Die Umwege führen zum Ziel: Christian Neuburger, René Arbeithuber, Gerd Rosenacker, Rainer Schaller und Matthias Neuburger (von links) sind Slut. Ab heute ist die neue CD der Ingolstädter Band mit dem vielversprechenden Titel "StillNo1" zu haben. - Foto: Virgin

DIE KUNST

Als erstes fällt bei der neuen Platte das Cover aus. Es sieht irgendwie schrecklich aus. So eine schreckliche Seite kannte man von Slut bisher gar nicht.

Chris Neuburger: Das Cover ist ein Gemälde eines Berliner Künstlers, Sigurd Wendland. Es schien uns sehr geeignet, die Musik auf "StillNo1", die einiges von einem fordert, visuell umzusetzen. Es schauen dich irgendwelche jungen Leute an, sie scheinen etwas von dir zu wollen – aber du weißt nicht, was. Den Maler haben wir entdeckt, als wir in Berlin während der Aufnahmen zur LP Galerien besucht und Kunstkataloge studiert haben.

Ihr geht auf Kunstausstellungen, Ihr habt im Theater Ingolstadt bei der Aufführung der "Dreigroschenoper" mitgewirkt, wahrscheinlich lest Ihr auch noch Bücher . . .

Neuburger: Ja, das kommt tatsächlich vor.

Drängt es Euch weg von der Pop-Welt in Richtung Hochkultur?

Neuburger: Nein, eine Veränderung sehe ich da nicht. Einige von uns sind ja neben der Musik auch in anderen Bereichen künstlerisch tätig, das war immer schon bei uns präsent.

Üben diese anderen Künste einen direkten Einfluss auf die Musik aus? Kann man bestimmte Gemälde heraushören

Neuburger: Das nicht. Was man heraushören kann, ist unser Theaterauftritt. Unserer neuen LP hört man es meiner Ansicht nach an, dass wir diese Schule durchlaufen haben. Man muss sich beim Theater anders mit seinem Instrument auseinandersetzen. Wir konnten da nicht einfach lospoltern und spielen, wie wir das gewohnt sind. Wir mussten innerhalb eines Gefüges funktionieren, bei dem die Schauspieler die erste Rolle spielen. So war jeder angehalten, in seinem Instrument etwas Neues zu entdecken.

DIE POLITIK

Beschreitet Ihr dann auch inhaltlich neue Wege

Neuburger: In der Tat. Die Texte sind diesmal relativ handfest. Auch leichter verständlich als auf der letzten Platte, bei der es relativ kryptisch zuging. Wir behandeln diesmal auch Themen, die wir so bisher noch nicht angesprochen haben. Es geht auch um die gnadenlose Macht des Geldes, des Ökonomischen. Da gibt es Lieder wie "Ariel", wo der Titel ein schönes, verliebtes Stück suggeriert – dabei ist der Text handfeste Systemkritik. Bei den Titeln führen wir die Hörer diesmal gern aufs Glatteis, damit die Ohren weit genug auf sind, um in den Text reinzuhören.

Solche handfesten, beinahe revolutionären Texte sind für Slut ja ziemlich neu. Was hat Euch denn nun dazu gebracht

Neuburger: Diese Gedanken sind bei uns nicht neu. Wir haben sie bislang nur nicht in Musik gekleidet. Wir sind keine Berufsrevolutionäre, wir machen nicht Musik, um zu provozieren. Aber wir nutzen die Musik, um unseren jeweiligen Erkenntnisstand zu transportieren. Wer in Ingolstadt wohnt, kann studieren, was passiert, wenn alles boomt. Das hier ist China im Kleinen. Und so ein Boom zieht die Veränderung von Wertigkeiten und Maßstäben nach sich. Das hat uns den Anstoß dazu gegeben, uns in unseren Lieder auch mit ökonomischen und politischen Themen auseinanderzusetzen.

DIE HEIMAT

Ich finde es bemerkenswert, wie präsent das Thema Ingolstadt immer wieder bei Euch ist.

Neuburger: Wir sind keine eingefleischten Patrioten. Wir kennen die Vorteile von Ingolstadt, wir kennen die Nachteile von Ingolstadt, und beides gegeneinander abgewägt, bringt uns zu der Entscheidung dazubleiben. Genauso wie uns die Stadt manchmal ans Bein pisst, beflügelt sie uns wieder. Es ist eine Art Hassliebe, die uns mit der Stadt verbindet, die aber sehr konstruktiv in Kunst umgesetzt werden kann.

