Immer noch beeinträchtigt
Staatsministerin Kaniber nach schwerem Unfall: „Ohne Gurt wäre ich heute nicht mehr da“

14.01.2023 | Stand 17.09.2023, 5:33 Uhr |

„Mir hat der Herrgott ein Ticket zum Weiterleben gegeben“: Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) hat sich bei dem Unfall auch das Brustbein gebrochen. −Foto: Judith Schmidhuber

Auf dem Weg nach München wird der Dienstwagen von Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber im vergangenen Herbst in einen schweren Unfall bei Siegsdorf (Landkreis Traunstein) verwickelt. Bis heute leidet die CSU-Politikerin unter den gesundheitlichen Folgen.



Sie hatten im November einen schweren Verkehrsunfall. Ein Auto war auf die Gegenfahrbahn geraten, ein anderes Auto musste ausweichen und ist dabei mit Ihrer Ministerlimousine kollidiert. Sie wurden schwer verletzt, waren im Krankenhaus auf der Intensivstation. Was genau hat Ihnen gefehlt und wie geht es Ihnen heute?
Michaela Kaniber: Ich hatte ein gebrochenes Brustbein und eine Verletzung im Iliosakralgelenk, also dem Übergang von der Wirbelsäule zum Becken, ein schwer lädiertes Steißbein. Allesamt konnte man nicht operieren oder gipsen, sondern brauchten und brauchen einfach Zeit zur Heilung. Ich habe Anfangs ziemlich heftige Schmerzmittel bekommen, weil ich nur schwer atmen und sprechen, geschweige denn sitzen konnte. Mittlerweile ist es besser geworden, aber ich bin längst noch nicht schmerzfrei: Ich kann nach wie vor nicht richtig sitzen und brauche einen Sitzring. Und auch das Brustbein meldet sich immer wieder Mal. Kurzum: Ich versuche, durch hartes Training und Physiotherapie wieder fit zu werden.

Welche Erinnerung haben Sie an den Unfall?
Kaniber: An dem Tag war ich aus dem Berchtesgadener Land zu einem Termin nach München unterwegs. Meine Fahrerin und ich mussten von der Autobahn abfahren, weil es dort einen Stau wegen eines Unfalls gab. Natürlich denkt man da auch an den berühmten bayerischen Dreiklang „hätte ich, wäre ich, täte ich…“. Während der Fahrt habe ich auf dem Rücksitz gearbeitet und auf meinem Handy gelesen. Plötzlich hörte ich meine Fahrerin rufen „Oh mein Gott“ – in dem Moment habe ich aufgeschaut und gesehen, wie uns ein Fahrzeug entgegengeflogen kam. Es wurde immer größer, hat die ganze Windschutzscheibe ausgefüllt. Und zeitgleich hat es auch schon fürchterlich gekracht, gefolgt von totaler Stille. Nach einiger Zeit habe ich ganz langsam die Augen geöffnet und geschaut, ob ich lebe, ob ich mich spüre, ob irgendwo Knochen rausstehen. Ich habe nach meiner Fahrerin geschaut und nach ihr gefragt, so wie sie auch gleich nach mir. Dann gab es plötzlich eine Stimme aus dem Off: Die Sensoren unseres Autos haben die ausgelösten Airbags registriert und eine Verbindung zum Notfallsystem des Autoherstellers hergestellt. Wir wurden gefragt, ob wir einen Unfall hatten, dann wurden unsere GPS-Koordinaten automatisch an die Rettungsleitstelle weitergeleitet und die Rettungskette in Gang gesetzt. Und Sie können mir glauben – ich war in dem Moment so wahnsinnig erleichtert, dass Hilfe naht und zugleich war ich überglücklich über den Hightech-Standort Bayern und unsere technischen Innovationen, was alles möglich ist.

„Dann bin ich bewusstlos zusammengebrochen“

Was ist dann passiert?
Kaniber: Ich bin ausgestiegen – und habe gemerkt, dass ich kaum atmen kann. Meine Fahrerin hat mich noch in den Arm genommen, aber ich bin dann bewusstlos zusammengebrochen. Als ich wieder zu mir kam, habe ich begonnen, die Situation zu realisieren: Wir waren mit unserem Fahrzeug ziemlich abseits der Straße zu stehen gekommen, mein Handy lag im Schlamm, um uns herum gab es jede Menge Blaulicht. Dann erst habe ich das Fahrzeug der anderen Unfallbeteiligten gesehen und habe realisiert, dass ich es nicht geträumt hatte – es war bittere Realität. Ich wollte helfen. Aber da waren längst Rettungssanitäter, Polizisten und Feuerwehrler am Werk, die alle unglaublich einfühlsam und professionell das getan haben, was notwendig war. Auch danach war ich so dankbar, dass es in solchen Momenten so viele helfende Hände gab – auch anschließend im Krankenhaus.

