Auf dem Weg zur Selbsterkenntnis

Umjubelter Spielzeitauftakt in Ingolstadt: Knut Weber setzt "Die Konferenz der Vögel" eindrucksvoll im Turm Baur in Szene

20.09.2020 | Stand 02.12.2020, 10:32 Uhr
Es spielen: Michael Amelung, Ingrid Cannonier, Benjamin Dami, Mira Fajfer, Philip Lemke, Ralf Lichtenberg, Judith Nebel, Sarah Schulze-Tenberge, Theresa Weihmayr und Olivia Wendt. −Foto: Klenk

IngolstadtDie Welt ist in Unordnung - und einer steht auf und sagt: Wir müssen was tun. In Farid Uddin Attars Epos "Die Konferenz der Vögel" ist es der Wiedehopf, ein prachtvoller Vogel mit langem, dünnem Schnabel und markanter Federhaube, der seine Artgenossen aufruft zum Handeln. Aus aller Welt fliegen sie herbei - und hören seine Geschichte vom Wundervogel Simorgh, der mit seinen übernatürlichen Kräften fähig sei, die drohende Apokalypse abzuwenden.

Doch die Reise zu ihm ist lang und beschwerlich, birgt tödliche Gefahren. Schon werden Einwände und Ausflüchte gefunden, die Reise nicht anzutreten. Zu bequem hat man sich eingerichtet im goldenen Käfig, wo das gute Futter die fehlende Freiheit vergessen lässt. Doch Aufbruch bedeutet auch Abenteuer. Tausende Vögel folgen dem charismatischen Führer, überwinden die Wüste, durchqueren die sieben Täler. Oft ist es ein Kampf um Leben und Tod. Viele scheitern. Und nur 30 von ihnen erreichen das Ziel. Die Begegnung mit dem Simorgh wird zum größten aller Rätsel, mit denen sie konfrontiert werden. Das ist nämlich die Pointe des sufischen Dichters. "Si morgh" bedeutet "dreißig Vögel." Die 30 Vögel erkennen, dass sie selbst der Simorgh sind. So führt die Reise ins eigene Innere. Die Botschaft lautet: Selbsterkenntnis ist jedem gegeben, der sich darum bemüht.

Mit der "Konferenz der Vögel", dieser großen mystische Dichtung der persischen Literatur aus dem 12. Jahrhundert in der Theaterfassung von Jean-Claude Carrière eröffnete das Stadttheater Ingolstadt am Samstagabend unter freiem Himmel die Saison. Eine ungewöhnliche Spielzeit unter ungewöhnlichen Umständen. Die Corona-Pandemie hat alles durcheinandergewirbelt und dem Kulturbetrieb ein striktes Sicherheits- und Hygienereglement auferlegt: weniger Zuschauer, Mindestabstände, Kontaktdatendokumentation, Maskenpflicht. Auch für die Schauspieler gilt ein solches Konzept: Abstand, personalisierte Microports und Requisiten, Make-up-Tutorials. Wie trotz alledem im kreativen Prozess etwas entsteht, das nicht irgendwie nach Corona-Kompromiss aussieht, sondern künstlerisch eigenständig und mit großer poetischer Kraft wirkt, führt Regisseur Knut Weber mit dieser ersten Produktion eindrucksvoll vor Augen. Am Ende dieses so märchen- wie rätselhaften und doch erhellenden Abends gibt es minutenlangen Applaus.

Eine kluge Wahl hat Knut Weber mit diesem Stoff getroffen. Attars Epos aus dem 12. Jahrhundert wirkt bis ins 21. Jahrhundert hinein. Umso mehr, als der Regisseur die religiöse Komponente zugunsten einer größeren Abstraktion und Konzentration gestrichen hat. Und so wirft er mit den archaischen Vögeln Schlaglichter auf die verschiedenen Menschentypen, die unsere Gegenwart bevölkern. All die Zweifler und Skeptiker, die Stolzen und Hochmütigen, die Vielbeschäftigten und Ängstlichen, die Schwachen und Pragmatischen. Im Ringen um das große Ganze muss jeder Position beziehen, manche verharren in Untätigkeit, manche verzweifeln, andere mühen sich redlich, wachsen über sich hinaus. Aber wer immer sich auf die Reise macht - kommt am Ende bei sich an. Und wenn sie am Schluss in der Dunkelheit ihre Kreise um das Feuer ziehen, all die Vögel, die wieder zu Menschen geworden sind, dann hat das durchaus etwas von Läuterung, Besserung, Heilung. "Ein Stück, das Mut macht in dieser schwierigen Zeit", so hatte Knut Weber es bezeichnet.

