Ingolstadt
Aus der Zeit gefallen

Giuseppe Cota und sein Circus Curioso präsentieren in der Ingolstädter Halle neun eine Show aus Akrobatik, Tanz und Musik

15.11.2019 | Stand 23.09.2023, 9:29 Uhr |
Olivia Lenz
Zirkus im Zirkus: Die Halle neun wird bis in den Zuschauerraum bespielt. −Foto: Woelke

Ingolstadt (DK) Eine opulente Mischung aus Showtanz, Akrobatik, ausgefallenen Kostümen, passender Klassik und Rockmusik versetzte am Donnerstag das Publikum in der Halle neun in eine bunte Fantasiewelt, als die Produktion "ZEIT" der Freundesgruppe Circus Curioso Premiere feierte.

"Das Stück ist nicht als Zirkusaufführung zu verstehen, sondern es geht um das Leben, den Zirkus der Menschen", sagt  Regisseur Giuseppe Cota vor Beginn der Vorstellung. Dann verdunkelt sich der Saal.

Während der Protagonist, ein alter Mann mit weißem Anzug und Hut, auf seinem Schaukelstuhl schlummert, erlebt das Publikum seinen Traum mit. Ein Lichtspiel aus ozeanischen Blautönen, Nebel und magischen Glockenklänge versetzen den Zuschauer auf den Meeresgrund. In aufwendigen Kostümen mit Lichtinstallationen  schwimmen unter anderem Quallen, eine Schildkröte, ein Seepferdchen auf die Bühne. All das verführt zum Träumen, doch die friedliche Stimmung wird jäh gestört. Der Gong einer großen Uhr hallt durch den Raum. Das nächste Bühnenbild zeigt einen obdachlosen Mann, der in Mitte einer Großstadt auf einer Decke liegt und dabei im Alltagsstress der Passanten wie vergessen wirkt. Begleitet vom Großstadtlärm hetzen maskierte Fußgänger immer schneller im Takt der Uhr auf und ab. Keiner redet, viele richten ihren Blick starr aufs Handy. Für den älteren Mann ist das ein Albtraum. Er scheint sich in dieser Welt kaum noch auszukennen. Erschöpft und niedergeschlagen setzt er sich mit den Worten "Wer soll diesen Wahnsinn noch aushalten? " in seinen Schaukelstuhl. Mit dem Blättern in einem alten Fotoalbum taucht er in die Erinnerungen seines bisherigen Lebens ein.

Auf der Leinwand sieht man die passenden Bilder: erste Liebe, Hochzeit, Familienzeit mit seinen Kindern, der Tod seiner Frau. Niedergeschlagen fragt er sich, was er allein auf dieser Welt tun soll, wenn kaum einer mehr Zeit hat. Als er wieder in Gedanken an früher versinkt, wird er von einer Lichtquelle angezogen und stößt auf eine leuchtende Kristallkugel, die ihm jugendliche Schönheit und Kraft verleiht.

Ab jetzt verschmelzen seine Träume mit der Wirklichkeit. Elegante Flamencotänzerinnen führen eine unbeschwerte Choreografie auf. Alles scheint im Gleichgewicht zu sein, bis plötzlich ein lauter Donner den Saal durchdringt und die Figur "Unzeit" ihr Unwesen treibt. Beide Tänzerinnen, die eben noch Lebensfreude symbolisierten, marschieren  immer schneller zum Takt. Zum Glück gelingt es dem Mann, die Unzeit mit der glänzenden Kugel zu vertreiben. Immer wieder erfährt man durch die Gedankengänge des Hauptcharakters, was ihm im Leben wichtig ist, was er Heutzutage vermisst.

Der nächste Traum symbolisiert die Entstehung allen Seins. Aus einem weißen Kokon schlüpfen zwei neonfarbene Schmetterlinge, die synchron tanzen und sich dabei entfalten. Es folgt eine Naturinszenierung der delikatesten Art. Der Raum verwandelt sich in einen Urwald, bunt geschmückte Fabelwesen schwingen umher, spielen Cello und Geige. Doch auch diesmal will die Unzeit alles zerstören. Erst mit der magischen Kristallkugel wird sie abermals in die Flucht gejagt.

Daraufhin  führt ein Kindheitstraum ihn direkt in eine schrille Zirkusmanege. Nacheinander stürmen sie alle ein: Artisten, Tänzer, Darsteller. Nach lautem Applaus nimmt die atemberaubende Zirkusshow ihr Ende. Als der junge Pantomime mit der Opernsängerin im Arm über die Straße schlendert, greift die Unzeit die beiden an. Diesmal bieten sich der alte Mann und die Unzeit einen dramatischen Kampf. Zwar schafft er es, die Unzeit zu vertreiben, doch seine Kräfte lassen nach. Er weiß nicht, wie lange er die Unzeit noch alleine abwehren kann. Als er - und die Zuschauer - ergriffen dem klaren Gesang der Opernsängerin lauschen, erfolgt ein weiterer Angriff der Unzeit. Doch diesmal jagen alle Darsteller den Unruhestifter, umrunden ihn und engen ihn mit hellen Lichtern ein. Doch als die Figur "Unzeit" aufgibt, umarmt der alte Mann sie. Gemeinsam gehen sie auf die Bühne und das Leid hat endlich ein Ende.

Die Inszenierung fordert auf, das Leben zu leben, bevor es zu spät ist. Genau so lebensfroh wie die Aufführung scheint nun auch das Publikum. Es gibt großen Applaus, zahlreiche Jubelrufe und Standing Ovations. Spenden sowie der Erlös von Livebildern der Malerin Laura Alvarez Keller und 2 Euro des Eintritts gehen an das Elisabeth-Hospiz Ingolstadt.  
 

Olivia Lenz