Ingolstadt

Ärzte ziehen sich aus Ankerzentrum zurück

Psychologische Hilfe wegen "krankmachender Lebensbedingungen" abgebrochen - Kritik an Lager erneuert

21.11.2019 | Stand 02.12.2020, 12:33 Uhr
Rund 850 Flüchtlinge waren zuletzt (aktuellster Stand von Ende August) in der Max-Immelmann-Kaserne und den drei Dependancen in Ingolstadt untergebracht und warteten dort auf den Ausgang ihres Asylverfahrens. Die Fluktuation sei hoch, da viele der schon länger dort lebenden Personen in andere Unterkünfte umgesiedelt wurden. Obwohl einige Verbesserungen der Lebensbedingungen eingetreten seien, hielten Aktivisten gestern bei ihrer kleinen Bilanz zur "Ingolstädter Erklärung" an der generellen Kritik an dieser Unterbringungsform und dem Umgang mit Flüchtlingen fest. −Foto: Hauser, Eberl

Ingolstadt (DK) Vor einem knappen halben Jahr sind einige bekannte Frauen aus der Stadt mit einer "Ingolstädter Erklärung" zur Situation in den Flüchtlingslagern an die Öffentlichkeit gegangen.

Sie wirbelten viel Staub auf und erhielten auch Gegenwind - die Aktivistinnen bleiben aber beziehungsweise erneuern ihre Kritik an den Lebensumständen der Menschen im sogenannten Ankerzentrum in Oberstimm sowie den drei Dependance auf Ingolstädter Flur. Aktueller Aufhänger dafür ist auch eine Nachricht der Organisation "Ärzte der Welt", die ihr Hilfsangebot in der ehemaligen Max-Immelmann-Kaserne vorzeitig beendet hat. Ein Team hatte seit Jahresbeginn zwei Mal im Monat dort eine psychiatrische/psychologische Sprechstunde für die Asylbewerber angeboten. "Die krankmachenden Lebensbedingungen verhindern eine erfolgreiche Behandlung", erklärte Referentin Franziska Maul gestern bei einem Pressetermin in Ingolstadt. Man könne (und wolle) deshalb die Verantwortung für die Verfassung der teils "schwer psychisch kranken Patienten" nicht tragen. "Zusammengefasst: Die Zustände machen Gesunde krank und die psychisch Kranken noch kränker", sagte Maul.

Die Klagen und Hilferufe auch der Organisation seien unerhört geblieben. So sehe man keinen anderen Weg als den Rückzug, werde aber erstens den verbliebenen Helfern mit Rat und Tat zur Seite stehen und sich zweitens "weiter nachhaltig" für Veränderungen einsetzen.

Mit "Zustände" ist einmal mehr die Unterbringungssituation in dem Massenlager mit Massenunterkünften gemeint. Mangelnde Privatsphäre und die Unsicherheit würden den vielen traumatisierten Personen zusetzen. "Die Ankerzentren funktionieren nicht", ist sich Veronika Peters sicher. Die SPD-Stadträtin ist (wie Ex-Stadträtin Gudrun Rihl oder Lydia Halbhuber-Gassner) eine der Verfasserinnen der "Ingolstädter Erklärung". Ihre Kollegin Monika Müller-Braun aus dem Ingolstädter Migrationsrat sagt ebenso: "Das Unterbringungskonzept ist gescheitert. Die Situation schadet den Menschen mehr als sie nutzt. " Es habe sich zwar in diesem Jahr einiges dort verbessert, "aber das sind Tropfen auf den heißen Stein". Mütter dürften - was bisher aus Brandschutz untersagt war - Wasserkocher für ihre Kleinkinder auf dem Zimmer betreiben, aber nur bis zum Alter von 15 Monaten. Abschließbare Unterkünfte (auf Antrag) und Duschen seien für Frauen nun parat, der Umzug in neue Quartiere habe da etwas gebracht. Ein Gewaltschutzbeauftragter der Regierung von Oberbayern sei eingeführt, aber noch ohne Dolmetscher unterwegs, sagte Sabine Pharion, die sich als Ehrenamtliche der Caritas in der Unterkunft engagiert. Immerhin habe der Wohlfahrtsverband seit zwei Monaten eigene (Beratungs-) Räume und biete dreimal die Woche ein Hilfsangebot - unter anderem Deutsch-Unterricht. "Es läuft langsam an", sagte sie.

