "Nein, ich möchte den Himmel im Überblick erleben", sagt er.
 

Albert Herchenbach