Historisches Hochwasser
Die verheerende Flut kam 1994 über Nacht: Vohburg versinkt in den Wassermassen

13.04.2024 | Stand 14.04.2024, 12:50 Uhr
Horst Richter

Nicht nur im Vohburger Süden standen ganze Straßenzüge unter Wasser.   Fotos: Richter

Die Ohnmacht war das Schlimmste! Die ganze Nacht über hatten rund 700 freiwillige Hilfskräfte geschuftet, hatten Sandsäcke gefüllt, Dämme gebaut und versucht, gegen die Naturgewalt anzukommen. Am Ende war alle Mühe vergeblich.



Einer Sintflut gleich brachen die Wassermassen am 14. April 1994 über Vohburg herein und setzten die halbe Stadt im nördlichen Landkreis Pfaffenhofen unter Wasser. Der zuvor von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk (THW), Soldaten des Ingolstädter Pionierbrückenlehrbataillons 230 und vielen anderen Helferinnen und Helfern eilig errichtete Schutzwall im Süden hatte um 7.20 Uhr nicht mehr standgehalten. Die Wassermassen breiteten sich rasend schnell aus, innerhalb einer Stunde stand die Flut meterhoch in den Straßen. An diesem Wochenende jährt sich das Geschehen zum 30. Mal.

Mehrere Flüsse treffen bei Vohburg aufeinander

Gehen wir also zurück zum 14. April 1994. Paradoxerweise hatte sich an jenem Donnerstag die zuvor auch im übrigen Pfaffenhofener Raum äußerst prekäre Hochwasserlage ganz langsam wieder entspannt, der Katastrophenalarm war vielerorts aufgehoben worden. Nicht so jedoch in Vohburg: „Hier kommen halt gleich mehrere Flüsse zusammen“, nennt Rathauschef Martin Schmid das Problem – Donau, Kleine Donau, Ilm, Irschinger Ach und der Wellenbach. Schmid war damals noch 3. Bürgermeister und hauptberuflich bei der Polizei in Geisenfeld beschäftigt, für diesen Katastrophenfall aber freigestellt.

Tags zuvor, am 13. April, hatten die Vohburger – aus leidvoller Geschichte das anstehende Unheil ahnend – bereits begonnen, in hektischer Eile im Süden der Stadt einen provisorischen Damm zu errichten. Alle Schufterei blieb indes vergeblich. „Wir haben die Sandsäcke im Akkord gefüllt, viele haben mitgeholfen, aber das Wasser ist immer noch mehr geworden“, berichtet der damalige Feuerwehrkommandant Fritz Jung. „Dann ist alles schlagartig gegangen, der mobile Damm ist gebrochen.“

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Die Menschen in den gefährdeten Gebieten der Stadt – vor allem in der Ausiedlung – hatten vor dem Dammbruch noch versucht, ihre Habseligkeiten zu retten. In der Kürze der Zeit gelang das vielen nicht mehr. Soldaten aus der Ingolstädter Pionierkaserne rückten mit einem schwimmfähigen Panzer und Booten an, das THW war „mit großer Ausrüstung“ zur Stelle, und Feuerwehrleute aus dem ganzen Umkreis packten tatkräftig mit an.

Für einen 55-Jährigen war die Aufregung zu groß, er starb in seinem überschwemmten Haus an akutem Herzversagen. Seine Frau fand ihn, erlitt einen schweren Schock und brach bewusstlos neben ihm zusammen. Der Schreck war auch bei vielen anderen groß. Die heranrauschende Flut hatte zahlreiche Keller bis zur Decke gefüllt, selbst im Erdgeschoss stand in vielen Häusern das Wasser bis zu einem Meter hoch. Heizöltanks schlugen leck, der auslaufende Brennstoff trieb in bunten Farben schillernd auf der Oberfläche der braunen Flut. In einem mauerumfriedeten Garten färbte das Wasser sich blutrot. Ein makabres Bild.

Die Umweltschäden interessierten in diesem Moment aber die wenigsten, viele Vohburger verloren vorübergehend ihr Zuhause. „Bei uns sind gleich drei Wohnungen unter Wasser gestanden – und auch unsere Lagerhalle“, erinnert sich Katrin Wolfsteiner, deren Mann ein Bauunternehmen in Vohburg betreibt. Er und sein Vater hätten zuvor noch mitgeholfen, den Damm zu sichern. „Da ist dann keine Zeit mehr geblieben, daheim irgendwas leer zu räumen und in Sicherheit zu bringen.“ Wenigstens ihr Auto habe sie noch retten und auf den Burgberg bringen können, wo es trocken blieb. Drei Tage habe es gedauert, bis die Flut sich langsam zurückzog, sagt die Vohburgerin. „Das Aufräumen danach hat Monate gedauert.“

Nach vergeblicher Sanierung blieb nur der Abriss

Ein anderer Betroffener will „gar nicht mehr darüber reden, sonst rege ich mich bloß wieder auf“. Als er sein Haus ein paar Jahre vorher gebaut hatte, durfte er mit dem Gebäude nach eigenen Angaben nicht höher herausgehen, die Behörden hätten das untersagt. In jenen Apriltagen vor 30 Jahren stand es dann komplett im Wasser. „Wir haben jahrelang versucht, das Haus zu sanieren, später haben wir es dann doch abreißen müssen.“ Wenn der heute 80-Jährige daran denkt, steigt sein Blutdruck schlagartig an.

Die Jahrhundertflut warf die Frage auf, ob der Hochwasserschutz in Vohburg im Vorfeld möglicherweise vernachlässigt worden war. Ein früherer Leiter des Ingolstädter Wasserwirtschaftsamtes hatte schon im Januar 1985 in einem Schreiben an die Stadt gewarnt, dass der Damm im Süden „bei großen Hochwassern überronnen und damit auch zerstört werden“ könne. Angeblich soll das Verhältnis zwischen ihm und dem damaligen Bürgermeister, Martin Schmids Vorvorgänger, nicht das beste gewesen sein. „Inzwischen sind die Hausaufgaben aber gemacht worden“, versichert der jetzige Rathauschef. Freistaat, Stadt und Wasserwirtschaftsamt hätten einiges zum Schutz Vohburgs auf den Weg gebracht. Schmid nennt die Anhebung der Donaubrücke, den Neubau der Brücke über die Kleine Donau, eine Schutzmauer bis zum Klärwerk, die Erhöhung der Dämme sowie die Errichtung zweier Pumpwerke zur Entwässerung des Augrabens und Entlastung des Kanalnetzes. „Ich bin sehr zufrieden, weil man Vohburg als gesichert ansehen kann.“

Die Aufräumarbeiten zogen sich bis in den Sommer 1994 hinein hin. „Wir haben das Zeug gar nicht so schnell wegschaffen können, wie die Leute es gebracht haben“, sagt Ex-Feuerwehrkommandant Fritz Jung. Bürgermeister Schmid schätzt den Gesamtschaden „auf mindestens 50 bis 100 Millionen Euro, wahrscheinlich sogar mehr“. Viele seien damals nicht versichert gewesen, „das war schon hart. Sowas wird in diesem Ausmaß hoffentlich nie wieder passieren.“