Besonders belastet in Oberstimm und den Dependancen seien die Kinder, betonte Jürgen Soyer, der Geschäftsführer von Refugio (Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer). Ein Großlager sei kein Ort, an dem von Krieg und Gewalt traumatisierte Kinder und Jugendliche aufwachsen dürften. Bei einer Kunsttherapie in der Oberstimmer Kaserne hätten Kinder große Häuser aus Karton gebastelt und sich darin verkrochen, so Soyer. Sie wollten nur Schutz.

Die Aktivisten wollen ihre generelle Kritik auch nicht nur in eine Richtung lenken. "Die Regierung von Oberbayern ist als Behörde selbst überfordert, deren Kapazitäten reichen nicht", sagt Soyer. Es brauche natürlich den politischen Willen, etwas an der Gesamtsituation zu ändern. Aber das sei nicht in Sicht.

Veronika Peters versicherte, man werde nach der "Ingolstädter Erklärung", die weit hallte, den öffentlichen Druck aufrechterhalten, um etwas zu bewegen. Sie betonte mit Blick auf die Diskussion in der Gesellschaft: "Wir stehen in keiner Ecke. Wir sind die Normalen! "

 

Grob: "Das ist in Ordnung so"

Ingolstadt (tsk) Alfred Grob, Landtagsabgeordneter der CSU, sieht keinen Grund, nicht am Ankerzentrum festzuhalten. Etwa 1000 Bewohner gebe es derzeit in der Einrichtung. "Wir hätten ein Riesenproblem, wenn die alle auch noch auf den Wohnungsmarkt kämen", sagte er gestern auf DK-Anfrage. Dazu gebe es ja schon 30 dezentrale Einrichtungen für Asylbewerber, und zwar für diejenigen mit einer hohen Bleibewahrscheinlichkeit, bei denen man auch alles unternehmen müsse, um sie zu integrieren. Anders sehe es bei den Bewohnern des Ankerzentrums aus, bei denen die Bleibewahrscheinlichkeit gering sei. Da müsse der Staat auch klare Kante zeigen.

Aber natürlich müsse auch eine gute Unterbringung gewährleistet sein. Und da sieht Grob das Ankerzentrum auf einem guten Weg: Die Türen ließen sich zur Wahrung der Privatsphäre inzwischen absperren, ein Gewaltschutzbeauftragter sei nun als Ergänzung zu Sozialarbeitern, -pädagogen und Security installiert. Für die Betreuung der Kinder in Tagesstätten vor Ort laufe derzeit die Ausschreibung von Kinderpfleger- und Erzieherstellen. Und Deutsch- sowie Integrationskurse würden nun nicht mehr nur für anerkannte Asylbewerber angeboten. Arbeitswillige Asylbewerber könnten in Ingolstadt darüberhinaus auch beim Ausländeramt eine Arbeitserlaubnis bekommen.

Bei weiteren Forderungen der Ingolstädter Erklärung sieht Grob keinen Handlungsbedarf: Jetzt schon habe jeder Bewerber die Möglichkeit, sich einen Anwalt zu nehmen. Jeder, der medizinisch versorgt werden müsse, könne dies auch kostenlos tun. Unabhängige Beschwerdestellen gebe es auch mehrere. Und dass es nur eine Gemeinschaftsküche gebe, das sei eben organisatorisch anders nicht möglich. Die durchschnittliche Verweildauer eines Asylbewerbers liege bei elf Monaten. Das ist aus Grobs Sicht "in Ordnung so".

Christian Rehberger