Erfreulicherweise haben sich inzwischen auch Museen der Thematik angenommen und informieren meist auf sehr anschauliche Weise über erstaunliche und ungeahnte Details. Auch Leseunlustige können sich so jenseits von Mainstream-Befürchtungen, ständig publizierter Moscheen-Angst, Biertisch-Geschwätz und Talkshow-Tralala ein detailliertes Bild machen.

Das Völkerkundemuseum in München gibt nun mit einer kleinen, aber packenden Studioausstellung über pakistanische Derwische Nachhilfeunterricht in Sachen gelebter Islam. Die Schau präsentiert Schwarz-Weiss-Aufnahmen des vielfach international ausgezeichneten Fotografen Syed Javaid A. Kazi, der über drei Jahrzehnte lang die faszinierenden Gesichter von Derwischen und Fakiren in seinem Heimatland Pakistan fotografierte.

Als erstes stellt sich die Frage: Sind die hier vorgestellten Typen die Vorbilder für die Punk-Bewegung, die Aussteiger- oder die Heavy-Metal-Generation? Denn auffällig ist – neben den oft tief durchfurchten, ausdrucksstarken Gesichtern – die bizarre Erscheinung der Mystiker. Schwere Metallketten haben sich die einen um Hals, Handgelenke und Hüften gehängt. Die anderen schmücken sich mit großen Broschen, Ringen oder auffälligen Körperbemalungen. Auch die Kopfbedeckungen der meist langbärtigen Personen stechen ins Auge. Sie tragen unterschiedlichste, teils bestickte oder dekorativ gewobene Hüte, Kopftücher oder Turbane.

Von solchen frömmelnden Outlaws hat man im Westen noch nicht allzu viel gehört. Sie passen auch in anderer Hinsicht kaum ins Schema des uns bevorzugt präsentierten "aggressiven" Islam.

Diese Figuren sind die Exponenten einer volkstümlichen Mystik, die eine Alternative zum formalistischen Islam der Moschee und des religiösen Gesetzes darstellt. Die Sufis und Derwische predigen an den Heiligenschreinen, den Orten dieser gelebten Religiosität, Nächstenliebe, Toleranz, Verständnis – ohne die sie selbst freilich am wenigsten ihr Leben als Randfiguren der Gesellschaft führen könnten. Denn die frei und ungebunden lebenden Derwische, die keiner organisierten Bruderschaft angehören, pflegen einen Lebensstil in deutlicher Abkehr vom Establishment. In Pakistan sind diese umherziehenden Mystiker und Asketen unter Begriffen wie Malang, Qalandar, Fakir oder Majzub bekannt. Teilweise ziehen sie als heilige Gaukler umher und ernähren sich von Almosen. Zwischen den Massen der Gläubigen und den Derwischen sollen Gottesliebe und Menschenliebe ein spirituelles Band knüpfen. Genauso wichtig ist allerdings die Beziehung des Menschen zu Gott. Das Pendant im Christentum wären wohl Nonnen und Mönche. Allerdings ist es denen wohl untersagt, durch den Genuss berauschender Drogen, außergewöhnliche ekstatische Formen des Tanzes und Praktiken der Magie zu Gott zu finden. Für die "Sacred Companions" dient Musik jedoch gerne dazu, durch Verzückung und Ekstase Gott zu erfahren.

Pakistan und besonders seine Provinzen Sindh und Pandschab im Industal sind die Kernländer der Sufi-Tradition und damit die wichtigsten Zentren der mystisch geprägten Volksfrömmigkeit und Heiligenverehrung.

Und die Derwische, die so gar nicht in unser Bild vom militanten Islam, von Al-Kaida-Ausbildungslagern und Taliban-Kämpfern passen, sind die wichtigsten Protagonisten dieser Frömmigkeit.

Überraschen muss das niemanden: Christliche Nonnen und Mönche haben auch keine heiligen Kriege angezettelt, aber verhindern konnten sie sie auch nicht.

"Sacred Companions" im Münchner Völkerkundemuseum, noch bis 3. Juni.