Wie würden Sie sagen, dass Sie und Ihre Familie das alles verkraftet haben?
Kaniber: Ich fühle mich durch dieses Ereignis in einer Schicksalsgemeinschaft mit der Frau im anderen Wagen, die leider verstorben ist. So, wie ich bei dem Unfall gemerkt habe, der Herrgott nimmt dich jetzt erst Mal aus dem Spiel, so hat mir der Herrgott ein Ticket zum Weiterleben gegeben. Der anderen Dame leider nicht. Für mich ist das ein Grenzerlebnis, ihr Schicksal und das der Angehörigen berührt mich unglaublich. Die Welt dreht sich weiter, aber es ist natürlich nichts mehr so wie es vorher war – auch wenn ich natürlich dankbar bin, dass ich weiterleben darf, dass meiner Fahrerin nichts Schlimmeres passiert ist und dass ich mich auf das freuen kann, was das Leben noch für mich bereithält. Natürlich weiß jeder von uns theoretisch, wie wichtig es ist, angeschnallt zu sein. Aber mir ist es da so deutlich vor Augen geführt worden: Ohne Gurt wäre ich heute nicht mehr da.

Und wie erging es Ihrer Familie?
Kaniber: Mein Mann ist selbst Polizist. Er war deshalb sehr strukturiert. Trotzdem war es auch für ihn etwas anderes, wenn plötzlich die eigene Frau betroffen ist. Er hat die Familie informiert und sich um die notwendigen Dinge gekümmert. Schlimm war es allerdings für eine meiner drei Töchter: Sie war an dem Tag auf Studienfahrt. Mein Mann hatte sie schon informiert. Aber trotzdem war es für sie schockierend, die dramatischen Schlagzeilen von den schweren Verletzungen aus der Ferne im Internet lesen zu müssen. Beim Zusammentreffen der Familie auf der Intensivstation sind natürlich Tränen geflossen. Aber es war für uns alle so unglaublich wichtig, in dem Moment geborgen in einer Familie zu sein. Und was mir die ganze Zeit über auch viel Kraft gegeben hat, war das überwältigende Mitgefühl, das mich aus Bayern, Deutschland und bis aus Kroatien erreicht hat.

„Ich bin seitdem noch nicht viel im Auto gefahren“

Das Ministeramt bringt es mit sich, dass man unglaublich viel unterwegs ist. Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie in ein Auto steigen?
Kaniber: Ich bin seitdem noch nicht viel im Auto gefahren: Die Ärzte haben mir schnell klar gemacht, dass ich mich sechs Wochen völlig zu schonen habe, damit die Verletzungen verheilen können. Insbesondere das Brustbein durfte nicht erschüttert werden und sitzen hätte ich ohnehin nicht können. Und auch Ministerpräsident Dr. Markus Söder hat mich gleich angerufen und mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, erst mal auf meine Genesung zu achten. Dabei hatte ich zuerst noch gedacht, dass ich in ein paar Tagen schon wieder Termine wahrnehmen könnte. Der Unfall war an einem Montag und ich dachte anfangs wirklich noch, ich könnte spätestens am Donnerstag in Herrsching am Ammersee bei einer Tagung des Bauernverbands dabei sein. Die Realität war eine andere.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus dem Unfall?
Kaniber: Ich stelle mir die Frage, ob es richtig sein kann, dass wir zum Teil am Tag über 1000 Kilometer quer durch Bayern im Auto zurücklegen, um Termine wahrzunehmen. Natürlich ist es wichtig, dass wir Ministerinnen und Minister draußen bei den Menschen zu persönlichen Gesprächen sind und uns vor Ort ein Bild machen. Aber ich möchte ein bisschen die Taktung zurückfahren: Nicht am Vormittag in Franken und am Abend in Schwaben, sondern lieber mal intensiver in einer Region unterwegs sein und dort mehr Termine wahrnehmen.

Was steht denn nun nach dieser Zwangspause thematisch als Erstes für Sie an?
Kaniber: Kommende Woche bei der CSU-Klausurtagung in Kloster Banz werde ich wieder dabei sein. Organisatorisch bereiten wir im Ministerium gerade die Grüne Woche in Berlin vor, die weltgrößte Messe der Agrar- und Ernährungswirtschaft, und die große Marketingplattform für unsere hervorragenden bayerischen Produkte, unser wunderschönes Urlaubsland Bayern und die Leistungen unserer Bauernschaft. Was mich inhaltlich umtreibt, ist die Politik der Berliner Ampel-Regierung mit ihren ideologiegetriebenen Umerziehungs-Versuchen, was Ernährung und Gesellschaft angeht. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir von den Grünen hatte jetzt sieben Wochen Ruhe vor mir. Damit ist es nun vorbei, ich bin wieder da (lacht). Nicht aus einer Anti-Haltung – er ist ja ein sympathischer Zeitgenosse – aber weil in Berlin so viele Dinge zu Lasten unserer bäuerlichen Betriebe, unserer Kulturlandschaft und damit langfristig zu Lasten unserer Verbraucher und unserer Heimat gehen.