Ingolstadt: Schwerelose Schönheit
Fülle des Wohllauts: "Jeremiah" in der Kirche St. Augustin - Foto: Strisch
Ingolstadt
Jan Garbarek hat hier zusammen mit dem Hilliard Ensemble in ihren berühmten Officium-Einspielungen zumindest in klanglicher Hinsicht Standards gesetzt. Ein ähnliches Projekt namens "Jeremiah" mit stilistisch etwas anderem Schwerpunkt haben nun die aus Ex-Regensburger Domspatzen bestehenden Singer Pur zusammen mit dem Klarinettisten David Orlowsky auf die Beine gestellt. Damit gastierten sie am Sonntagabend in der Kirche Sankt Augustin in Ingolstadt.
 
Und sie setzen neue Standards. Der Gesang ist an Perfektion wohl kaum zu übertreffen, in seiner ausgewogenen Klarheit singt dieser Kammerchor einfach nur schön. Man sieht es den erwachsen gewordenen Chorknaben aber auch buchstäblich an, dass sie ihren Beruf richtig ernst nehmen. Dazu spielt in Arrangements von Matan Porat der phänomenale Klarinettist David Orlowsky. Es ist sicherlich eine müßige Frage, wer hier wen absolut im Griff hat: Orlowsky sein Instrument oder nicht vielleicht seine Klarinette ihn.
 

Das Programm ist durchdacht zusammengestellt und bewegt sich zyklisch in einer ausgewogenen Spannungskurve zweimal von Musik des Großmeisters der katholischen Renaissance-Polyphonie Giovanni Pierluigi da Palestrina über einen mittelalterlichen Choral sowie dessen Ausdeutung in Madrigalen von Carlo Gesualdo da Venosa hin zum weltmusikalisch inspirierten zeitgenössischen Komponisten Matan Porat.

In diesem Zyklus werden in wandelnder Gestalt die Möglichkeiten des Hinzukommens und Verschmelzens, wird die Machbarkeit des Crossover durchgespielt: Eröffnet durch eine unwahrscheinlich leicht schwebende Improvisation der Klarinette kommt zunächst die strenge und harmonisch ebenso einfache wie in der Kontrapunktik die Möglichkeiten erschöpfende Komposition des Vatikankomponisten Palaestrina hinzu. Hier treffen zunächst zwei Welten aufeinander, die sich bei gänzlicher Einigkeit in dynamischen Angelegenheiten bewusster Konfrontation aussetzen.

Der folgende Choral ist in seiner zunächst einstimmigen Simplizität ein Innehalten und Verklingen lassen, bevor im Arrangement von Gesualdos Madrigal die Fusion zu sich selbst kommt. Freilich wäre kein anderer Komponist der frühen Neuzeit besser für eine aktualisierende Ausdeutung geeignet als der bußfertige Exzentriker Gesualdo da Venosa in seiner harmonisch übersättigten prämodernen Modernität. Den ersten Zyklus beschließt eine bis zur Explosivität spannungsgeladene Komposition von Porat, die gänzlich wie ein Quodlibet klingt. Den zweiten Zyklus ein Stück des gleichen Komponisten, das durch die Hereinnahme von Mikrointervallen und die daraus resultierenden Reibeklänge sowohl Spannung als auch die Möglichkeiten des Verschmelzens an seine äußersten Grenzen führt. Der abschließende Palaestrina wirkt danach noch einmal klarer, ja noch einmal verklärter und scheinbar schwerelos schwebend, ganz wie die berühmten Dur-Abschlüsse von Messiaens Himmelfahrtsmusik.