Karlshuld: Ein wahres Stehaufmännchen
Auch wenn das Stehen schwerfällt, ist es Ehrensache für Marion Kellerer, für Besuch liebevoll dekorierte Häppchen herzurichten. "Das Leben genießen, aber alles in Maßen, nicht in Massen und höre auf deinen Körper", lautet ihr Lebensmotto. - Foto: Hammerl
Karlshuld

Ein ganzes Jahr lang war sie auf den Rollstuhl angewiesen, doch sie gab nicht auf. "Ich habe trainiert, trainiert, trainiert", sagt sie, unter anderem mit einer Vibrationsplatte, die ihr Mann ihr schenkte.

Die junge Frau machte regelmäßig Krankengymnastik, eine Reha half weiter und dann kam der Durchbruch mithilfe der Hippotherapie. "Als ich vom Pferd abstieg, konnte ich wieder laufen", erzählt sie, "ich habe geheult - und die Therapeutin gleich mit mir." Bezahlen musste sie die Therapie mit dem Pferd selber. Zum Kampf gegen die Krankheit kam die persönliche Tragödie. Ihr damaliger Ehemann sagte "Ich will keinen Krüppel als Frau", die Ehe ging in die Brüche.

2003 wurde die gelernte Bürokauffrau verrentet, seit 2004 engagiert sie sich in der MS-Selbsthilfegruppe Sonnenschein, die sie gemeinsam mit ihrem zweiten Mann Oliver initiiert hat, 2007 wurde ein eingetragener Verein gegründet. Den Vorsitz hat sie von Beginn an inne, er ist Kassier und Handwerker für alle Zwecke, bezeichnet sich scherzhaft als "Depp vom Dienst", was sie gleich ergänzt um "Dann bin ich der erste DvD". Ziel des Vereins ist in erster Linie die Beratung Betroffener, aber auch, sie aus ihrer Isolation herauszuholen und zu motivieren, sich selbst etwas zuzutrauen. Dazu gehört, ihnen zu helfen, die Krankheit zu akzeptieren, aber auch sie in rechtlichen Fragen zu unterstützen, sei es zum Behinderten- oder Arbeitsrecht.

Kellerer arbeitet intensiv mit dem Integrationsdienst, Krankenkassen, Sanitätshäusern und einer Fahrschule zusammen. "Ich bin gut vernetzt", sagt sie und mittlerweile auch selbst bestens in die Materie eingearbeitet. Ganz wichtig ist ihr, dass sich MS-Kranke nicht aufgeben, dass sie therapietreu bleiben und sich nicht durch Internetforen oder sonstige Ratschläge irremachen lassen. "Doktor Internet ist nicht immer das Beste", sagt sie.

Kennengelernt haben sich die Kellerers allerdings übers Internet, über den AOL-Städte-Chat. Den gab es in Ingolstadt nicht, dafür aber in Regensburg, beide gaben als Ort "Nähe Ingolstadt" an. Er hieß "Hoiberts Hendl", sie nannte sich "Rotschopf", denn "damals hatte ich noch rote Haare". Das war vor 15 Jahren, vom Chat war es nicht weit zum persönlichen Treffen. "Ich will direkt reden, den Menschen sehen", sagt Oliver Kellerer. Sie durfte sich das Lokal aussuchen und entschied sich für einen Chinesen in Ingolstadt, anschließend gingen sie im Klenzepark spazieren. Schon im Chat hatte sie ihm von der Krankheit erzählt. "Ich konnte mir unter MS nichts vorstellen, ich dachte an Muskelschwund", erinnert sich der heute 45-Jährige. Das hat sich schon lange geändert, heute sieht er es als seine Aufgabe an. Abgehalten hat die Krankheit ihn jedenfalls nicht, seine Marion 2010 zu heiraten. "Aber den Heiratsantrag musste ich ihm machen", verrät sie lachend, "er hat gesagt: ,Ich habe schon so viel für dich getan, den Antrag will ich von dir haben.'" Er bekam seinen Antrag - stilvoll auf einem Neurologenkongress in Nürnberg, vor allen Ärzten. Die Kongresse besucht Marion Kellerer schon seit 15 Jahren, um sich auf dem Laufenden zu halten.

Der zweite Schub kam 2012, dauerte gut einen Monat, der dritte brachte sie im Jahr 2013 erneut für ein halbes Jahr in den Rollstuhl. "Da habe ich so viel von meinen Vereinsmitgliedern zurückbekommen", erzählt sie gerührt. Zu jedem Vereinstreffen sei sie abgeholt und wieder heimgebracht worden, wenn ihr Mann sie nicht begleiten konnte.

Marion Kellerer hat gelernt, mit der Krankheit umzugehen. Nur manchmal, da ist sie traurig, wenn etwas nicht so funktioniert, wie es früher einmal ging, oder wenn ihr etwas aus Ungeschicklichkeit herunterfällt. "Ich schieb's aufs Alter", sagt sie lachend. Ihr Humor und ihre Fröhlichkeit sind ansteckend. Aber sie weiß: "Die Krankheit schläft nicht", von jedem Schub bleibe etwas. Langes Stehen ist ein Problem für sie, also erledigt sie viel im Sitzen. Die Sensibilität ihrer Hände hat gelitten, heiß und kalt spürt sie nicht mehr, also nimmt sie ein Thermometer zur Hand, wenn sie den Wasserhahn aufdreht. Mit solchen kleinen Hilfen gelingt es ihr, den Haushalt alleine zu bewerkstelligen. "Und ich darf wieder Auto fahren", jubelt die 42-Jährige, die sich "den Umständen angepasst hat" - sie fährt nun Automatik. Und sie hat gelernt, "um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen".