Ingolstadt
Das Ende der Fahnenstange

Die Banner der Bayerischen Armee müssen ihren Saal im Schloss verlassen, sonst gehen sie kaputt

01.10.2012 | Stand 03.12.2020, 1:00 Uhr |

„Gott erhalte Franz, den Kaiser“: Österreichs Herrscher war „Inhaber“, also eine Art Patron des 13. Bayerischen Infanterieregiments. Eine Medaille mit Franz Josephs Antlitz ziert die Fahne der Einheit.

Ingolstadt (DK) Der Fahnensaal im Neuen Schloss verliert bald seine Hauptattraktion: Die Banner der Bayerischen Armee – bis zu 150 Jahre alt – müssen raus, weil sie sonst kaputt gehen. Eine andere Möglichkeit sieht das Museum nicht. Ein Teil der 160 Fahnen soll 2016 zurückkehren: restauriert und hinter Glas.

Das gute Stück hat eine Menge mitgemacht: ein Krieg gegen Preußen, ein Krieg mit Preußen gegen Frankreich und am Ende auch noch ein Weltkrieg gegen halb Europa. Überall stand die reich verzierte Fahne des in Ingolstadt stationierten 13. Bayerischen Infanterieregiments im Feuer. Ganz vorne, wie es Sitte war im Militärwesen jener Zeit. Mit jeder Schlacht gewann das anno 1808 angefertigte Banner der Dreizehner aus der Schanz, denen die Dreizehnerstraße ihren Namen verdankt, Dekoration dazu. Seidene Ehrenbänder künden davon, ebenso die Spangen mit den Namen von Orten des Schreckens: Königgrätz, Beaumont, Sedan.

Doch auch der Friede zerrte an dem historischen Stück Seide, denn immer wieder wurde es für Paraden und allerlei Traditionsfeiern von seinem Aufbewahrungsort geholt und flatternd durch das gewesene bayerische Königreich geschleppt.

Bis 1945 hingen die gesammelten Banner der bayerischen Armee unter der Kuppel des Armeemuseums in München (die heutige Staatskanzlei), nach der Zerstörung des Gebäudes wanderten sie ins Nationalmuseum und 1972 landeten sie schließlich im Ingolstädter Schloss, wo das neue Armeemuseum seine Heimat fand. Dort setzten Licht und Schmutz (der vor allem von der Gießerei nebenan herwehte) sowie der geballte Odem von Menschenansammlungen im repräsentativen Fahnensaal den rund 160 Heerbannern zu. Jetzt ist die kritische Grenze erreicht. Die Fahnen müssen raus und fachmännisch konserviert werden, sonst gehen sie kaputt.

„Es gibt keine andere Möglichkeit als die Umwandlung des Fahnensaals “, sagt Ansgar Reiß, der Leiter des Armeemuseums. Er zeigt auf eine Fahne des 5. Landwehr-Infanterieregiments aus Landau in der Pfalz. Das untere Drittel hängt in Fetzen, ein Teil der einst blauen Rauten ist nun blass, ein anderer Teil rosa; eine im Militärwesen ganz und gar unübliche Farbe. Reiß kennt den Hintergrund: „In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts hat man schadhafte Rauten ersetzt – allerdings mit Kunstseide, und die hat sich leider rosa verfärbt. Man hatte damals noch zu wenig Erfahrung mit Kunstseide.“ Und da ziemlich viele der alten Fahnen im Saal unübersehbar von bayerischem Weiß-Blau zu weniger bayerischem Weiß-Rosa tendieren, muss das kunstseidene Werk der unbedarften Restauratoren vor 60 Jahren ein gewaltiges gewesen sein.

„Die Fahnen wurden früher dafür hergerichtet, dass man sie weiter verwenden konnte, etwa für Umzüge“, erklärt Reiß. Das ist lang vorbei. Die Ingolstädter Schlossherren haben die Exponate seit 1972 nicht mehr rausgerückt, um sie zu erhalten.

Jetzt werden die 160 Fahnen dokumentiert, konservatorisch behandelt, gereinigt und „bestmöglich gelagert, bis eine neue Präsentation möglich ist“. Das soll 2016 sein, wenn die Dauerausstellung des Armeemuseums ein Jahr nach der Landesausstellung im Schloss überarbeitet an die alte Stätte zurückkehrt. In Vitrinen, schön ausgeleuchtet. „Wir verstehen die Maßnahme auch als sichtbaren Auftakt, sich mit der Dauerausstellung intensiv zu befassen“, sagt Reiß. Bisher seien die Fahnen, die hoch und gedrängt im Saal an den Wänden hängen, eher Dekoration gewesen. „Jetzt zeigen wir, was moderne Museumsarbeit bedeutet.“

Auch Daniel Hohrath, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums, erläutert die Chance: „Heute sieht man im Saal sozusagen nur Wald, aber keine Bäume. In vier Jahren können die Besucher die Fahnen auf Augenhöhe betrachten. Die werden mit allen Verzierungen bestens zur Geltung kommen.“

Hohrath sieht einen „Grundwiderspruch“: Einerseits waren die Fahnen „wie Heiligtümer“, gepflegt und verehrt. Andererseits wurden sie oft, zu oft, für Paraden „gebraucht und verbraucht – wie Kunstwerke, die man herumreicht“. Aber: „Man kann nicht beides haben.“