Autorin trifft Romanfigur

Zur Premiere des Marieluise-Fleißer-Films "Über die Deutsche Frau" in Ingolstadt

06.10.2020 | Stand 02.12.2020, 10:25 Uhr
Selbstbewusste Anmache: Sebastian Winkler als Gustl Gillich und Elisa Schlott als Frieda Geier in einer Spielszene des Films "Über die Deutsche Frau". −Foto: FilmCrew Media

Ingolstadt - Bereits die Eingangssequenz verweist darauf, dass der Film von einer schreibenden Frau handelt: Als tippe die junge Marieluise Fleißer selbst den Filmtitel "Über die Deutsche Frau" auf ihrer mechanischen Schreibmaschine, ist das Klack-Klack zu hören.

Und es erscheint das typische Schriftbild aus den 20er und 30er Jahren. Mit der am Ende mit viel Applaus bedachten Premiere des 26 Minuten langen Films im Cinestar Ingolstadt fand der Fleißer-Tag am Sonntag mit offizieller Eröffnung und Rundgang durch das neue Fleißer-Haus in der Kupferstraße seinen Abschluss.

Einen jungen Blick auf die Ingolstädter Schriftstellerin werfen, junge Menschen heute für das Leben und Werk Marieluise Fleißers zu interessieren, ja, einen emotionalen Zugang zu entwickeln, hatte der Auftrag der Marieluise-Fleißer-Gesellschaft Ingolstadt vor zwei Jahren gelautet, sagte Vorsitzender Andreas Betz zu Beginn des Abends. Und diesen hatten die weit über Ingolstadt hinaus bekannten Filmemacher Kevin und Tobias Schmutzler aufgenommen, wie sie im von Altstadttheaterleiterin Leni Brem-Keil moderierten Gespräch am Ende der Premiere erzählten.

Gemeinsam mit Produzentin Caroline Muhl und Drehbuchautor Michael Croce - sie erzählten ebenfalls über die Arbeit am Film - werfen die Regisseure einen Blick auf die Fleißer Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre, als sie, unterstützt durch einen Rentenvertrag des Kiepenheuer Verlags an ihrem Roman "Mehlreisende Frieda Geier" arbeitet. Dieser erschien im November 1931. Das erscheint dann auch im Abspann - schreibmaschinengetippt und, dass die Fleißer ab 1935 ein partielles Schreibverbot von den Nazis erhielt.

Zu jener Zeit lebte die Fleißer mit dem Journalisten Hellmut Draws-Tychsen zusammen. Im Jahr 1929 hatte sie ihre Verlobung mit dem Ingolstädter Freund Sepp Haindl auf Zuraten Lion Feuchtwangers gelöst und war kurz darauf die sich später als "toxisch" (Schmutzler) herausstellende Beziehung mit Draws-Tychsen eingegangen. Dieser versuchte, sie und ihr Schreiben zu beeinflussen, ja, die Fleißer zu erziehen. Mit entwürdigender Bevormundung im Sinne der strikt patriarchalischen Nazi-Doktrin. Erst 1933 wird sie sich von Draws-Tychsen endgültig lösen.

Die Einflussnahme Draws-Tychsens, der die im Sinne des Ideals der neuen Frau angelegte Romanfigur der Frieda Geier anders geschrieben haben will, und der Kampf der Fleißer um ihre künstlerische Freiheit ist der Hintergrund für die in der Eingangssequenz des Films angekündigte "etwas künstlerische Freiheit" gegenüber der "wahren Begebenheiten". Es wird nicht linear erzählt: Prägnant in emotionalen Szenen entsteht die Atmosphäre einer Provinzstadt in der Zeit der sich der Öffentlichkeit immer mehr bemächtigenden Nazis. Der Kampf der Autorin um ihre Romanversion, um ihre Sicht auf die deutsche Frau, wird durch die Begegnung Marieluise Fleißers (eindringlich gespielt von Luisa Wietzorek) mit ihrer Romanfigur Frieda Geier (Elisa Schlott) erlebbar. Frieda mischt sich in den Schreibprozess ein, leidet im Hintergrund, wenn Draws-Tychsen und die Fleißer ringen und empört sich direkt, als die Fleißer sie weichzeichnen will. "Es ist mein Leben! " wehrt sich die Mehlverkäuferin gegen eine Vermischung mit der Biografie der Autorin.

Frieda Geier durchschreitet in einer der Spielszenen, die den Romanszenen entsprechen, dann auch festen Schritts das Taschenturmtor in Ingolstadt und liefert sich mit Bäcker Stubenrauch (großartig: Sascha Römisch) ein Wort- und Gestenduell. Der will von der selbstbewussten Handlungsreisenden nichts kaufen, knallt ihr die Türe vor der Nase zu.

Oder die Szene mit Tabakwarenhändler Gustl Gillich (ein fast zu sympathischer, weil tollpatschiger Sebastian Winkler), dessen Anmache Frieda mit einer großen Wolke aus ihrem Mehlbeutel beantwortet. Geschickt wechselt die Kamera hierzu immer wieder auf die Zeilen, die Marieluise Fleißer aufs Papier tippt, sodass deutlich wird, dass die unterschiedlichen Versionen von Szenen dem Schreiben der Autorin geschuldet sind.

Gedreht wurde der Film in Ingolstadt und im Juramuseum Hofstetten. Mit Schaupielern des Stadttheaters Ingolstadt, mit Künstlern wie Maxi Grabmaier als resolute Bedienung Resi im Wirtshaus, wo Hellmut Draws-Tychsen (Oleg Tikhomirov) eine Rede halten und Marieluise Fleißer zur Protokollantin degradieren will, und mit Statisten aus der Region.

Der mit Unterstützung des Filmförderungsfonds Bayern, der Stadt Ingolstadt und der Marieluise-Fleißer-Gesellschaft entstandene Film ist auf der großen Leinwand im Veranstaltungsraum des Fleißer-Hauses am 8. November und 6. Dezember jeweils um 15 Uhr zu sehen und dauerhaft auf einem der Monitore im neuen Fleißer-Haus in der Kupferstraße 18.

DK

Barbara Fröhlich