Vor allem aber ist es auch ein ästhetisches Gesamtkunstwerk. Von Peter Brooks Gedanken über den leeren Raum hatte man sich inspirieren lassen - also von der Rückbesinnung des Theaters auf das Wesentliche. Ausstatterin Monika Gora hat ein hölzernes Halbrund in das Festungsrund des Turm Baurs gesetzt und mit Sand gefüllt - auf dieser Fläche agieren die Schauspieler. Das Pendant dazu bildet ein kleinerer hölzerner Kreis, der das Eingangstor umfasst - und das Weltenrund symbolisiert. Ganz vorn sieht man riesige weiße Maskenköpfe: Archetypen aus dem Geschichtenkosmos: die Prinzessin, der Derwisch, der König, der Weise. Ganze Arbeit haben Maske und Kostümabteilung da geleistet. Superb sind vor allem die Vögel gearbeitet, die da über die Bühne flattern: all die feinen Haken-, Balz-, Taucher- und Pinzettenschnäbel, kurz, schmal, spitz, flach, kühn geschwungen, knallbunt; dazu die fantastischen Federkleider von protziger Pfauenornamentik bis zum zartesten Schiefergraubraun. Köstlich ist das, was sich Monika Gora für die einzelnen Vögel ausgedacht hat: Ingrid Cannoniers majestätischer Wiedehopf mit der punkigen Federhaube und den schwarz-weiß gebänderten Flügeln, Ralf Lichtenbergs militärisch anmutender Falke, Olivia Wendts strickmützenbewehrter unsteter Sperling, Judith Nebels wuschelig-plumper Dodo, Benjamin Damis vorwitzige Regencape-Taube, Mira Fajfers rosarot-exotischer Traum. Wunderschön ist all das gearbeitet. Und die Schauspieler erwecken ihre Vögel mit all ihren Eigenheiten lustvoll zum Leben.

Überwältigend ist aber vor allem, wenn sie in Flugformation gehen - und in Katja Wachters Choreografie durchstarten: das Scharren der Beine, der rhythmisierte Flügelschlag, die rotierenden Bewegungen, die unterschiedliche Taktung in Slow Motion, Gleitflug, Schwirrflug, Schlagflug. Der Moment, wo aus vielen Individuen eins wird. Dazu die Musik von Tobias Hofmann und seiner fünfköpfigen Band, die sich bei der Minimal Music bedient, hier flirrt und strahlt, dort seufzt und klagt, Melodienbögen malt und Zeitenwenden einläutet - vom Chaos des Weltenklangs über Reduktion, Kontinuität, Rhythmisierung zur Ordnung.

Das Spiel lebt auch von der Nacht. Wenn die Vögel die sieben Täler durchqueren, sieht man droben den dunklen Himmel, während Stefano Di Buduos Videokunst die Fassade des Turm Baurs in schwarz-weiße Wirrnis verwandelt, in amorphe Strukturen, in Wasser- und Feuerexplosionen und Unsagbares in Sternbildmustern auflöst.

Knut Weber führt all das souverän zusammen - und stellt ins Zentrum das Geschichtenerzählen. Weil die Vögel auf immer neue Hindernisse oder Rätsel treffen, immer wieder zweifeln, muss der Wiedehopf (Ingrid Cannonier in einer Glanzrolle) immer wieder aufs Neue Überzeugungsarbeit leisten. Ineinander verschachtelt ist dieses Erzählen: Die Vögel stülpen Masken über und imaginieren Raum und Zeit sprengende Parabeln, während die anderen begierig lauschen, Parallelen suchen, auf Erleuchtung hoffen: Ingrid Cannonier, Michael Amelung, Benjamin Dami, Olivia Wendt, Philip Lemke, Mira Fajfer, Ralf Lichtenberg, Theresa Weihmayr, Sarah Schulze-Tenberge, Judith Nebel - sie bilden ein starkes Ensemble, hochkonzentriert, leichtfüßig, einfallsreich, wach, präzise. Im Laufe des Stücks verlieren sie immer mehr ihren eigentlichen Vogelcharakter, streifen Federn und Schnäbel ab und verwandeln sich zusehends in Menschen - wie wir. Menschen auf der Suche. Ein spannender Spielzeitauftakt - mit einem Stück, das neue (Gedanken)Räume öffnet.

DK


ZUM STÜCK
Theater:
Stadttheater Ingolstadt,
Freilichtbühne im Turm Baur
Regie:
Knut Weber
Ausstattung:
Monika Gora
Musik:
Tobias Hofmann
Video:
Stefano Di Buduo
Choreografie:
Katja Wachter
Vorstellungen:
bis 17. Oktober, jeweils 20 Uhr, warme Kleidung und Decken sind angeraten
Kartentelefon:
(08 41) 305 47 200
Wetterhotline:
(08 41) 305 47 299

Anja Witzke