Zur Entstehungszeit der Werke, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mögen sie als heiterer Gegenpol zur großen, tragischen Oper und später zum Wagnerschen Musikdrama ein willkommener Kontrast gewesen sein. Heute scheint eher wieder der tiefe Sinn als Gegenpol gefragt. Was nicht heißen soll, dass Lortzings "Zar und Zimmermann" als seichtes Opus abgetan werden darf. Manch politisch hintersinniger Witz steckt im Libretto. Und viel Wirkung, aber auch Ernsthaftigkeit in der Musik. Nur: Sie ist nicht leicht zu dirigieren. Kevin John Edusei, der Dirigent der Augsburger Neuproduktion, hat die rhythmischen Finessen gut im Griff, auch die gezielte Dramaturgie der Tempowechsel. Insgesamt aber klingt das Philharmonische Orchester Augsburg am Premierenabend nicht optimal: zu dünn manchmal, zu vorsichtig, zu wenig ausbalanciert.

Für die Regie hat man sich den in Augsburg schon bewährten Regie-Wirbelwind Adriana Altaras geholt, die das Stück zwischen Historie und Jetztzeit ansiedelt, das ideale Porträt der Stadt St. Petersburg immer als zentrales Bühnenbild (Ingrid Erb), als dauerhafte Vision im Hintergrund. Altaras liebt zweierlei: Zum einen detaillierte Seitenblicke auf die Charaktere so mancher Nebenfiguren – zum anderen den leichten Hang zum Überspitzten. Da wird auf einem Hochzeitsfest von der Braut nebenbei ein Kind geboren, da verschüttet die zickige "Jungfer" Marie bewusst Rotwein aufs weiße Leintuch, um es dem eifersüchtigen Geliebten bedeutungsvoll zu überreichen.

Sicher: Genau diese Hingucker, diese kleinen Überraschungen sind es, die ihre Regie interessant machen. Und die dem Stück, das auf Schritt und Tritt Gefahr läuft, hausbacken zu wirken, immer wieder Pep geben. Der doppelte Boden zwischen kleinstädtischer Idylle und Weltpolitik, zwischen kleinbürgerlicher Liebesgeschichte und dem brutalen Machtwillen des verkleideten Zaren, will sich aber dem Zuschauer nicht so recht erschließen. Am besten gerät in dieser Hinsicht die Figur des schwachköpfigen Bürgermeisters van Bett, der in seiner Dummheit auch gefährlich ist, der bereit ist, seine Bürger in jeder Situation zu denunzieren.

Per Bach Nissen verkörpert diesen Dorfpolitiker wundervoll – gerade weil er niemals überdreht und der Gefahr erliegt, dem Publikum zu viel Zucker zu geben, sondern auch stimmlich kultiviert bleibt. Roman Payer als Peter Iwanow lässt seinen hellen Tenor einmal mehr strahlen, in der Fülle der Stimme freilich noch von Seung-Hyun Kim übertönt, der als französischer Gesandter Marquis von Chateauneuf das "flandrische Mädchen" Wunschkonzert-reif singt.

Jan Friedrich Eggers findet für den Zaren Peter I. die richtige Mischung aus auftrumpfenden und zugleich nachdenklichen Tönen und glänzt mit starker Bühnenpräsenz. Cathrin Lange präsentiert sich als spielfreudige Marie mit hellem Sopran – jung und stimmlich keck, ganz wie die Figur auf der Bühne. Auch in den Nebenpartien gibt es Gutes zu hören. Vor allem aber leistet der stark ins Geschehen eingebundene Chor (Einstudierung: Karl Andreas Mehling) einen großen Beitrag zum Gelingen.

Insgesamt ein unterhaltsamer Abend – der als Kontrast im Spielplan verstanden werden muss. Ein heiteres Intermezzo zwischen Verdis "Don Carlos" (zur Spielzeiteröffnung) und Franz Schrekers höchst anspruchsvollem "Der ferne Klang" im Februar.

Weitere Aufführungstermine in Augsburg: 9., 12., 20. und 31. Dezember. Die Produktion ist auch am Theater Ingolstadt zu Gast: 29. Dezember, 14. und 23. Februar, 1. März und 1. April 2010.