Ergertshausen: "Eigentlich war alles kaputt"
Foto: Sophie Schmidt
Ergertshausen

Eigentlich hatte Murr gar kein Faible für alte Dinge. Und auch mit Altbausanierung hatte der Bauingenieur noch nie zu tun. "Wenn mir das jemand als Kind erzählt hätte, dass ich später ein denkmalgeschütztes Haus sanieren würde, hätte ich ihn ausgelacht." Doch dieses Haus hatte es ihm angetan. Schon seine Urgroßeltern haben darin gewohnt, bis 2009 noch der Großonkel. Seine Eltern gaben das Projekt Altbausanierung und das Leben auf dem Dorf schnell wieder auf. Und so kam er zum Zug. Etwa sieben Jahre ist das her. Seither ist die Baustelle für Murr "freizeitfüllend". Zumindest muss der 35-Jährige nicht viel Weg zurücklegen, um seinem Hobby nachzukommen: Er wohnt samt Freundin und Kind in einer Einliegerwohnung im Nebengebäude.

Heute ist von dem einst desolaten Zustand des Hauses nicht mehr viel zu sehen. "Die Substanz ist jetzt gut, alles, was noch kommt, ist Kosmetik", erklärt Murr. Wer das Haus zum ersten Mal betrachtet, stutzt bei dieser Aussage etwas. Für den Laien sieht das Gebäude immer noch stark renovierungsbedürftig aus. Die Bruchsteinfassade ist noch blank zu sehen. Rund um die Fenster sind fingerbreite Schlitze im Gemäuer. Um das Haus steht noch das Gerüst. Doch wenn Murr beginnt zu erzählen, wird klar, wie viel eigentlich schon passiert ist. Das Fundament wurde untergraben und neu gemacht, die gebrochene Wand musste wieder angeklebt werden. Am Dachstuhl sieht man gut, dass stückweise das morsche Holz durch neue Teile ersetzt wurde - in mühevollster Kleinarbeit. Die originalen Fenster wurden restauriert, Elektrik und Strom sind gemacht. Das Dach wurde neu eingedeckt. Immer wieder stieß Murr bei diesen Arbeiten auf Überraschungen. So kamen frühere Türen- oder Fensterdurchbrüche zum Vorschein, die zugemauert waren, zum Beispeil im Schlafzimmer. Murr machte sie Stück für Stück wieder sichtbar. Doch das sollten nicht die einzigen unvorhergesehenen Ereignisse bei diesem Projekt bleiben.

Dem Bauherren ist es ein großes Anliegen, bei seiner Restaurierung so nah wie möglich am historischen Zustand zu bleiben. Die alten Solnhofer Platten, die Stubenmöbel oder auch der alte Holzofen wurden eingelagert und sollen später wieder einziehen. Darauf hat allerdings auch das Landesamt für Denkmalschutz ein Auge. Jede Änderung stimmt der Bauherr mit der Behörde ab. Zuletzt wurden zum Beispiel im späteren Wohnzimmer in der oberen Etage große Fenster verbaut, die dem sonst recht dunklen Raum Tageslicht verschaffen sollen. Eindrucksvoll passen sie sich in die Dachschräge ein, erfüllen den Raum mit winterlichem Sonnenlicht. "Ein Jahr lang habe ich allein an diesen Fenstern getüftelt", gibt der Bauherr zu. Die Sprossen laufen genau parallel zum Dachstuhl, die einzelnen Teile sollen von außen das Muster der Dachziegel nachempfinden.

"Wichtig ist vor allem, sich bei solch einem Projekt Zeit zu nehmen", erklärt der Bauherr. Zeitdruck hätte da keinen Platz. "Schließlich hat man viele Ideen - und verwirft sie auch wieder." So hat Murr nach eigener Aussage auch viele Fehler vermieden. Bereuen würde er keine der Entscheidungen, die er bezüglich der Renovierung getroffen hat. Obwohl die unvorhergesehenen Ereignisse sich mit den Jahren gehäuft haben. So wurde der Bauherr unter anderem damit überrascht, dass selbst der Kamin einer Sanierung bedurfte.

Doch je länger sich Murr mit dem Gebäude beschäftigte, desto besser lernte er es auch kennen. Er rekonstruierte die Raumaufteilung, die zum großen Teil beibehalten wird. Er entdeckte, dass im Zuge einer versehentlichen Bombardierung Ergertshausens im Zweiten Weltkrieg auch der Dachstuhl des alten Bauernhauses getroffen worden war. Die geflickten Teile kamen bei er Dachstuhlsanierung zutage.

Das Alter des Hauses wird einem auch bewusst, wenn man das geplante Schlafzimmer im Erdgeschoss betritt. Dort haben die Fachkräfte des Landesamtes die zahlreichen Farbschichten an der Wand abgetragen - 17 waren es insgesamt. Oder wenn man die Stiege in den ersten Stock erklimmt und Gefahr läuft, mit dem Kopf an die niedrigen Balken des Dachstuhls zu stoßen. Trotz der ganzen Arbeit und der Eigenheiten des Hauses ist sich Murr aber sicher: "Ich würde gegen keinen Neubau der Welt tauschen."

2019 ist der Einzug geplant. Nur eine Sache wird Murr vermissen, wenn das Haus dann tatsächlich fertig ist. Von der momentanen Wohnung im Nebengebäude hat die Familie einen wunderbaren Blick über die angrenzenden Obstwiesen, besonders bei Abendsonne. Doch das lässt sich laut Murr verkraften - schließlich ist das auch vom neuen Wohnsitz aus nur ein Katzensprung.

Das nächste große Projekt wird übrigens der Außenputz. Darauf freut sich der Bauherr besonders: "Das wird wieder ein Arbeitsschritt, den man dem Haus deutlich ansieht."Auch die Heizanlage wird bald Thema sein. Im Nebengebäude befindet sich eine Hackschnitzelanlage, die das Haus über Fußboden- und Wandheizung warmhalten soll. Und auch über die Gestaltung von Küche und Bäder zerbrechen sich Murr und seine Freundin momentan den Kopf. Schließlich gibt es da kaum ein historisches Vorbild, nach dem man sich richten kann. "Das alte Bad steht noch auf dem Hof und heißt Plumpsklo", sagt Murr und lacht. Momentan tendieren die beiden deshalb dazu, diese Räume möglichst modern zu gestalten. "Ich will ja auch in keinem Museum wohnen."