Neuburg
Bittersüßer Auftakt auf der Bühne

Was zum Lachen und was zum Weinen: "Indien" begeistert das ausgedünnte Publikum im Stadttheater

04.10.2020 | Stand 23.09.2023, 14:32 Uhr |
Patricia Viertbauer
Ein ganz besonderer Saisonauftakt: Am Ende des Stückes "Indien" stirbt Kurt Fellner an seiner Krebserkrankung. Das fällt seinem Kollegen Heinz Bösel schwer, denn sie haben viel zusammen erlebt. Im Stadttheater herrschten diesmal strenge Hygiene-Vorschriften. −Foto: Viertbauer

Neuburg - "Es gibt Dinge, die schätzt man erst, wenn sie nicht mehr da sind.

So war es in der vergangenen Zeit mit der Kultur", erklärt Heike Schleer. Sie sitzt mit Begleitung in der ersten Reihe im Neuburger Stadttheater. Daneben folgen jeweils drei abgesperrte Sitze - in der ersten Reihe dürfen insgesamt maximal sechs Leute sitzen, um den Sicherheitsabstand wahren zu können. Wer aufsteht, muss die Mund-Nasen-Bedeckung tragen, einen Ausschank in der Theaterpause gibt es nicht. Die Corona-Regelungen und Vorschriften schränken den Theaterbetrieb ein, das aber scheint die Besucher am Samstag beim Saisonauftakt der "Starken Stücke" nicht zu stören. "Es ist einfach herrlich", meint Schleer und ergänzt: "Ich finde es toll, dass der Theateralltag funktionieren kann und wir hier wieder Zeit verbringen können. "

Zum Start der Saison bringt das Neue Globe Theater aus Potsdam die Tragikomödie "Indien" auf die Bühne. Das Stück der Österreicher Josef Hader und Alfred Dorfer handelt von Männerfreundschaft und einem Persönlichkeitswandel. Einer der Charaktere, Kurt Fellner, ist Indien-Fan und von Beruf Aufsichtskraft im Außendienst des Fremdenverkehrsamts Brandenburg. Er prüft Hotels und Gaststätten. Immer mit dabei: sein Kollege Heinz Bösel, ein Restaurant-Tester, der in jedem Hotel und jeder Gaststätte das Schnitzel testet. Daher kommt auch der Untertitel des Theaterstücks, "Eine Schnitzeljagd durch die deutsche Provinz". Gespielt wird "Indien" von nur drei Darstellern, in Neuburg verkörpert Andreas Erfurth den Schnitzeltester Bösel, Kai Frederic Schrickel den Gaststättenkontrolleur Fellner, und Kilian Löttker schlüpft von einer Rolle in die nächste und präsentiert dem Publikum unter anderem die verschiedenen Hotelbesitzer.

Für die Besucher im Stadttheater ist es sichtlich aufregend, wieder Schauspieler auf der Bühne zu sehen. "Die Leute, die jetzt zuschauen, sind einfach wirkliche Theaterfans, die solche Abende intensiv genießen", meint Heike Schleer. Sie kennt den Inhalt des Stücks "Indien" von der Verfilmung aus dem Jahr 1993. Die Theaterbesucherin meint: "Es ist eine außergewöhnliche Geschichte. " Außergewöhnlich beginnt "Indien" schon einmal: Der Weihnachtsmann - gespielt von Kilian Löttker - betritt die Bühne, zieht ein Mikrofon aus der Manteltasche und fängt an auf Musik zu singen: "Ich träume von einer weißen Weihnacht. " Auf einer keinen Fernbedienung in seiner Hand drückt er einen Knopf und schon fliegen kleine Fetzen Schaum über die Bühne und bedecken die Zuschauer in der ersten Reihe mit "Schnee". Die unterhaltsamen Lieder, gesungen von Kilian Löttker, dienen als Sequenzen zwischen den verschiedenen Restaurants, die Fellner und Bösel aufsuchen. Die Beziehung zwischen den beiden Männern ist etwas Besonderes. Erst ist Fellner der konservative, plappernde Spießer und Bösel der mürrische, wortkarge Grantler. Doch je mehr Zeit die beiden Kollegen miteinander verbringen, desto größer sind die positiven, charakterlichen Veränderungen. Aus Kurt Fellner und Heinz Bösel werden Kurti und Heinzi - die beiden freunden sich an und erleben viele lustige Momente miteinander.

Das Ende des Stücks ist weniger humorvoll, denn Fellner stirbt unerwartet an Krebs. Trotzdem gehen die Zuschauer lachend aus dem Theater. Das liegt wohl an dem derben Humor, den die Schauspieler Andreas Erfurth und Kai Frederic Schrickel während des gesamten Stücks authentisch herüberbringen. Sprüche wie "Wenn Frauen älter werden, fühlt sich bei ihnen alles an wie kalter Grießpudding" und "Es gibt ja ein mexikanisches Bier, das ansteckend sein soll - zum Glück sind wir daheim" bringen das Publikum zum Lachen, der laute Applaus trotz weniger Zuschauer gibt den Schauspielern Zuspruch. Neben den Dialogen der beiden ist es vor allem auch Kilian Löttker, der verkleidet als Frau im Abendkleid oder Hase, Lieder wie "Ich war noch niemals in New York" auf der Bühne zum Besten gibt. "Die Darsteller spielen ihre Rollen so toll und bei den beiden Kollegen sieht man so realistisch die Wandlung der Charaktere", meint Schleer begeistert.

Obwohl das Theaterstück vor allem derb witzig ist, fehlt nicht die Ernsthaftigkeit, als es an Kurt Fellners Krebs-Erkrankung geht. Die Phasen der Trauer, auch Leugnung und Angst, kurz vor seinem Tod und die Reaktion seines Freundes zeigen, wie groß die Wertschätzung der beiden Männer im Laufe der Zeit geworden ist. Die Wertschätzung war aber nicht nur im Theaterstück "Indien" groß, denn auch die Darsteller bedankten sich am Ende der Vorstellung bei den Zuschauern. "Es freut uns, dass ihr den Weg zu uns gefunden habt und es euch auch getraut habt. " Bei den "Starken Stücken" im Neuburger Stadttheater ist in der Saison 2020/2021 noch einiges geboten: Auf Kabarett, Komödien, Ballett und ein Rockmusical können sich Theater- und Kulturliebhaber in den kommenden Monaten freuen.

DK

Patricia Viertbauer