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19.11.2015 19:56 Uhr | x gelesen
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Geborgenheit für geschundene Seelen


Bild: Geborgenheit für geschundene Seelen. Unterbernbach Unterbernbach (DK) Ahmed ist 13 Jahre alt und stammt aus dem Irak. Er ist nicht bequem im Flugzeug oder Zug nach Deutschland gereist. Wenn er seinen richtigen Namen und sein Gesicht nicht in der Zeitung sehen will, dann gibt es dafür gute Gründe. Der Bub ist mit seinen Eltern aus der Heimat geflüchtet. Als die Familie das Mittelmeer überqueren will, wird sie getrennt. Ahmed überlebt, weil er in einem anderen Boot als Vater und Mutter sitzt. Sie kentern und ertrinken. Ein Schock für den Buben, der nun allein in der Fremde sitzt, ohne Angehörige und ohne Sprachkenntnisse.

Unterbernbach (DK) Ahmed ist 13 Jahre alt und stammt aus dem Irak. Er ist nicht bequem im Flugzeug oder Zug nach Deutschland gereist. Wenn er seinen richtigen Namen und sein Gesicht nicht in der Zeitung sehen will, dann gibt es dafür gute Gründe. Der Bub ist mit seinen Eltern aus der Heimat geflüchtet. Als die Familie das Mittelmeer überqueren will, wird sie getrennt. Ahmed überlebt, weil er in einem anderen Boot als Vater und Mutter sitzt. Sie kentern und ertrinken. Ein Schock für den Buben, der nun allein in der Fremde sitzt, ohne Angehörige und ohne Sprachkenntnisse.


Unterbernbach: Geborgenheit für geschundene Seelen
Bild: Richter Dennis (11) und sein Lieblingspferd »Pünktchen« - auf dem Paulihof in Unterbernbach erleben traumatisierte Kinder Nähe nicht nur über menschliche Betreuer. Die Stallarbeit gehört ebenso zum Alltag.
Seit dem vergangenen Freitag lebt er auf dem Paulihof in Unterbernbach, einer therapeutischen Einrichtung zwischen Schrobenhausen und Aichach. Tiere sind hier – neben fachkundigen Pädagogen – der Schlüssel zu den Seelen traumatisierter Kinder.

Wenige Tage auf dem Hof haben gereicht, um den 13-Jährigen ein wenig aus der Reserve zu locken. Noch kann er nicht die Schule besuchen, das bürokratische Prozedere dauert an. So hilft Ahmed dem Tierpfleger Mathias Schneider beim Ausmisten des Pferdestalls. Es macht ihm Freude, keine Frage. Mit Händen und Füßen verständigen sich die beiden, der Bub spricht auch ein wenig Englisch. Im Nu ist der Stall sauber. Zuvor hat Mathias dem Neuankömmling das Schlagzeug im Nebengebäude gezeigt und ihn mit ein paar Rhythmen neugierig gemacht. Der Bub schnappt sich die Stöcke und legt los. Ob er mal ein Großer wird? Spaß hat er jedenfalls.

Ali (17)erging es nicht minder schlecht. Der junge Afghane war ganz allein geflüchtet und unterwegs wochenlang in Gefangenschaft geraten. „Da muss er wohl gefoltert und geschlagen worden sein“, sagt Ulrike Heigenmooser, die hier Chefin ist und alle nur Ulla nennen. „Er ist jetzt ein halbes Jahr in Deutschland, aber noch immer zuckt er zusammen, wenn jemand hinter ihm vorbeigeht.“ Ali zieht sich zurück, wenn schlimme Erinnerungen kommen. Dann will er allein sein. Oder draußen bei den Tieren. Sie helfen dabei, düstere Gedanken zu vertreiben.

Die Einrichtungsleiterin gab den Anstoß für die Gründung des Hofs. Träger ist der Kinderschutz München. Früher arbeitete die 57-Jährige in einem konventionellen Wohnheim, oft nahm sie ihren Hund mit. „Da habe ich gesehen, was Tiere bewirken.“ Der Eindruck war so stark, dass die Heilpädagogin eine Zusatzausbildung zur tiergestützten Therapie und Pädagogik absolvierte.

