Augsburg: Wildwuchs der Gefühle
Kein harmloser Mozart: Cathrin Lange als Violante in Roland Schwabs pfiffiger Neuinszenierung am Theater Augsburg.
Schaefer
Augsburg

Die Handlung? Ein klassisches Verwirrspiel: Die Marchesa Violante tritt als „Gärtnerin“ in den Dienst des reichen Podestá. Das Ziel ist Rache am Ex-Geliebten, dem Grafen Belfiore, der soeben die Nichte des Hauses ehelichen will. Nach etlichen Irrungen und Wirrungen bekommt jeder den oder die Richtige(n). Soweit, so harmlos?

Was Roland Schwab, den Regisseur der Augsburger Neuproduktion, an dieser scheinbar heiteren Oper interessiert, ist die Vorgeschichte. Ein Streit, in dem Belfiore im Original mit dem Dolch auf die Geliebte Violante losgeht und sie vermeintlich ermordet. In Augsburg erleben wir diese Szene als Film zur Ouvertüre: Das Paar gerät auf einer Autofahrt in Streit; er stößt sie aus dem Auto und lässt sie verwundet liegen. Passt nicht zu Opera buffa? Richtig. Und gerade deshalb nimmt Regisseur Schwab das Augsburger Publikum mit auf eine wilde Schlingerfahrt der Gefühle: Das Auto-Trauma bricht bei der Wieder-Begegnung des Paares immer wieder auf, der Gefühlsstrudel reißt auch alle anderen mit ins Chaos, bis sie am Ende aus der Kurve getragen werden, unsanft auf dem Boden der Realität landen.

Das alles ist genial inszeniert: Schräg, fast skurril lauern im Untergrund der bunten Hollywood-Szenerie Abgründe, die am Schluss des Werks durchbrechen. Befinden wir uns anfangs noch in einer protzigen weißen Villa mit Pool und Blick hinunter auf L.A., so rankt der Wildwuchs der Liebe und Triebe am Schluss als gefährliche Schlingpflanzen aus dem Pool und scheint die Protagonisten schier zu ersticken. Weder der mal kühl berechnenden, mal leidenden „Gärtnerin“ noch dem Garten selbst, haftet etwas Liebliches an – und das ist gut so. Holt es doch das Stück aus seiner vermeintlichen Harmlosigkeit und macht es zum spannenden Drama, bei dem Bühnenbildner David Hohmann reale und Film-Szenen mischt und auch Kostümbildnerin Renée Listerdal tief ins Innere der Personen schaut und sie ins passende Outfit steckt.

Ein ganz und gar nicht harmloser Mozart also. Interessanterweise passt dazu vor allem in den Nachtszenen die Musik des jungen Mozart hervorragend. Sehnsüchtig murmelt sie, reißt emotionale Abgründe auf.

Mit viel Gespür fürs Detail, für Abstufungen im Piano und dennoch temporeich dirigiert Carolin Nordmeyer die Augsburger Philharmoniker. Echte Mozartsche Töne, die unverkennbar leuchten, lässt vor allem Cathrin Lange als Violante hören, gefolgt von Christopher Busietta als Belfiore. Eine Entdeckung im Lolita-Format ist Samantha Gaul als Serpetta mit klarer Stimme – und Giulio Alvise Caselli lässt nicht nur komödiantische, sondern auch lyrische Töne hören. Adréana Kraschewski liegen vor allem die Diven-haften Ausbrüche der Arminda. Nicht ganz einfach hat es Stephanie Hampl in der braven Hosenrolle des Ramiro, dafür ist sie stimmlich absolut auf der Höhe, was man leider von Mathias Schulz als Podestá nicht sagen kann. Dafür spielt er sich wie der Rest des Ensembles die Seele aus dem Leib. Das Publikum jubelte.

Weitere Vorstellungen am 23. und 26. April sowie im Mai. Kartentelefon (08 21) 3 24 49 00.