Ingolstadt: "Die Rechtschreibreform ist kein Ruhmesblatt"
 
Ingolstadt

Herr Zehetmair, als Vorsitzender des Rates für deutsche Rechtschreibung beschäftigen Sie sich mit den Folgen und Nachwirkungen der Rechtschreibreform. Macht das Spaß?

Hans Zehetmair: Spaß? Nein. Diese Aufgabe habe ich mir bestimmt nicht gewünscht. Das ist eher ein Bußgang für mich.

 

Ein Bußgang?

Zehetmair: Im Rückblick muss man sagen, dass die Rechtschreibreform kein Ruhmesblatt war und ist, weder für die Politik noch für die Wissenschaft. Der Fehler der Politik war, dass wir uns mit dieser Reform nicht befasst haben.

 

Obwohl Sie als langjähriger bayerischer Kultusminister selbst daran beteiligt waren?

Zehetmair: Ich bin froh, dass Sie diese kritische Frage stellen. Ja, ich schließe mich da nicht aus. Ich habe das Thema genauso wenig geliebt wie die anderen 16 Kultusminister der Bundesrepublik Deutschland. Deshalb haben wir die Wissenschaftler einfach machen lassen. Als dann die ersten Zwischenberichte vorlagen, habe ich als einsamer Rufer in der Wüste gesagt, dass ich nicht mitmachen werde. Aber insgesamt, diesen Vorwurf muss ich mir heute machen, habe ich mich zu wenig um die Reform gekümmert.

 

17 Kultusminister scheren sich nicht um eine Jahrhundertreform der deutschen Sprache? Eine abenteuerliche Vorstellung, oder?

Zehetmair: Ich glaube, die Bürger haben das damals auch gespürt. Deshalb waren die ganze Wut und Empörung so groß, die 2002 und 2003 in der Gesellschaft hochkamen. Die Ministerpräsidenten Wulff in Niedersachsen und Stoiber in Bayern haben dann gesagt, dass sie nicht mitmachen und die ganze Reform rückgängig machen würden. Das ging aber nicht, weil die Wörterbücher schon gedruckt waren und weil in den Grundschulen bereits die reformierte Rechtschreibung gelehrt wurde.

 

Wie ging es weiter?

Zehetmair: Die Kultusminister der Länder baten mich 2004, den Vorsitz zu übernehmen für einen neu zugründenden Rat für deutsche Rechtschreibung. Die Aufgabe war, die Reform zu reformieren. Ich fühlte mich verantwortlich, das Ganze wieder so hinzukriegen, dass auch die gewöhnlichen Sprachnutzer sich wieder mit dem Deutschen identifizieren konnten und wollten. Also habe ich mich daran gemacht. Es war eine mühsame Prozedur. Ich musste bei Beschlüssen zwei Drittel Mehrheit bekommen von 40 Mitgliedern des Rates.

 

Wie sieht die Arbeit des Rates aus?

Zehetmair: Wir haben uns in den ersten Jahren sechs- bis achtmal im Jahr getroffen, heute kommen wir jedes Jahr zwei oder dreimal zusammen. Wir mussten die Reform so zurückzuschrauben, dass gewöhnliche Leute damit etwas anfangen können. Das war nicht einfach, wenn man als Politiker den hochgebildeten Leuten im Rat sagen muss, dass man auch von der breiten Masse verstanden werden muss und dass man die, die noch schreiben und Bücher oder Zeitungen lesen, nicht missachten darf.

 

Können Sie Beispiele nennen?

Zehetmair: Nehmen wir das Komma. In der ersten Fassung der Reform waren die Satzzeichen völlig ausgemerzt. Die schwierigste Aufgabe für mich war, im Rat einen Stimmungsumschwung herbeizuführen. Einzugestehen, dass man doch zu weit gegangen ist, fällt nicht nur Politikern schwer, sondern auch Wissenschaftlern.

 

Umso erstaunlicher ist Ihre Offenheit.

Zehetmair: Es geht nicht anders. Natürlich gibt es ältere Bürger, die einfach keine Lust haben, sich an die neuen Regeln zu gewöhnen. Kaiser Wilhelm hat Anfang des 20. Jahrhunderts auch gesagt, dass er die damals neue Rechtschreibung nicht anwenden werde, und er hat das auch nicht getan. In erster Linie geht es um die jungen Menschen, für die brauchen wir einheitliche Schreibregeln, ob in der Schule, in der Arbeit oder beim Umgang mit Behörden.