Wobei der Hass – Gott sei Dank – in Euerm Werk nur selten durchscheint.

Neuburger: Wir werden den Teufel tun und Schmähreden auf diese Stadt halten – weil sie uns so viel gegeben hat und weil man in ihr sehr gut funktionieren kann. In Berlin wäre man einer unter hunderttausend, die mit so einem Lebensentwurf wie wir leben. In Ingolstadt steht man relativ allein da, und das macht’s ja so spannend.

Und so einen Bekanntheitsgrad wie in Ingolstadt hättet Ihr in Berlin auch nicht.

Neuburger: Das haben wir auch gedacht. Aber als wir in Berlin waren, wurden wir ständig in der U-Bahn angesprochen oder in irgendwelchen Kneipen. Da sind wahnsinnig viele junge Leute, die einen kennen, das war schon oft sehr überraschend.

Diese Popularität von Slut ist stetig gewachsen. Ihr hattet nie den "großen" Durchbruch, aber Ihr habt Euch inzwischen einen Namen gemacht in der deutschen Pop-Szene. Andere Bands, die mit Euch in einer Liga spielten, sind längst aufgelöst. Woran liegt das, dass Ihr Euch so gut gehalten habt? Sturheit

Neuburger: Ich würde eher sagen: Freundschaft. Die Freundschaft zwischen uns fünfen schafft die Basis, auf der wir uns gegenseitig ermutigen weiterzumachen. Auf der anderen Seite ist wohl auch die Bereitschaft zur Veränderung dafür verantwortlich, dass es uns immer noch gibt. Viele Bands bekommen, wenn sie einmal erfolgreich sind, eine Art Tunnelblick: Sie glauben, ihren musikalischen Stil gefunden zu haben und behalten ihn bei. Bei uns ist die Offenheit groß, alles, was nach Umweg, Ablenkung, Exkurs riecht, auszuprobieren. Wir wissen, dass uns die Umwege zum Ziel bringen. Wir suchen nicht, wir wollen was anderes uns finden lassen.

DIE MUSIK

Und welcher Umweg hat Euch auf "StillNo1" geleitet

Neuburger: Wie gesagt, diese Arbeit am Theater war sehr wichtig für unsere musikalische Entwicklung. Dadurch, dass am Theater auch andere Instrumente erwünscht waren, waren wir auf der neuen Platte ebenfalls offener dafür. Nachdem wir uns bei der letzten Platte gnadenlos reduziert hatten – Gitarre, Bass, Schlagzeug, fertig – gab es diesmal keine Restriktionen. Wir haben alles reingepackt, was da kreucht und fleucht. Der Rahmen, in dem die Musik stattfindet, konnte nicht groß genug sein. Daraus entstanden die manch-mal ungewöhnlichen Arrangements der einzelnen Stücke.

Ich finde "StillNo1" sehr verspielt und kunstvoll, ein wenig "arty" . . .

Neuburger: Arty würde ich es nicht nennen. Aber ich weiß auch nicht, wie ich es beschreiben soll. Es gab auch keinen speziellen Plan. Die Musik hat uns einfach mitgerissen. Wenn mal eine Trompete oder ein Akkordeon vorkommen, dann liegt das daran, dass die Musik das eingefordert hat, wir mussten da gar nicht lange überlegen.

Und wer ist mit den Liedern angekommen, die Euch dann so mitgerissen haben

Neuburger: Das klingt jetzt etwas hippiesk – aber uns ist es erstmals gelungen, alles, was man im Zuge einer Plattenproduktion macht, als Kollektiv zu machen. Da gab es keine Soloambitionen, da gab es keinen Hauptsongwriter. Jeder hatte überall seine Finger mit im Spiel. Wir haben lediglich fünf Wochen aufgenommen, das ist für so eine Produktion nicht viel.

Irgendwie mystisch, oder

Neuburger: Die Platte ist uns irgendwie passiert. Das ist das Einzige, was ich dazu sagen kann. Wenn einer fragt, wann und wie dieser oder jener Song entstanden ist, sagt jeder nur: keine Ahnung. Der Song war auf einmal da und wir haben ihn gespielt.