Ingolstadt

"Das Neue mit dem Historischen verbinden"

Ein Architekt – zwei Entwürfe: Volker Staab baut die Erweiterung des Medizinmuseums und des Bayreuther Wagner-Museums

24.06.2015 | Stand 02.12.2020, 21:09 Uhr

„Das barocke Ensemble wird noch besser zur Geltung kommen“: Diese Hoffnung verbindet OB Christian Lösel mit der Erweiterung des Medizinhistorischen Museums, wie er am Freitag beim Richtfest sagte. Links der Anbau, der 2016 fertig sein soll. Das untere Bild ist eine Computerdarstellung des Büros Staab mit der künftigen Ansicht von der Anatomiestraße aus - Fotos: Hauser/Rössle

Ingolstadt (DK) Der Berliner Architekt Volker Staab, Jahrgang 1957, hat sich als einer der bekanntesten Museumsbauer in Deutschland einen Namen gemacht. Projekte wie das Neue Museum in Nürnberg und das Museum Schäfer in Schweinfurt verschafften ihm in der Fachwelt große Anerkennung. Er sei „sozusagen zwangsspezialisiert“ worden, beschreibt Staab selbst seine Rolle. Derzeit hat er zwei Baustellen am Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt und am Wagner-Museum in Bayreuth.

 

Herr Staab, es gibt den berühmten Satz von Richard Wagner „Kinder, macht Neues!“. Ist das auch ein Motto für Ihre eigene Arbeit?

Volker Staab: Ausschließlich sicherlich nicht, aber immer auch. Das Neue um des Neuen Willen ist sicher keine ausreichende Begründung. Aber dort, wo wir meinen, dass wir ein Dokument unserer Zeit produzieren, glauben wir schon, dass wir in Rücksicht auf das Historische sichtbar immer auch das Neue damit verbinden. Es ist wichtig, dass die Dinge immer in Beziehung bleiben.

 

Ihre beiden aktuellen Projekte in Ingolstadt und Bayreuth haben erstaunliche Parallelen. Es sind Neubauten in einem historischen Garten, die sich einem Baudenkmal unterzuordnen haben. Die gesamten Museumsfunktionen werden neu geordnet. Worin liegt für Sie der Reiz an beiden Aufgaben?

Staab: Das Vergleichbare ist tatsächlich, dass wir es mit historischen Orten und Gebäuden zu tun haben. Da stellt sich immer die Frage: In welcher Beziehung steht dieser neue Eingriff zum Bestand. Insofern ist die spezifische Lösung doch wieder sehr unterschiedlich. In Bayreuth war es so, dass ein Museum im Garten von Richard Wagner entstehen sollte, in der Villa Wahnfried. Und wir fanden, dass eigentlich schon der Garten und die Villa selbst Ausstellungsstücke sind. Gott sei Dank haben wir irgendwann festgestellt, dass in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts das Grundstück erweitert wurde, und genau auf diese Grenze haben wir den Neubau gestellt, sodass jetzt der Garten von Richard Wagner in seiner historischen Proportion wieder neu gefasst ist. So steht das neue Haus nicht im Garten, sondern ist so eine Art Zaungast am Rande des Gartens. Da kann man deutlich erkennen, wie sich ein offensichtlich ganz modernes Gebäude in Beziehung setzt zum historischen Kontext.

Und Ihre Lösung im Medizinhistorischen Museum?

Staab: Ähnlich haben wir versucht, in Ingolstadt zu agieren. Wenn man sich das Gebäude des alten Medizinhistorischen Hauses genauer anschaut, hat man in der Fassade das Gefühl, dass es ein frei, solitär stehendes Gebäude sein will. Am besten sieht man das, wenn man sich die Ecken anschaut, weil der Stuck auch abgerundet um die Ecken geht. Mit dem Neubau haben wir versucht, die Flucht etwas zu verlassen, um die Kubatur und das Volumen des historischen Gebäudes freizustellen. Das war auch unser Prinzip im Wettbewerb.