 

Manche Schriftsteller wie Hans Magnus Enzensberger oder Christoph Ransmayr schreiben weiter nach den alten Regeln.

Zehetmair: Das macht nichts. Ich meine, es muss nicht alles uniformiert werden wie etwa in Österreich, wo in der Schule grundsätzlich nur Bücher besprochen werden, die in der neuen Rechtschreibform vorliegen. Die Sprache ist ein Gebilde, das lebt und das sich verändert. Streit gibt es heute nur noch um die Fehlerquelle im Gebrauch von „dass“ und „das“. Wir als Bayern können das leicht mit einer Eselsbrücke überbrücken: Wenn man statt das auch des sagen kannst, dann ist es ein einfaches s. Beispiel: I woas, dass des richtig ist.

 

Haben Sie auch dazu beigetragen, die Zeitungen zu befrieden? Die Frankfurter Allgemeine zum Beispiel hat lange Widerstand geleistet.

Zehetmair: Ich war damals bei den Herausgebern der FAZ und habe rasch bemerkt, dass auch in der Spitze ein Kampf um die Rechtschreibung entbrannt ist. Erst ist der „Spiegel“ eingeschwenkt auf die neuen Regeln, dann sind die anderen gefolgt.

 

Die „FAZ“ weigert sich aber auch heute noch, Stengel mit ä zu schreiben.

Zehetmair: Zu Recht! Der Stängel gehört zu den Fällen, die wir noch korrigieren müssen. Auch die Kleinschreibung von du und dir in der direkten Anrede war so ein Fall. Ich habe damals im Rat gesagt, das sei ein persönliches Anliegen von mir, dass sie wenigstens durchgehen lassen, in Briefen und vertraulichen Kontakten das Du und Dein weiter großschreiben zu können. Das habe ich Gott sei Dank durchgesetzt.

 

Was von den Regeln der Rechtschreibreform tut Ihnen heute noch weh?

Zehetmair: Nicht mehr viel. Sogar mit den Trennungsregeln habe ich meinen Frieden gemacht. Dass man Fenster jetzt auch Fens-ter trennen kann, damit kann ich leben. Ebenso, dass man Schifffahrt mit drei f schreibt. Die Lautfärbungen tun mir noch weh, also Stängel oder Gämse. Daran arbeiten wir.

 

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, die Uhr wieder zurückzudrehen: Würden Sie das tun?

Zehetmair: Ich habe mich so lange und so intensiv mit der Reform beschäftigt, dass es mir davor grauen würde, alles wieder auf Null zu stellen. Ich würde sagen, 100 Jahre nach der letzten Rechtschreibreform war es an der Zeit, die Orthografie fortzuschreiben. Dass die Politik das Thema an sich gezogen hat, das sollte sich aber nie mehr wiederholen. Das ist nicht Aufgabe der Politik, und dafür ist sie auch nicht kompetent.

 

Bei zahlreichen Schreibweisen sind zwei Varianten zugelassen. Da fragt man sich, ob solche Konzessionsentscheidungen letztlich der Sprache nicht eher schaden.

Zehetmair: Wir sollten froh sein, dass wir in diesen Fällen die Wahl haben. Es war der einzige Weg, bestimmte Schreibweisen überhaupt durchzubringen. Ich glaube, wir haben die Reform inzwischen ganz gut hinbekommen. Ich sorge mich viel mehr darum, dass die Leute überhaupt noch richtig schreiben und nicht nur Wortfetzen wie beim Twittern benutzen.

 

Heute haben mitunter selbst promovierte Akademiker Mühe, fünf Sätze nacheinander ohne Kommafehler hinzukriegen. Was läuft da falsch?

Zehetmair: Das ist nicht eine Folge der reformierten Rechtschreibreform, dafür ist die noch zu jung. Ich denke, es liegt daran, dass sich viele Lehrer in der Schule nicht mehr so um eine saubere Orthografie kümmern. Dieses Vernachlässigen der Rechtschreibung, auch schon in der Grundschule, trägt irgendwann schlechte Früchte. Ich habe vor Kurzem selber eine Magisterarbeit korrigiert, als Zweitkorrektor. Die Arbeit hatte so erhebliche Rechtschreibmängel, dass ich sie der jungen Lehrerin zurückgegeben habe. Wo kommen wir da hin, wenn schon die Lehrer nicht mehr wissen, an welche Stelle man ein Komma setzt?

 

Das Interview führte Gerd Schneider.