Schrobenhausen: Origineller als das Original
Barockmusik im Originalklang: Das Orchester Elbipolis spielte auf höchstem Niveau. - Foto: Schalk
Schrobenhausen

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Originalklangbewegung wie sie Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonardt und andere in den 60er-Jahren begründeten, geradezu aufgeblüht. Unzählige kleine Ensembles wetteifern inzwischen um die Gunst des Publikums - aber beileibe nicht alle sind gut. Denn die Gefahr ist stets die Orthodoxie. Was gemäß der Forschung historisch korrekt ausgeführt ist, ist längst noch keine gute Musik. Dazu gehört noch viel mehr: Elan, Fantasie, Feuer, Inspiration, eine herausragende Technik.

Viele der neuen Barock-Ensembles besitzen diese Eigenschaften. Ja, mehr als das. Inzwischen wird die Originalität bisweilen bereits übertrieben. Formationen wie Il Giardino Armonico haben einen ganz eigenen hochexpressiven Stil entwickelt, eigentlich einen musikalischen Manierismus. Die Auftritte des italienischen Ensembles sind sensationell, faszinierend, neuartig. Aber den Anspruch, in historischer Manier zu musizieren, können sie kaum einlösen. Dazu ist ihr Stil zu überspannt, zu extrem. Es ist kaum wahrscheinlich, dass so exaltiert zu Zeiten Bachs und Händels Musik gemacht wurde.

Dieser historische Manierismus hat längst die ganze Szene erfasst, und auch das Hamburger Barockorchester Elbipolis, das Rattinger für das Abschlusskonzert im Konferenzgebäude der Bauer AG eingeladen hat, ist natürlich davon (zumindest in milder Form) infiziert.

Das kleine norddeutsche Orchester spielte in der Tat fantastisch, und, vor allem, es hat einen grandiosen Leiter: den Geiger Jürgen Groß. Das Niveau der Interpretation übertraf allerdings zuweilen die musikalische Substanz der Kompositionen. Denn Rattinger und Groß haben vielfach nur barocke Meterware, Tafelmusik, Tänze und Ähnliches, für den Abend herausgesucht. Aber gerade diese musikalischen Petitessen wurden zu künstlerischer Edelware geadelt.

Das begann bereits ganz am Anfang mit Vivaldis Concerto in C (RV 114). Wippend, tänzelnd, energiegeladen spielten die Hamburger das Stück, ein kleines musikalisches Feuerwerk. In der Ciaconna dann wechselte die federnd leichte, luftig-perkussive Gangart urplötzlich zu einer schwelgerischen, fast romantischen Variation, um dann ganz am Ende völlig überraschend mit einem beiläufigen Cembalo-Glissando zu enden. Ob es im Barock wirklich solche Stilmittel gab, sei dahingestellt. Spaß gemacht hat der Rutsch über das Keyboard allemal.

Eine Entdeckung des Abends war sicherlich das "Baletto Nono" des Kaisers Leopold I. (1640-1705). Was für unglaublich unterhaltsame, mit Trommel (Peter Kuhnsch) begleitete Tanzsätze galt es hier zu bewundern. Und was für eine zauberhafte Ciachona, die mit einer verhauchten Theorben-Melodie begann, die von Groß an der Geige aufgegriffen wurde, virtuos sich entwickelte, zu einem üppigen vom Tutti-Orchester übernommenen Melodienfluss anschwoll, um dann wieder mit leisen Theorben-Akkorden zu verebben: suggestive Musik, die unter die Haut geht.

Das war sogar eindrucksvoller, als etwa das Bach-Konzert in G (ein bearbeitetes Orgelstück), trotz des intim musizierten langsamen Satzes, und auch als die "Suite aus der Fairy Queene" von Henry Purcell. Einzig das C-Dur-Konzert für Flöte und Orchester von Antonio Vivaldi konnte ähnlich in Bann schlagen. Wohl, weil es das einzige wirklich hochvirtuose Werk des Abends war. Und weil Elisabeth Champollion so hingebungsvoll die Piccoloflöte blies: ein souverän produziertes Trillertirilieren mit schier atemlosen Endloskaskaden und verblüffenden Zwitscher-Arien. Ein hinreißender, staunenerregender Abschluss des Konzerts und des Festivals im voll besetzten Saal. Wir freuen uns schon jetzt auf die von Jakob Rattinger angekündigte nächste Festivalrunde im kommenden Jahr.