Dietfurt
Das ganze Jahr auf Geschichtensuche

Dietfurter Moritatensänger sind gerüstet für ihre Tournee durch die Wirtshäuser

18.01.2018 | Stand 02.12.2020, 16:56 Uhr |

Die Moritatensänger sind gerüstet: Am ersten Sonntag im Februar ziehen sie durch die Dietfurter Wirtshäuser. - Foto: Palm

Dietfurt (DK) Seit Anfang Oktober sitzen die Dietfurter Moritatisten alle zwei Wochen beisammen. Sie fassen in Reime, was ihnen übers Jahr an Missgeschicken und kuriosen Gegebenheiten zugetragen wird. Ihr Streifzug durch die Wirtshäuser ist fester Bestandteil des Dietfurter Faschings.

Vier Männer sind es, die jedes Jahr aufs Neue kreativ werden, um die Episoden bis zu ihrem großen Auftritt am 4. Februar bestmöglich umzusetzen: Stefan Röll, Martin Huber, Martin Neger und Stephan Graf.

Jetzt können sie sich beruhigt zurücklehnen. Drei Moritaten sind so gut wie im Kasten. An einer wird noch gefeilt. Sie berichten im Gespräch mit unserer Zeitung, dass es auch schon vorgekommen sei, dass alles fertig war und kurzfristig umgeschmissen werden musste. Auch haben sie schon mal schnell noch eine Moritat dazugedichtet. Da sind die vier Herren sehr spontan.

Stehen die Stücke erst einmal fest, werden sie aufgeteilt. Jeder bekommt eine Geschichte, für die er federführend verantwortlich ist und die er dann auch vorträgt. Der Refrain und die Melodie sollten bekannt sein, damit die Zuhörer auch mitsingen können. Deshalb ist jedes Jahr ein Ohrwurm dabei. Oft werden die Zuschauer auch aufgefordert, bestimmte Dinge mitzumachen. Zum Beispiel müssen sie kräftig husten, wenn es heißt "Hört ihr die Regenwürmer husten".

Von ihren Vorgängern, die 40 Jahre lang diese Tradition bewahrten, hat die Truppe die Bildtafel, die Einleitung und den Schluss übernommen. Aber auch daran wird jedes Jahr ein bisschen gefeilt. Martin Huber malt schon seit Wochen an den neuen Bildern. Normalerweise gibt es pro Lied zwei. Doch nicht immer kommen die schön gemalten Kunstwerke zum Einsatz. Es kann durchaus passieren, dass beim Auftritt ein klappbarer Maibaum hervorgezaubert wird. An Ideen und Witz fehlt es den vier Herren nicht. "Heuer muss eine Moritat ganz ohne Bild auskommen, da wir alle im Einsatz sind und keiner mehr die Tafel halten kann", sagt Röll mit einem Lächeln. Um welche Moritat es sich handelt, verrät er natürlich nicht, das bleibt eine Überraschung.

Die "Quetsch'n" darf keinesfalls fehlen, Röll spielt die Ziehharmonika. "Heuer wird auch eine Blaskapelle dabei sein", fügt Röll zwinkernd hinzu. Martin Neger erzählt, dass es die Moritaten schon im 16. Jahrhundert gab. "Sie waren so etwas wie heute die Zeitung. Die wichtigsten Ereignisse wurden in Wort und Bild gefasst und den Leuten, die nicht lesen konnten, vorgetragen." Schon damals hätten die Moritatensänger einen langen Stock benutzt, mit dem sie auf das soeben besungene Bild deuteten. Deshalb haben auch die Dietfurter Moritatisten einen Stock dabei. Die Sänger sammelten vom Publikum Geld, um sich so ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Geld sammeln die Sänger heute auch noch, aber nicht mehr, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.

In den 1930er-Jahren verschwanden die Moritatensänger aus dem öffentlichen Leben der Sieben-Täler-Stadt. In Dietfurt wurde der Brauch 1969 wiederbelebt. Anton Bachhuber gab damals den Anreiz dazu. Drei der vier Herren ziehen heuer zum siebten Mal durch die Wirtshäuser: Quetschenspieler Stefan Röll trägt mit einer großen Portion Humor zum Gelingen der Lieder bei. Martin Neger sammelt das ganze Jahr über die Geschichten, erkundet ihren Wahrheitsgehalt und führt die Regie. Stephan Graf, ist zuständig für das Horn und den Gesang. Zum vierten Mal ist Martin Huber dabei. Er malt die Bilder und ist für die Requisiten verantwortlich. Die Gruppe, von der sie den Dienst übernommen haben, war 40 Jahre unterwegs. Am Sonntag vor dem Unsinnigen füllen sich die Wirtshäuser ganz schnell, weil die Dietfurter wissen, dass die Sänger unterwegs sind. Viele Wirtschaften sind schon Wochen zuvor ausgebucht.

Auf die Frage, was die Männer motiviert, antwortet Röll: "Zu sehen, wie viele Leute nur wegen uns unterwegs sind, ist schon toll. Die kommen alle, um uns zu hören. Im vergangenen Jahr waren es rund 700 Personen, die gekommen sind."

Martin Neger motiviert etwas anderes: "Das ganze Jahr über Geschichten zu sammeln und zu recherchieren, finde ich spannend." Oft werden für die Recherchen auch höhere Stellen befragt. So wie im vergangenen Jahr. "Da haben wir bei den Beilngriesern eine Skizze angefordert, die eine typisch bayerische Tracht zeigt. Die wurde in das Bild von einem Dietfurter Trachtler eingearbeitet, den wir besungen haben."

"Oft sitzt man da und überlegt und grübelt, wie man das Ganze machen kann", sagt Graf. "Plötzlich bekommen gewisse Sachen eine Eigendynamik, dann läuft es und in null Komma Nix steht der Text." Und Huber ergänzt: "Dann ergeben sich beim Abklopfen der Begebenheiten schon wieder neue Geschichten."

Der Arbeitsaufwand kann sich sehen lassen. Knappe 60 Stunden ist alleine Martin Huber mit dem Malen der Bilder beschäftigt. Dazu kommen noch die Zeit für das Texten, das Plakatieren und Bewerben der Veranstaltung, das Recherchieren und zu guter Letzt das Einüben der Moritaten. "Alles in allem sind da gleich an die 300 Stunden beisammen", so Röll.

Beim Betreten der Wirtschaft schaue man schon, ob Personen, die eine Moritat geliefert haben, anwesend sind. Ist das der Fall, werden sie beobachtet. "Am schönsten ist es, wenn den Besungenen das Licht aufgeht, dass sie gemeint sind", so Röll.

Es sei auch schon vorgekommen, dass eine ausgespielte Person einen Vorhang für die Bildtafel nähte. Mit exakt dem Vorhang, der auch in der Moritat mit erwähnt war. "Die Kunst ist es, den Leuten das nicht merken zu lassen."

Auf die Frage, welche Geschichten das Rennen machen, antworten die Sänger, dass die Geschichte stimmig sein und Leute betreffen sollte, die bekannt sind. Nicht zuletzt sollten die ausgesungenen Personen auch Spaß verstehen.