In: "Schaut einfach aus, ist aber Hightech"
Spritschlucker auf elektrisch getrimmt: Diese Mercedes G-Klasse haben die Österreicher zu einem E-Auto umgebaut. Trotz 2,6 Tonnen Leergewicht sprintet das Auto angeblich in 5,6 Sekunden aus dem Stand auf eine Geschwindigkeit von 100 km/h.
Rainbach

Vor gerade einmal fünf Jahren fing alles an: Der Vater kaufte sich ein Elektroauto - die drei Söhne Philipp, Johann und Markus waren von der Technik begeistert. Aber irgendwie war den Kreisel-Brüdern der Renault Fluence zu fad. Sie wollten ein eigenes E-Auto aufbauen. Weil ihnen aber die verfügbare Batterietechnik nicht gut genug war, begannen sie in einer Hinterhofwerkstatt, ihre eigenen Akkus zu entwickeln. Das Ergebnis: eine Art Wunderbatterie. Der Stromspeicher aus Oberösterreich soll nicht nur leichter, kompakter und sicherer sein als die der Konkurrenz - man soll ihn auch viel schneller aufladen können. Zahlreiche namhafte Autohersteller haben angeblich Interesse an der Fertigung, beziehungsweise der Anwendung der Kreisel-Batterien.

Dass es so schlecht nicht laufen kann, zeigt das neue 7000-Quadratmeter-Firmengebäude in Rainbach im Mühlkreis, rund 30 Kilometer nordöstlich von Linz. Seit September tüfteln hier nun rund 90 Mitarbeiter an der Weiterentwicklung der Batterien. An Selbstbewusstsein mangelt es den Österreichern, die sich selbst als Technologieführer auf dem Gebiet der Batterietechnik bezeichnen, auch nicht. Das neue Gebäude wurde in Form des Firmenlogos gebaut: drei stilisierte "Ks" (ein "K" für jeden der drei Kreisel-Brüder). Und auch drinnen ist das Logo nicht zu übersehen: als Lampen an der Decke, auf Tellern, goldverziert an der Wand - und natürlich auf den "Laiberln" der Mitarbeiter am Stammsitz. Sogar die Zufahrtstraße ist schon nach ihnen benannt: "Kreiselstraße 1" lautet die Firmenanschrift.

"Unsere Technik baut auf der Rundzelle auf", sagt Geschäftsführer Markus Kreisel (kleines Foto). Die Chemie der Zellen sei bei allen Herstellern gleich - der Vorteil der Rundzellen seien die Zwischenräume, die entstehen, wenn man die Zellen zu einer Batterie zusammenfügt: Darin schwimmt eine spezielle, nicht leitende Flüssigkeit, die einen Akku-Brand verhindern soll. Doch nicht nur das: Die Spezialflüssigkeit helfe auch, die Batterie mit einem extrem geringen Energieaufwand zu temperieren. Es sei wichtig, den Akku im Temperaturfenster zwischen 20 und 30 Grad Celsius zu betreiben, erklärt Kreisel. Dadurch halte die Batterie zehnmal länger, als wenn man sie beispielsweise bei null Grad betriebe.

Das meiste Know-how der Österreicher steckt aber wohl in der Verbindungstechnik. Mit einem speziellen Laserverfahren werden die einzelnen Zellen miteinander verbunden. Dadurch wird die Wärmeentwicklung minimiert, und die Batterie lässt sich schneller laden. "Es schaut relativ einfach aus, ist aber Hightech", sagt Kreisel.

Die Zellen stammen von verschiedenen Herstellern aus Japan, Korea und China - je nach Anforderung. Und dann ist da noch das wohl für die meisten Kunden wichtigste Argument: "Wir können sehr preiswert produzieren", sagt Kreisel. Auch er weiß: Super-Technik hin oder her: "Am Ende zählt der Preis."

