München: Streit um Gutachten im Fall Mollath
Gemeingefährlich? Über den Zustand Gustl Mollaths gibt es verschiedene Ansichten - Foto: SWR
München
Mollath will erst nicht mit dem Psychiater reden. Er hält sich für gesund, ist misstrauisch gegenüber jedem Arzt. Aber Simmerl, Oberarzt im Bezirksklinikum Mainkofen in Niederbayern, überzeugt ihn. In einem Untersuchungsraum kommt es zum ausführlichen Gespräch. Mollath legt einen dicken Aktenordner mit Gerichtsunterlagen auf den Tisch. Die beiden reden über die Schwarzgeldvorwürfe, über Mollaths Leben, den Tod seines Vaters, über seine Ehe, die inzwischen geschieden ist. Am Ende kommt Simmerl zu einem Ergebnis. Es fänden sich „am ehesten Hinweise für eine auffällige Grundpersönlichkeit des Betroffenen mit fanatisch-querulatorischen Zügen“, heißt es in seinem Gutachten. Das schon. Aber eine wahnhafte Störung? Eine Psychose? Simmerl hält das für nahezu ausgeschlossen.

Es sei ein weitgehend sachliches Gespräch gewesen, sagt der Psychiater heute gegenüber unserer Zeitung. Mollath sei sogar ansatzweise in der Lage gewesen, sich kritisch zu hinterfragen. Vor allem in seiner Ehe habe er sich möglicherweise teilweise verrannt. Und die Schwarzgeldvorwürfe? „Mir war von Anfang an nicht klar, warum das ein Wahn sein soll“, sagt Simmerl. Die Idee des 56-jährigen Ingenieurs, dass man ihn „mundtot“ machen wolle, hielt der Psychiater aus Mollaths Situation heraus zumindest für nachvollziehbar.

Eine Richterin des Amtsgerichts Straubing riet der zuständigen Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth damals, „zu überprüfen, ob die Unterbringungsvoraussetzungen weiterhin vorliegen.“ Aber Mollath kam nicht frei. Bis heute sitzt er in der Psychiatrie. Seit 2009 ist er im Bezirkskrankenhaus Bayreuth untergebracht. Simmerls Gutachten sei zwar in die Entscheidungen der Justiz eingegangen, versichert ein Sprecher des Justizministeriums. Die Gerichte vertrauten aber dem Urteil anderer Fachleute.

Die Schwarzgeldvorwürfe haben sich unterdessen bestätigt. Ein im November öffentlich gewordener Prüfbericht der HVB gibt Mollath recht. Die verantwortlichen Mitarbeiter sind längst entlassen. Auch deshalb sind die Gutachten, derentwegen der Nürnberger in der Psychiatrie sitzt, umstrittener denn je. Justizministerin Beate Merk (CSU) hat inzwischen beantragen lassen, dass der Fall neu aufgerollt wird. Darüber entscheidet demnächst das Landgericht Regensburg. Über den Stand des Verfahrens informiert Merk heute den Verfassungsausschuss des Landtags. Auch zu den psychiatrischen Gutachten dürften unangenehme Fragen kommen.

Interessant ist unter anderem, dass Simmerl einer von nur zwei Fachleuten ist, die mit Mollath je ausführlicher gesprochen haben. Weil er sich für gesund hält, verweigert Mollath die meisten Arztgespräche. Maßgebliche Einschätzungen basieren im Wesentlichen auf Akten und wenigen Fernbeobachtungen.

Etwa das Erstgutachten des Bayreuther Psychiaters Klaus Leipziger. Er ist Chefarzt in der Forensischen Psychiatrie des Bezirksklinikums Bayreuth und noch heute für Gustl Mollath zuständig. 2005 attestierte er ihm ein „paranoides Gedankensystem“. Als Beispiel dafür nennt er im Gutachten die Schwarzgeldvorwürfe. Leipziger stützt sich auf Aussagen von Mollaths Frau. Auf Akten. Auf gelegentliche Beobachtungen. Ausführlich gesprochen hat er mit Mollath nicht. Ein Erstgutachten kann die Weichen für eine Psychiatriekarriere stellen. Hans Simmerl hält die Beurteilung nach Aktenlage daher für „zumindest problematisch“.

Ein weiterer wichtiger Gutachter ist Hans-Ludwig Kröber, Direktor der Forensischen Psychiatrie an der Berliner Charité. Er untersuchte den Fall 2008 – und bestätigte die Wertung Leipzigers im Wesentlichen. Dem Simmerl-Gutachten widersprach er heftig. Aber auch der Berliner Professor hat mit Mollath im Unterschied zu dem Niederbayern nie persönlich gesprochen. Zuletzt begutachtete der Ulmer Psychiater Friedemann Pfäfflin den Fall. Er sprach mit Mollath. Auch er gab Leipziger recht. Zu den Gutachten wird Leipziger heute neben Merk im Verfassungsausschuss Stellung nehmen.