Ihr Arbeitgeber musste nicht lange überredet werden. „Vor zehn Jahren ist der Paulihof in Betrieb gegangen. Das Anwesen liegt ideal“, sagt Ulrike Heigenmooser. Drei Hektar Land, Ställe, ein Wohnhaus mit knapp 300 Quadratmetern Fläche, ein Nebenraum mit Billardtisch, Kicker, Küchenzeile und Schlagzeug – „man kann es nicht besser treffen“. Sechs Pädagogen oder Erzieher arbeiten neben der Chefin hier, dazu der Tierpfleger und eine Hauswirtschafterin. Neun Plätze gibt es am Hof, die Betreuung läuft rund um die Uhr. Das bedeutet Schichtdienst für die Angestellten, aber sie sind alle mit großem Engagement dabei.

Mittagszeit. Die Kinder kehren von der Schule heim, Alessandro, Chiara, Dennis, Lisa und Felix warten am Tisch. Gemeinsames Essen gehört zur Pflicht, wie in einer richtigen Familie halt. Heilerzieher Stefan Tabery spielt an diesem Montag den Koch, die Hauswirtschafterin hat Urlaub. Es gibt Pizza, das kommt natürlich an. Ahmed stellt ganz selbstverständlich die Getränke auf den Tisch, als lebte er schon immer hier. Schließlich befindet er sich nicht in einem Hotel, jeder muss Verantwortung im Zusammenleben übernehmen. Dennis spielt noch schnell auf dem Klavier, später muss er zur Musikstunde. Felix berichtet von seiner Schulaufgabe. „Ist es gut gelaufen“, fragt Ulrike Heigenmooser. Der 15-Jährige weiß es nicht, zumindest klingt er zuversichtlich. Nach dem Essen heißt es abräumen, dann hat jeder eine halbe Stunde auf seinem Zimmer, bevor die Lernzeit beginnt. Danach geht’s zur Stallarbeit.

Der Paulihof. „Da steckt ganz viel Herzblut drin“, findet Erzieher Tabery. Seit acht Jahren arbeitet er hier und möchte nicht mehr weg. „Wir kriegen ganz viele Erfolgserlebnisse, die anderswo oft fehlen“, sagt er. Klar, in seiner früheren Arbeit hatte er mit Drogenabhängigen zu tun, da war bei seinen Klienten ein Versprechen vom Morgen abends manchmal wieder vergessen. „Hier entlassen wir die Leute und haben das Gefühl: Sie sind auf einem guten Weg. Viele besuchen uns danach immer wieder. Wir sind oft die ersten stabilen Bezugspersonen für die Kinder.“ Manche haben Gewalt erlebt, körperliche wie psychische, andere stammen aus Elternhäusern mit Suchtproblemen. Die meisten sind hier, weil sie niemanden hatten, der sie auffängt. Viele sind beziehungsgestört.

Die Tiere helfen bei der Therapie. Was es hier nicht alles gibt: Hunde, Katzen, Hühner, eine Gans, Meerschweinchen, Esel, Ponys, Schafe, Ziegen – und sogar ein Hängebauchschwein namens „Krümel“. Die Buben und Mädchen erleben hautnah, was es heißt, wenn sie beim Stalldienst unzuverlässig sind. „Da erfahren sie, dass ein anderes Lebewesen hungern muss, nur weil sie gerade keine Lust haben“, sagt die Einrichtungsleiterin. Das will sich keiner nachsagen lassen, und so funktioniert die Versorgung reibungslos, auch am Wochenende. Denn die Kinder bekommen viel zurück. „Tieren kannst du erzählen, was du willst. Die nehmen dich, wie du bist“, sagt Heilerzieherin Melanie Mehner. „Sie verletzen dich nicht.“

Chiara hat sich eine Geiß als Lieblingstier ausgesucht. „Die muss ich alle zwei Tage melken, aus der Milch machen wir Käse“, erzählt sie. Dennis, der Klavierspieler, ist der Sensible. Im Mai ist sein Ziegenbock „Iwan“ gestorben. Der Tod gehört zum Leben, auch das lernen die Kinder hier. Monatelang hat der Elfjährige getrauert und zwei Lieder für „Iwan“ geschrieben. Jetzt gibt es einen neuen Freund: „Pünktchen“, den Apfelschimmelwallach. Wenn der Bub sich draußen an das Pferd schmiegt, dann scheint er die ganze Welt zu vergessen. Es muss wohl tatsächlich etwas dran sein an der Magie der Tiere am Paulihof.


Horst Richter

 
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