Ein eigenes E-Auto wollen die Österreicher nicht bauen. Sie entwickeln nur die Technik. Angeblich sind namhafte Hersteller an der Massenfertigung der Kreisel-Auto-Akkus in Lizenz interessiert. Wie gut ihre Technik funktioniert, haben sie durch den Bau zahlreicher Prototypen demonstriert. Unter anderem haben sie einen Porsche Panamera und eine Mercedes G-Klasse mit ihrem E-Antrieb ausgestattet.

Wenn überhaupt, werden bei Kreisel nur Kleinserien vor Ort gefertigt. Das sind dann zum Beispiel Spezialprojekte wie eine elektrohydraulische Müllpresse für ein Entsorgungsfahrzeug. "Das spart etwa 30 Liter Diesel am Tag", sagt Markus Kreisel. Maximal 200 Stück sollen davon gebaut werden.

Doch die Firma konzentriert sich nicht nur auf Batterien für Fahrzeuge. Auch spezielle Ladesäulen sind im Programm. Diese enthalten beispielsweise auf Wunsch eine Batterie, um etwa Solarstrom zu speichern und Schnellladen zu ermöglichen. Demnächst gehören zum Portfolio von Kreisel Electric auch Heim-Akkus, mit denen man die Energie der Photovoltaikanlage speichern kann. Ein ähnliches Produkt haben die Österreicher für Firmen im Angebot, die mit größeren Energiemengen umgehen müssen: sogenannte Energy-Racks. Dabei handelt es sich im Prinzip um eine Art modular erweiterbares Batteriesystem.

Natürlich forscht das Unternehmen nicht nur an Hardware. "Wir müssen die Systeme variabel und intelligent steuern", sagt Kreisel. Und dafür entwickeln sie auch entsprechend clevere Software. "Unser neues Gebäude ist eigentlich ein Verkaufsprojekt", sagt der Geschäftsführer. Nahezu das komplette Dach ist mit einer Photovoltaikanlage bedeckt. Ziel war, möglichst wenig Strom aus dem öffentlichen Netz zu ziehen. Nicht nur, um Geld zu sparen, sondern auch um die Infrastruktur nicht zu überlasten. Eigentlich hätte man für das Gebäude mit allen Ladestationen für E-Autos einen Anschluss von einem Megawatt benötigt - doch durch eine Investition von rund 200 000 Euro in Speichertechnik reiche nun ein 300-Kilowatt-Netzanschluss.

Dass das verhältnismäßig kleine Unternehmen inzwischen so populär ist, liegt auch an einem besonderen Werbeträger. Der Ex-"Terminator"-Darsteller Arnold Schwarzenegger lässt sich gerne vor elektrifizierten Geländewagen aus Rainbach ablichten. Seit Kurzem ist Schwarzeneggers Neffe Patrick Knapp-Schwarzenegger an dem Unternehmen beteiligt. Von ihm erhofft man sich auch einen entscheidenden Vorteil bei der anstehenden Expansion in den USA.

Natürlich, gibt Kreisel zu, herrsche um E-Autos aktuell ein gewisser Hype - der auch seiner Firma nützt. "Wir sind alle paar Wochen für irgendeinen Preis nominiert", sagt er mit einem Augenzwinkern. Eine große Zukunft sieht er für die Batterietechnik dennoch: "Wir leben noch im Steinzeitalter der Elektrifizierung."

Automobilstandort Österreich

Rund 8,75 Millionen Einwohner hat Österreich. Laut der Austrian Business Agency ist jeder 9. Arbeitsplatz in der Automobilindustrie angesiedelt. Gut 800 Start-ups und Unternehmen arbeiten demnach in diesem Sektor. 2,4 Millionen Motoren und Getriebe werden jede Jahr in der Alpenrepublik gefertigt. Die meisten Hersteller und Zulieferer sitzen in den Bundesländern Oberösterreich, Niederösterreich und Steiermark. Allein Bosch hat Standorte in Wien, Linz und Hallein und beschäftigt in Österreich rund 3000 Mitarbeiter. Der Münchner Autobauer BMW betreibt in Steyr das konzernweite Kompetenzzentrum für die Entwicklung von Diesel-Motoren. Audi kooperiert mit der Universität Linz im Bereich künstliche Intelligenz. DK