Minusgrade, Eis und Schnee
Glück auf Finnisch: Winterauszeit im Seenland Saimaa

30.03.2024 | Stand 30.03.2024, 5:00 Uhr |

Minusgrade, Eis und Schnee überwiegen Mitte März noch immer in Finnland: Vielerorts ist der Saimaa um diese Jahreszeit noch komplett zugefroren. Doch an manchen Stellen blinzelt der Frühling durch und vertreibt das Eis. − Fotos: Roider

Unberührte Natur, weite Landschaften, Kunst, traditionelle Gastronomie und Folklore: All das bietet Finnland. Besonders im Seenland Saimaa finden Urlauber Abenteuer, Ruhe, Entschleunigung, Bodenständigkeit – und etwas finnisches Glück.



Die Hände sind etwas starr von der vielen Arbeit. Den ganzen Tag über hat Sari gewerkelt: sie hat das Haus für die Gäste vorbereitet, ein Mehrgängemenü gekocht, den Speisesaal festlich eingedeckt und sogar die Menükarten ins Deutsche übersetzt. Der Tag ist für sie noch lange nicht vorbei. Doch Saris Zuhause ist nicht nur das Daheim, in dem sie mit ihrem Mann die drei Töchter großgezogen hat. Heute ist das abgelegene Anwesen an Finnlands größtem See, dem Saimaa, ein Zuhause für Kunst, Kultur, Gäste, Yogis und traditionelle finnische Volksmusik.

Und so schüttelt die 57-Jährige ihre Hände einmal aus und die Anstrengung des Tages ab, stellt sich hinter ihre Kantele und schließt die Augen. Und als die Gastgeberin ihre Finger auf die Seiten ihres traditionellen Zupfinstruments legt und die ersten sanften Töne erklingen, wird aus der finnischen Powerfrau, Köchin, Mutter, Gastgeberin,… ein Ruhepol. Die letzten Gespräche verstummen, das Besteck wird zur Seite gelegt. Alle Blicke sind gebannt auf die Frau im roten Kleid gelenkt, die ihren Körper sanft zur Musik wiegt. Zu der Musik, die nicht nur eine Aneinanderreihung von Tönen ist. Es ist die Musik, die die Geschichte ihres Volkes erzählt, über Generationen weitergetragen wird, die Geräusche der finnischen Tierwelt und Natur einfängt, die dunkle Jahreszeit überbrückt und deren Schwere nimmt.

Ursprünglichkeit der Natur



Auch an diesem Märztag ist das hellgrüne Holzhaus, die Villa Ruusula im nordkarelischen Rääkkylä, noch tief eingeschneit. Die Wege zum Haus sind vereist, der Saimaa ist dick zugefroren. Der finnische Winter ist hart und lang. Minus 20 bis 40 Grad Celsius sind hier keine Seltenheit.

Doch von eisiger Stimmung keine Spur. Die Finnen lieben die ausgeprägten und sehr unterschiedlichen Jahreszeiten ihres Landes. Eine beste Reisezeit gibt es deshalb für die Saimaa-Region eigentlich nicht. Es kommt ganz auf die Vorlieben an: Warme Sommertage, bunte Herbsttage, verschneite Landschaften, zauberhaftes Frühlingserwachen. Es gibt nur eines, was immer gleich ist: die Schönheit und Ursprünglichkeit der Natur, die Ruhe und Frieden ausstrahlt.

Und auch, wenn insbesondere die Winter sehr lang, frostig, trist und dunkel sind: Die Finnen machen das Beste daraus, feiern den grausten Tag des Jahres, verbringen viel Zeit mit der Familie, gehen Saunieren und danach Baden im eisigen Seewasser, spazieren über den zugefrorenen See und machen Lagerfeuer auf den Inseln. Insgesamt scheint den Finnen der Schalk im Nacken zu sitzen oder die Kreativität wird ungebremst ausgelebt. Vielleicht wird auch gerade die Winterzeit genutzt, um unkonventionellere Pläne für den Sommer zu schmieden: So gibt es zum Beispiel die Weltmeisterschaften im Handyweitwurf, Bäume-Umarmen, Schlammfußball, Luftgitarre-Spielen, Mücken-Erschlagen oder auch im Heavy Metal-Stricken.

Ist es das alles, was die Finnen zu den glücklichsten Menschen der Welt macht, wozu sie der aktuelle Weltglücksbericht zum siebten Mal in Folge ernannt hat?

„Wenn ich traurig bin, gehe ich in den Wald“

„Für mich ist es die Natur“, antwortet Irja auf die Frage, was sie glücklich macht. Die 62-Jährige ist etwas außerhalb des Koli in Südkarelien – einem von über 40 finnischen Nationalparks – aufgewachsen. „Ich war mit meinen Eltern schon als Kind viel im Wald“, erzählt sie bei einer Wanderung im Koli. Sie bückt sich und zupft ein Geflecht von einem abgebrochenen Ast: „Das ist Naava“, erklärt sie. Die Pflanze, Moosbart genannt, könne nur dort existieren, wo die Luft sehr sauber ist. Irja zupft etwas von der Pflanze ab und hält es sich an die Ohren: „Als Kinder haben wir uns Naava immer in die Ohren gesteckt oder als Bart angeklebt und so Trolle gespielt“, schwelgt sie in Kindheitserinnerungen. Draußen in der Natur. Im Wald. Ihrem Wohlfühl- und Zufluchtsort. Davon gibt es in Finnland reichlich: die Landfläche ist zu fast 75 Prozent mit Wald bedeckt. Damit ist Finnland Europas waldreichstes Land.