 

In Ingolstadt können Sie ohne großes Aufsehen arbeiten, in Bayreuth verfolgt die Musikwelt den Baufortschritt, in vier Wochen ist Festspielpremiere. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?

Staab: Wir sind da mit der Zeit schon ein bisschen routinierter geworden. Am Anfang hat mich das nervöser gemacht. Am Anfang herrschte viel Aufregung, wobei manchmal die Architektur auch nur der Stellvertreter ist. Gerade in Bayreuth hat es unterschiedliche Interessen gegeben, die sich dann an der Architektur abgearbeitet haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Wogen geglättet sein werden, wenn der historische Garten wiederhergestellt und alles fertig ist.

 

. . . und die Familie Wagner ihren Segen dazu gegeben hat.

Staab: Da gibt es ja unterschiedliche Strömungen. Größtenteils hat sich die Familie Wagner sehr zurückgehalten.

Schaffen Sie den Eröffnungstermin bis Festspielbeginn?

Staab: Ja, Ende Juli ist feierliche Eröffnung. Zumindest spricht im Moment nichts dagegen, dass es so sein wird. Ich bin ganz optimistisch, auch wenn wir es nicht zum Jubiläumsjahr 2013 geschafft haben, was tatsächlich ein bisschen traurig ist. Manchmal brauchen die Dinge halt einfach ihre Zeit. In 20 Jahren fragt niemand mehr nach dem Termin.

 

Die Inhalte beider Museen unterscheiden sich total. In Ingolstadt historische Medizingeräte, in Bayreuth das Leben und Werk Wagners. Welche Rolle spielt das für den Architekten?

Staab: In Ingolstadt bleibt ja der größte Teil der Sammlung im historischen Gebäude, während wir im Neubau – bis auf einen Wechselausstellungssaal – mehr oder weniger nur die Infrastruktur stellen, vor allem einen sichtbaren Eingang. Insofern war das Raumprogramm sehr überschaubar. In Bayreuth entsteht ein kompletter Sammlungsbereich – von der Musikgeschichte über die Inszenierungsgeschichte der Festspiele bis zur Ausstellung über das Leben Wagners in der Villa Wahnfried. Dort haben wir mit einem ausgewiesenen Ausstellungsplaner, dem Büro HG Merz, zusammengearbeitet.

 

Welche Beziehung haben Sie persönlich zur Figur Wagner?

Staab: Ich muss gestehen, dass ich ein ambivalentes Verhältnis zu Wagner habe. Das ist ja das Schöne an unserem Beruf, dass man immer wieder mit Themen konfrontiert wird und sich dann zwangsläufig intensiver mit den Dingen befasst. Die Musik Wagners war mir natürlich vertraut, wobei ich nicht zu den ganz großen Fans gehört habe. Jetzt habe ich mich auch mit dem Leben befasst. Da wird einem die Ambivalenz dieser Figur noch mal deutlich. Das wird man in der Ausstellung schön nachvollziehen können.

 

Welchen Eindruck haben Sie bisher von Ingolstadt architektonisch und städtebaulich gewonnen?

Staab: Ich habe Ingolstadt bisher sehr punktuell gesehen. Insofern würde ich mir jetzt nicht anmaßen, ein Kenner der Ingolstädter Szene zu sein. Wenn man so ein Projekt vor Ort hat, nimmt man sich jedes Mal vor, ein Wochenende hier zu bleiben und in Ruhe alles anzugucken. In den seltensten Fällen schafft man es dann wirklich. Die wesentlichen Punkte, Hämer-Theater, Schloss, hab’ ich natürlich schon gesehen, aber ein intimer Kenner versteckter Juwelen, die es sicher in der Altstadt geben wird, bin ich nicht.

 

Das Interview führte

Reimund Herbst.