Ingolstadt: Frisch aus dem Baumarkt
1388 Nägel ergeben im Ganzen das Wort „The End“ – sofern der Käufer der Arbeit von Benjamin Sabatier sie selbst in die Wand schlägt.
Ingolstadt
Denn die schmeißt ansonsten mit Eyecatchern um sich, dass es nur so kracht. Ob es das begehbare Labyrinth in sonnengelb aus dem Kunststoff-Verschalungsmaterial Pecafil von Michael Beutler ist, die Schlange aus fetten Kloabflussrohren von Toby Cragg, die sich um einen alten Druckersetzkasten und Regale schlingt und „Predigt“ heißt, oder der so riesige wie kompakte Quader aus Dämmstoffplatten der Berlinerin Katinka Plischeur – Dezenz ist die Sache gerade im Bereich der Installationen nicht.

„Raw Materials – Vom Baumarkt ins Museum“ heißt die am Freitag eröffnete Ausstellung, und das ist völlig wörtlich zu nehmen. Im Baumarkt (auch mal im Ingolstädter, denn fünf Arbeiten entstanden vor Ort) fanden die 36 Künstler ihr rohes Material: Malerfolie, Spanplatten, Tapeten, Nut- und Federbretter, Installationsrohre, Nägel, Wasserwaagen, Schleifpapier, PU-Schaum oder Fußabstreifer. Und sie machen damit Kunst, indem sie das standardisierte Vorgefundene, das Unschuldige, umdeuteten und verwandelten. Die Frage, ob konkrete Kunst, ist obsolet. Schon lange hat sich das Team um Museumsleiter Tobias Hoffmann darauf geeinigt, den Genre-Begriff als „erweitert“ anzusehen. Weshalb die Präsentation, die Rasmus Kleine und Amely Deiss kuratierten, auch bestens in die Städtischen Galerien in Bietigheim-Bissingen und Delmenhorst passen dürfte, wohin sie im Anschluss reist. Zu Ingolstadt freilich gibt es einen besonderen, „ironischen“ Bezug, wie Hoffmann sagt. Von der Tatsache, dass es derzeit in der Stadt „viel um Bauen“ gehe, etwa auf dem Gießereigelände, wo einmal das neue Museum stehen soll, habe man sich zum Thema für die Schau, die als eines der Highlights im Jubiläumsjahr konzipiert wurde, entschieden.

Ironie und Witz spielen überhaupt eine Rolle in der Ausstellung, wie nicht nur Panettas Baustelleninszenierung zeigt. Ein herrliches Werk ist Erwin Wurms „One Minute Sculpture“, die letztendlich aus zwei leeren Eimern – und einer Gebrauchsanweisung besteht. In einen Eimer (rot) hineinsteigen, sich den anderen (blau) über den Kopf stülpen und dann fünf Minuten stehen bleiben soll der Gast – ganz nach dem Credo der Konkreten, das die Interaktion des Betrachters vorsieht.

Andere der Künstler indes gehen die Sache ernst und forschend an, wie etwa der Münchner Christian Frosch. Er ließ sich bei seinem Aufenthalt auf Guernsey jeden Tag im Baumarkt dieselbe Lackfarbe mischen, um sie auf Lackprüfkarten aufzutragen und etwaigen Veränderungen nachzuspüren: Hier wird Farbe experimentell erforscht. Überhaupt sind die Wandbilder, die im aufsehenerregenden Panoptikum der Objekte und Installationen zunächst das Nachsehen haben, auf jeden Fall genauere Blicke wert. Berückend ist der große Fotodruck des Düsseldorfers Stefan Löffelhart: In seinem Atelier collagierte er den Boden mit Malerfolien und Planen, die Fotografie davon indes ist poetische Landschaft geworden, Himmel und Horizonte inklusive. Von Löffelhart gibt es im Museum übrigens auch ein Zertifikat zu erstehen, das den Käufer „berechtigt, im Baubedarfshandel eine Standard-Maler-Abdeckfolie in der Größe von 20 Quadratmetern“ zu erwerben und die Arbeit „Nebel“ wie und wo er will zu installieren. Wie das aussehen könnte, zeigt Löffelharts eigener „Nebel“: Eine zusammengeknüllte Malerfolie in der Ecke.