Eichstätt

„Oben ohne“ im Inselbad: Ein Verstoß gegen die guten Sitten?

Was einer Frau, die ihr Oberteil abgelegt hat, widerfahren ist – „Gleiche Brust für alle“

02.08.2022 | Stand 02.08.2022, 13:48 Uhr

Verstoß gegen die „guten Sitten“? Das Thema „Oben ohne“ in Schwimmbädern rückt wieder zunehmend in den Blickpunkt und wird kontrovers diskutiert. Foto: Knopp

Von Jürgen Knopp

Für die einen ist es schlicht „schamloses“ Verhalten, für die anderen ein wichtiges Zeichen für mehr Gleichberechtigung. Ein Vorfall im Eichstätter Inselbad verdeutlicht, wie weit die Meinungen zum Thema „Oben ohne“ bei Frauen auseinanderliegen können.



Eine Studentin, 21, nennen wir sie Anne K., hatte sich im hinteren Teil der Anlage auf der Liegewiese niedergelassen. Ohne sich Böses dabei zu denken, streifte sie ihr Bikini-Oberteil ab und widmete sich „oben ohne“ ihrem Laptop, um noch ein paar Hausaufgaben zu erledigen. Ein paar Meter weiter sonnte sich ebenfalls eine Frau barbusig – in männlicher Begleitung. Wird schon seine Richtigkeit haben, dachte sich die Studentin. Dazu muss man wissen, dass Anne aus dem Ausland kommt und die „Lockerheit“ der Deutschen in dieser Beziehung aber wohl etwas falsch eingeschätzt hat.

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„Wir sind hier nicht am FKK-Strand“

Es dauerte nämlich nicht lange, da stürmte eine Frau Mitte 30 heran, die ganz offensichtlich gar nicht erbaut war ob so viel vermeintlicher Zügellosigkeit: „Sie hat mich richtig böse angebrüllt“, berichtet Anne, die im ersten Moment nicht wusste, wie ihr geschah. Die empörte Frau habe geschrien, sie habe Kinder, denen dieser Anblick nicht zuzumuten sei. Die Tiraden gingen weiter – „Wir sind hier nicht am FKK-Strand“ –, und die eingeschüchterte Anne legte ihr Oberteil wieder an. Irgendwann tauchte auch der alarmierte Schwimmmeister auf und verwies auf die geltenden Regeln. „Aber sehr freundlich“, betont Anne, die im Übrigen Unterstützung von umliegenden Badegästen erhielt.

Aber wie ist das eigentlich mit der Kleiderordnung im Inselbad? „Der Aufenthalt in den Schwimmbecken ist nur in üblicher Badebekleidung gestattet“, steht in der Badeordnung geschrieben. Und außerhalb der Schwimmbecken? Hier klafft tatsächlich eine Lücke. Aber Stadtwerke-Chef Wolfgang Brandl verweist auf den offensichtlich entscheidenderen „Paragraphen“: „Die Badegäste sind verpflichtet, alles zu unterlassen, was gegen die guten Sitten ... verstößt. Jeder Badegast hat sich so zu verhalten, dass kein anderer durch ihn gefährdet, geschädigt oder mehr als den Umständen nach vertretbar behindert oder belästigt wird.“

Im hinteren Liegebereich „weniger dramatisch“

Eine nackte weibliche Brust als Verstoß gegen die guten Sitten und als Belästigung? „Wenn sich jemand dadurch gestört fühlt, werden wir das unterbinden“, so Brandls Ansage gegenüber unserer Zeitung. Und: „Grundsätzlich empfehlen wir, im Badebetrieb von ,oben ohne’ Abstand zu nehmen.“ Bisher habe sich das auch so bewährt. Im hinteren Liegebereich sei es allerdings „weniger dramatisch“, wenn eine Frau ihr Oberteil ablegt. Was mögliche Lockerungen in näherer oder fernerer Zukunft betrifft, „müssen wir die gesellschaftliche Entwicklung abwarten“, fügt Brandl hinzu.

Jedenfalls scheint das Thema wieder ins Rollen zu kommen: Manche öffentlichen Schwimmbäder in Deutschland wie in Göttingen erlauben seit neuestem „oben ohne“, es gibt barbusige Aktionen wie jetzt erst am Wochenende bei einer Demo in Augsburg, und die Initiative „Gleiche Brust für alle“ hat eine Petition für eben mehr Gleichberechtigung gestartet. Wenn Männer mit nackter Brust herumlaufen dürfen, soll das auch für Frauen gelten. Eine Berliner Soziologin führt in einem Podcast von Deutschlandfunk Nova zu dem Thema das Anti-Diskriminierungs-Gesetz an und verurteilt zudem die übliche Sexualisierung der weiblichen Brust: „Sie ist ein Körperteil. Da gibt es nichts zu glotzen.“

Und wie verhält sich Anne K. bei künftigen Besuchen im Inselbad? Allein „oben ohne“ will sie dort nicht mehr sein: „Da ist man verwundbarer.“ In Begleitung, und wenn nur wenige andere Leute da sind, wäre das etwas anderes. Es gehe ihr auch um die Entsexualisierung der weiblichen Brust: „Wir sollten da schon viel weiter sein.“

EK