Ingolstadt: Wenn Töne töten könnten
Kunstvoller Wutausbruch: Sophie Karthäuser sang Konzertarien von Mozart und Beethoven. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Die Sopranistin gastierte zum Abschluss der Jubiläumssaison 100 Jahre Konzertverein Ingolstadt im Theaterfestsaal. Begleitet wurde Ludwig van Beethovens Konzertarie von einem der erfolgreichsten Pioniere der historischen Aufführungspraxis, dem Belgier René Jacobs am Dirigentenpult des Helsinki Baroque Orchestra. Eine bessere Besetzung für das Festkonzert lässt sich wahrscheinlich kaum finden für diese Arie. Karthäuser macht regelmäßig Furore als Interpretin barocker oder klassischer Sopranpartien.

In Ingolstadt erregte sie sich, bis ihr der Schweiß von der Stirn lief. Zorn, Angst, fast schon tränenerstickte Schluchzer, schmerzverzerrte Ausbrüche - all diese Affekte hält diese Musik bereit, und Sophie Karthäuser stilisierte sie mit größter Perfektion, ihre Stimme war in jeder Lage sicher, änderte niemals die Klangfarbe, jedes Vibrato war gekonnt eingesetzt. Am Ende strömte ihr Sopran mit einer Urgewalt über die Köpfe der Zuhörer hinweg, als wollte sie mit Tönen töten. Um die ewigen Qualen und Freuden der Verliebtheit ging es zuvor bereits in den drei Konzertarien von Mozart KV 486a, 587 und 528, und auch hier sang Karthäuser bewunderungswürdig, schön und abgründig, erschütternd und gekonnt. Was für eine Sängerin!

Dabei assistierte ihr das auf Originalinstrumenten musizierende Orchester mit höchstem Einfühlungsvermögen, jede seelische Regung sensibel mitverfolgend. Star des Abends war diesmal ganz gewiss nicht nur die wunderbare Mozart-Sängerin Karthäuser, sondern auch das Orchester und natürlich René Jacobs, der in den vergangenen Jahren mit seinen Einspielungen von Mozart-Opern geradezu stilbildend wirkte.

Er eröffnete den Abend mit einem Werk, das nur sehr selten im Konzertsaal zu hören ist - mit Joseph Martin Kraus' Suite aus der Oper "Aeneas in Carthage". Kraus (1756-1792) ist auch unter dem Spitznamen "Stockholmer Mozart" bekannt, da er fast gleichzeitig wie das Salzburger Wunderkind lebte. Trotz seiner mangelnden Präsenz im gegenwärtigen Musikleben hat er einen hervorragenden Ruf in der Fachwelt. Joseph Haydn zählte ihn zu den einzigen beiden musikalischen Genies, die er kenne - das andere war Mozart.

Der Vergleich mit dem Klassiker greift dennoch ein wenig zu kurz. Kraus ist ein Mann des Übergangs, ein Komponist der Sturm-und-Drang-Epoche.

Seine Suite dirigierte Jacobs massiv und schwergängig. Selbst die tänzelnden Ballett-Einlagen schritten düster voran. Der tragische Tonfall war immer gegenwärtig, bis hin zum Sturm am Ende. Dann ließ Jacobs die Musik im kunstvoll organisierten Radau der Sturmmaschinen, des Theaterdonners und der Windmaschine schier untergehen.

Viel spannender und auch spannungsgeladener dagegen Beethovens 1. Sinfonie. Die auch von den Originalklang-Apologeten immer ein wenig vernachlässigte Sinfonie wirkte unter seinen Händen plötzlich taufrisch, wie eine unerhörte Entdeckungsreise. Viel Gewicht hatte bereits die Orchestersitzordnung. Jacobs konzentrierte die Bläser auf die rechte Seite und ließ sie den Streichern zuspielen, was einen verblüffenden Stereoeffekt ergab. Über weite Bereiche des Frühwerks hörte man keine Mischinstrumentation, sondern eine Art Registerklang (fast wie bei Bruckner), in dem sich Bläser und Streicher gegenseitig die Motive zuwarfen.

Und: Jacobs setzte tatsächlich mit aller Konsequenz die (immer wieder als unspielbar bezeichneten) Metronom-Angaben Beethovens durch. Mit überraschender Wirkung: Die schnellen Sätze rauschten fast italienisch rossinihaft daher. Den zweiten Satz konnte man mit dem besten Willen nicht mehr als langsam bezeichnen. Und das Finale entwickelte einen kecken Humor. Vor allem aber machten die Helsinkier Musiker ihre Sache hervorragend, selbst die höllisch schnellen Sechzehntel-Läufe im Stakkato kamen wie geölt daher. Beethoven mit Vollgas, man wünschte sich, noch viel mehr davon von René Jacobs zu hören.

Aber das war noch nicht der passende Saison-Ausklang. Für die Zugabe kam Sophie Karthäuser wieder auf die Bühne und sang Mozarts Arie "Nehmt meinen Dank, ihr holden Gönner!" Mit strahlendem Lächeln warf sie dabei dem von Mozart und Beethoven berauschten Publikum einen Luftkuss zu.