Und in die Wälder zieht es Irja praktisch immer. „Wenn ich traurig bin oder es mir schlecht geht, gehe ich in den Wald“, sagt sie. Das falsche Wetter gibt es dafür nicht. Irja geht immer raus.

Ihre Leidenschaft hat sie – nach Aufenthalten unter anderem in Helsinki und Garmisch-Partenkirchen – 1995 zum Beruf gemacht: Ihr Unternehmen „Feel Koli“ bietet unterschiedlichste Outdoor-Aktivitäten an – ganzjährig und bei jedem Wetter: von Sommer-Wanderungen mit Kaffee aus Kupilkas, Tassen aus Kiefernholzfasern und Kunststoff, am offenen Feuer bis Schneeschuhwanderungen mit traditionellen Liedern im Winter.

Heimat schützen



Dabei ist es Natur- und Wildnisguide Irja das größte Anliegen, ihre Heimat zu schützen und Interessierten – vor allem auch Kindern – näherzubringen. Das Jedermannsrecht, nach dem sich jeder überall in der finnischen Natur frei bewegen darf, bringt dabei viel Freiheit. Aber auch Verantwortung: gegenseitiger Respekt vor der Natur, den Menschen und dem Eigentum. Die unberührte Schönheit der Natur soll auch für die nächsten Generationen bewahrt und geschützt werden.

Irja will unvergessliche Erlebnisse schaffen. Für alle Sinne, ohne Zeitdruck und mit Rücksicht auf Natur und Nachhaltigkeit. Das belegen auch das „Good Travel Seal-Umweltzertifikat“ und das „Label Sustainable Travel Finland“ für nachhaltigen Tourismus, mit denen die „Feel-Koli“-Touren ausgezeichnet sind.

„Ich will, dass jeder die Möglichkeit hat, die finnische Natur zu erleben“, erzählt Irja bei einer Tasse heißem Preiselbeersaft im nebligen Koli – natürlich eigens hergestellt aus selbstgepflückten Beeren. Deshalb ist Irja auch bei den Preisen ihrer Touren flexibel. Jeder soll mitmachen können. Die Herkunft ihrer Teilnehmer: egal.

Ist diese soziale Einstellung der Schlüssel zum Glück der Finnen? Es ist die Art und Weise, wie sie füreinander sorgen, hört man immer wieder als Erklärung. So bringen zum Beispiel fremde Menschen einer frischgebackenen Mutter Essen, damit sie sich nicht auch noch um die Bewirtung der Gäste kümmern muss, sondern sich auf ihr Baby konzentrieren kann. Und auch in den Familien herrscht tiefe Verbundenheit und gegenseitige Unterstützung.

„Wir gehen in den Wald und sammeln auf, was es gibt“

„Ich hätte das alles heute nicht alleine geschafft“, sagt Sari und deutet auf das Büfett mit finnischen Köstlichkeiten. Ihre 77-jährige Mutter stand mit ihr in der Küche, der 84-jährige Vater hat zuvor den Elch für den Hauptgang erlegt. Pilze, Preisel- und Blaubeeren sowie Cranberries sind selbst gesammelt verarbeitet. Zu Säften, süßen Aufläufen, Salat und Kompott. Die geräucherten Fische stammen aus dem Saimaa. Der Wein zum Essen ist aus heimischen Beeren hergestellt. Klassischer Weinanbau ist in dem nordeuropäischen Land klimatisch nicht möglich.

Doch die Finnen sind gewitzt und suchen ständig nach Alternativen. Möglichst viel soll aus der Region stammen. Und so verwundert es nicht, dass die Region Saimaa 2024 für ihre Esskultur Ostfinnlands mit dem internationalen Status „European Region of Gastronomy“ ausgezeichnet wurde. Für eine Küche, die traditionell, regional und rein ist – und damit den Saimaa widerspiegelt, dessen Qualität zum größten Teil so gut ist, dass man das Wasser direkt aus dem See trinken kann.

„Das ist es, was wir machen“, beschreibt Sari die finnische Tradition und Küche. „Wir gehen in den Wald und in die Natur und sammeln alles auf, was es gibt.“ Das habe sie schon in ihrer Kindheit mit den Eltern und Großeltern gemacht. Das ist für sie Glück. Nun gibt sie ihr Wissen an ihre Kinder und Enkelkinder weiter. „Wir leben mitten in der Natur und mit der Natur. In den Wäldern und an Seen.“ Beerenpflücken sei ihre Meditation, sagt sie, während sie ein Blech mit Karelischen Piroggen, Roggenteilchen mit Milchreisfüllung, in den Ofen schiebt. Es ist die Speise, die Sari an Samstagen gern mit ihrer Familie backt, die als Proviant zu Ausflügen in die Natur mitgenommen oder auch zu besonderen Anlässen gereicht wird. „Zu meiner Hochzeitsfeier mit 300 Gästen habe ich damals 1200 Piroggen gebacken“, erinnert sich Sari und muss dabei selbst ungläubig lachen.

Tradition und Handwerk sind den Finnen wichtig und schützenswert. Und so liegt allein auf diesem Blech so viel finnische Tradition und persönliche Geschichte: ein kleiner Happen Glück.


Redakteurin Verena Roider recherchierte auf Einladung von Visit Finland in Nord- und Südkarelien.