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Kein Land in Sicht? Der Aktionskünstler begutachtet vor dem Auszug noch einmal den Notausstiegsschacht des Fernmeldebunkers. War es das, oder darf er doch längerfristig in sein Bunkeratelier zurück?
Die Anlage ist kalt und feucht, Habl selbst trug doppelte Unterhosen und war auch sonst warm eingemummt bei seinem Versuch, in dieser Abgeschiedenheit künstlerisch zu arbeiten.

In der Zeit versetzt

An der Wand seines Bunker-Ateliers ein großformatiges Panoramabild der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 1972 in München: Ein entdecktes Relikt aus alten Bunkertagen und als solches hängt es recht sinnbildlich an zentraler Stelle in Habls unterirdischem Atelierraum. Der Künstler und seine Arbeiten wirken doch stets etwas in der Zeit versetzt.

Einen anderen interessanter Fund hatte er in der Fernsprechvermittlung: "Ein Zettel mit den Namen und Telefonnummern der früheren hier Angestellten."

"Alles hier ist doppelt und dreifach gesichert – zu allem gibt es noch eine Reserve", erklärt Habl und dreht am Handrad der Notluftanlage, die per Muskelkraft Frischluft in den Bunker hätte pumpen sollen. "Hier sieht man, was Angst alles erzeugen kann." Davon zeugen bis heute noch mannsgroße Kohlefilter im Lüftungssystem, Dekontaminationsanlagen, sogar gegen Druckwellen gefederte Mannschaftspritschen mit denen man den Direktbeschuss Pfaffenhofens mit einer Atombombe überstehen wollte. "Hier war aber sehr viel nur Kosmetik", da ist der Kurzzeit-Bunkerbewohner überzeugt – bei diesem nuklearen Szenario wäre auch hier alles zu Ende gewesen. "In dem Moment als der Bunker geplant war, war er technisch schon überholt."

Doch Manfred Habl ging es bei seinem Projekt nicht in erster Linie um den historischen Fernmeldebunker: "Ich habe nie den Sinn oder Unsinn des Bunkers hinterfragt", erläutert er. Es gehe hier immerhin um seine Kunst, die sich dem Betrachter in schnellen, farbenfrohen Linien präsentiert, meist skizzenhaft aus dem Handgelenk.

Kabel als Inspiration

Inspiration seien dabei zum Beispiel die Farbcodierungen auf den Fernmeldekabeln gewesen. Die Bilder erinnern an Stenogramme oder archaische Keilschriften. Diese mit Gold gearbeiteten Pinselzeichnungen selbst sind wiederum von Schrift durchsetzt, in der Serie sind diese Schriftzeichenbilder – trotz immer neuer Formen – eher repitativ und lassen meditative Arbeitsweisen erahnen. Sphärische Klänge von der CD hallen durch die Bunkergänge, es riecht schwer nach Räucherstäbchen und gegenüber des Ateliers hat der Künstler sogar einen Tanzraum eingerichtet.

Andere Arbeiten zeigen Experimente mit Materialien, die der Bunker bietet. Vom musizieren an den alten Geräten und Anlagen hin zu Malerei auf alten PVC-Platten reichen hierbei Habls Versuche. Aber auch von den "Farbflüssen in der Elektrik" sei er inspiriert gewesen. "Ein Spiel mit Farben und deren Fließen", so charakterisiert er sein unterirdisches Schaffen – sein wortwörtliches Spiel.

Die Installation, die Aktion im Bunker, scheint dabei die Kunst gewesen zu sein: Jetzt wo das Lager in der Tiefe abgebrochen und die Bilder heraus geschafft sind, verbleiben sie als abstrahierte Malerei und kunterbunte Pinselskizzen – fast schon als bedürften sie des tristen Ambientes und der bedrückenden Stimmung. "Es ist schwierig zu begreifen, was hier unten passiert", fasst der Künstler diese Stimmung zusammen. "Man ist völlig allein und hat nur Beton um sich herum."

Wird es nun still um Habls Bunkerprojekt? Was bleibt von den Bilder ohne die deutlich spürbaren Ängste des Kalten Krieges, durch die die sie funktionieren könnten? "Für mich funktionieren die Bilder heraußen auch", glaubt der Künstler selbst. "Aber ich bin da natürlich befangen. Das müsste man erst an Publikum testen." Ob die Bilder nun, wie Habl es sich vorstellt, in einen anderen Kontext gesetzt werden können, wird sich erst noch zeigen müssen.

Auch die fünf Tage seien für ihn nur ein Probelauf gewesen. Sein Wunsch bleibe es, langfristig sein unterirdisches Atelier beziehen zu dürfen. "Was dir Angst macht, musst du dir vertraut machen," resümiert Habl kurz vor seinem Auszug aus dem Fernmeldebunker: "Frei nach dem kleinen Prinzen."