Mittwoch, 25. Mai 2016 |

 

07.01.2016 22:16 Uhr | x gelesen
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"Ich halte nur wenige Flüchtlinge für gefährlich"


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Ingolstadt (DK) Was junge Flüchtlinge über Frauen denken, weiß Christian Zech recht genau. Als Sexualpädagoge arbeitet der 41-Jährige bei „Pro Familia“ mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im Alter zwischen 14 und 19 Jahren, die in Ingolstadt, Neuburg und Eichstätt leben.


Ingolstadt: "Ich halte nur wenige Flüchtlinge für gefährlich"
Christian Zech - Foto: Eberl

 

Herr Zech, begegnen Ihnen bei Ihrer Arbeit mit Flüchtlingen negative Frauenbilder?

Christian Zech: 10 bis 20 Prozent der Jugendlichen haben ein abwertendes Frauenbild: die Frau als verfügbares Gut des Mannes. Da habe ich Bauchgrimmen, wenn ich die reden höre. 30 bis 40 Prozent der Jugendlichen sind hochanständig, fast überanständig. Der Rest liegt dazwischen. Da hätte ich aber keine Angst, dass die Frauen respektlos begegnen. Was in Köln passiert ist, ist da eine ganz andere Sachlage.

 

Welche Rolle spielt Religion?

Zech: 80 Prozent der Jungen, mit denen ich arbeite, sind Muslime. Der Islam hat ein sehr aufgeteiltes Rollenverständnis – je nach Auslegung des Koran. Das ist nicht unbedingt eine Abwertung, zum Teil zählen die Frauen auch mehr als die Männer.

 

Was sind klassische Probleme, denen die Jugendlichen hier begegnen?

Zech: Ein Teil ist sehr schüchtern. Die trauen sich nicht, Mädchen anzuschauen, weil es sich nicht gehört. Teilweise ist die Kontrolle durch Landsleute hier sehr stark. Die Jugendlichen sind aber interessiert: Wie läuft es hier? Wenn man sie dann alleine lässt, suchen sie sich Lösungen, zum Beispiel im Internet – und stoßen auf die Frauenbilder der Pornografie.

 

Was sagen Sie den schüchternen Jugendlichen?

Zech: Ich sage immer: Wenn Mann und Frau sich treffen, braucht es viele kleine „Jas“. Jemanden einfach anzusprechen ist teilweise unhöflich. Lieber abwarten: Lächelt sie zurück oder nicht? Dann darf man einen Schritt weiter gehen.

 

Wie reagieren die Jugendlichen?

Zech: Unterschiedlich. Da habe ich den relativ Gewieften, der lächelt, weil er schon Erfahrungen hat. Aber ich habe auch den, dem beigebracht wurde, keine Frau außerhalb der Familie anzuschauen. Der kann dann nicht glauben, dass er das wirklich darf. Thema sind auch die Mythen, die die Jugendlichen gehört haben. Zum Beispiel, dass es hier normal ist, dass verheiratete Frauen mit anderen Männern schlafen.

 

Gibt es zu forsche Jugendliche?

Zech: Klar, es gibt die Jugendlichen, die kein Gespür haben – ohne es böse zu meinen. Da war zum Beispiel ein sehr lieber Kerl, der mit vier Freunden zwei Mädels angesprochen und sich gewundert hat, dass die die Polizei gerufen haben. Das war auf einer Parkbank im Dunkeln. Dabei wollten die Jungen nur reden, weil jemand ihnen erzählt hat, das wäre okay. Aber ich habe nur ganz wenige erlebt, die ich in irgendeiner Form für gefährlich halte. Was für manche schwierig ist, ist, dass die Frauen jederzeit Nein sagen können – auch beim Knutschen. Aber das verstehen manche Deutsche genauso wenig.

 

Erleben Sie bei den Jugendlichen Frustration, weil sie Frauen vergeblich ansprechen?

Zech: Das nicht, eher die Frage: Wo sollen wir Frauen kennenlernen? Sie leben in Wohngemeinschaften und gehen in die Schule, dazwischen ist es schwierig, im sozialen Leben anzudocken.

 

Hören Sie vom Mythos, Frauen ließen sich einfach anfassen?

Zech: Das nicht, aber von begangenen Übergriffen höre ich gelegentlich. Bei manchen ist es jugendlicher Überschwang – das geht natürlich trotzdem nicht. Probleme gibt es, wenn das nicht richtig erklärt wird und die Jugendlichen falsche Freunde haben. Wenn ich fünf 16-jährige Deutsche ohne Aufklärung drei Wochen an einen FKK-Strand schicke, wird auch nichts Gutes herauskommen.

 

Kann ich an einem negativen Frauenbild etwas ändern?

Zech: Wenn es verfestigt ist, ist das sehr schwierig. Meine wichtigste Methode ist das Reden. Da gehe ich zum Teil über den Koran, der ja auch etwas Anderes sagt. Wir sprechen über Werte wie Respekt und Freiheit.

 

Wie sind die Rückmeldungen von den Betreuern?

Zech: Hängen bleibt, dass man über das Thema reden kann. Die Jugendlichen wissen um die Regeln und dass es Beratungsstellen gibt. Man sollte allen Flüchtlingen zeigen, wie es in Deutschland läuft – egal, ob sie bleiben oder zurückgehen. Nicht mit der Vorgabe, dass die sich nicht benehmen können. Wenn ich nach Indien reise, lese ich auch vorher im Reiseführer nach, was ich tue und was nicht.

 

Was ist mit Themen wie Homosexualität?

Zech: Für die Mehrheit ist es schwierig zu hören, dass das hier in Ordnung ist. Häufig höre ich aber: Das ist Europa, da geht das alles. Es geht auch darum, die Flüchtlinge zu schützen. Manchmal werden die Jungen von schwarzen Schafen ausgenutzt. Mein Job ist es nicht, die deutsche Gesellschaft vor Flüchtlingen zu schützen, sondern dafür zu sorgen, dass beide gut zusammenkommen.

 

Das Gespräch führte Annika Schneider.


Donaukurier
 
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