Ingolstadt: "Wir sind der Verkehr"
Fröhlicher Ausflug: Bei der jüngsten Critical Mass waren 87 Radfahrer im gesamten Stadtgebiet unterwegs. Sie wollen Aufmerksamkeit erregen und so mehr Rechte für nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer einfordern. Hier geht es auf der Neuburger Straße in Richtung Audi-Kreisel - Foto: Rössle
Ingolstadt

Wenn dieses Radl-Rollkommando auf der Nördlichen Ringstraße die Autos ausbremst, stinkt das so manchem Motorisierten natürlich gewaltig: Der Mann am Steuer eines Audi Q 7 zum Beispiel schaut demonstrativ weg, als die bunte Schar vor der roten Ampel neben ihm hält. Keines Blickes würdigt er sie. Andere Autofahrer reagieren entspannter: Sie winken und hupen munter zurück.

Es ist aber auch wirklich ein lustiger Anblick mit den vielen ungewöhnlichen Fahrzeugen, die von einem ausgeprägten Hang zur Individualität der Besitzer zeugen: Manche von der Marke Eigenbau, etwa mit einem Biertragl als Gepäckträger. Ein Herr im Anzug kommt auf einem rassigen Rennrad daher. Im Liegerad hat es sich ein Typ mit Homer-Simpson-Shirt gemütlich gemacht. Echter Hingucker ist ein kleines Kofferraumrad aus den 1960er Jahren, das Citroën damals auf den Markt brachte. Die 30-jährige Ines liebt ihr Mädchenbike, das über und über mit rosa Hello-Kitty-Motiven beklebt ist. Wegen der Speichenlichter, die nachts beim Fahren grellbunte geometrische Formen oder Bilder projizieren, wurde sie schon mal von der Polizei angehalten. „Aber die hab’ ich überzeugt, dass ich so besser im Dunkeln zu sehen bin.“

Im August vergangenen Jahres startete die erste Critical Mass in Ingolstadt. Seitdem treffen sich die Anhänger der Bewegung jeden letzten Freitag eines Monats um 19 Uhr auf dem Rathausplatz. Es ist eine spontane Aktion, keiner weiß, wie viele kommen. Hauptsache, es sind mehr als 15 Teilnehmer, denn dann gelten besondere Verkehrsregeln: So darf die ganze Kolonne über eine Kreuzung mit Ampel fahren, selbst wenn die zwischenzeitlich auf Rot umschaltet. Das funktioniert tatsächlich, wie sich an der Kreuzung Ettinger Straße/Hindenburgstraße zeigt. Trotz Grün müssen die Autos warten. Für einen Zweirad-Rebellen sind das die schönsten Momente.

Josef erinnert sich an die Wintermonate, als das Teilnehmerfeld überschaubar war: „Im Februar waren wir nur 17 Leute. Da war es am coolsten, aber auch ganz schön gefährlich. Viele Autofahrer sind sich nicht bewusst, dass sie am Steuer einer tödlichen Waffe sitzen.“ Aber auch die Radfahrer seien gefordert, meint der 36-Jährige: „Sie müssen mitdenken und umsichtiger fahren.“

Ein Ziel gibt es nicht bei einer Critical Mass. Wer vorne fährt, der bestimmt die Route, und die anderen folgen. Dieses entspannte Radeln im Pulk vermittelt ein freies, ungezwungenes Gefühl: So ähnlich muss es Vögeln oder Fischen im Schwarm ergehen. Das Tempo ist gemächlich.

Eine der Jüngsten bei diesem Ausflug ist die zehnjährige Naomi. Sie ist mit ihrer Oma unterwegs und findet es toll, mal nicht auf dem Radweg fahren zu müssen. „Gleich kommen wir bei Audi vorbei“, sagt die Großmutter. Die Critical-Mass-Bewegung in Ingolstadt ist ein buntes Sammelsurium: Es haben sich viele junge Leute angeschlossen, etliche aus der kreativen Szene, aber auch ältere Semester – die bevorzugt mit Fahrradhelm. So eine Tour eignet sich bestens als Familienausflug: Christian hat seinen Sohn Fabian mitgenommen, der schläfrig hinten auf dem Kindersitz hockt. Der 33-Jährige ist im Großen und Ganzen zufrieden mit der Situation für Radfahrer in Ingolstadt. Er wünscht sich nur mehr Rücksicht seitens der Autofahrer.

Etwas mehr steht bei Angelika auf der Agenda, die Mitglied des Fahrradclubs ADFC ist: „Es würde mich freuen, wenn sie nicht nur Radfahrer kontrollieren, sondern auch für Radfahrer. Zum Beispiel sind Geh- und Radwege oft vollgeparkt.“ Die Auf- und Abfahrten von Radwegen seien oft holprig: „Die gehören sauber abgeflacht.“

Völlig unsinnig findet es Angelika, dass bei den aktuellen Bürgerwerkstätten, in denen es um Ingolstadts künftige Verkehrsplanung geht, Autofahrer getrennt von Radfahrern und Fußgängern zu Wort kommen. „Wir sind doch gemeinsam auf den Straßen unterwegs.“ Auto- und Radverkehr müssten gleichberechtigt sein, fordert sie. „Es wird viel geredet, aber es wird wenig getan.“

Es lässt sich vortrefflich debattieren bei so einer Critical-Mass-Tour, selbst auf der Neuburger Straße, während sich hinter dem Pulk der Radfahrer eine Autoschlange bildet. Wegen der Pfingstferien herrscht nicht allzu viel Verkehr auf dem Weg zum Westpark, wo sonst Stoßstange an Stoßstange klemmt. „Alle beschweren sich immer über die Staus, anstatt mal umzusteigen“, wundert sich Klaus. „In der Stadt ist das Fahrrad das schnellste Verkehrsmittel. Das sollte man bei den Planungen berücksichtigen.“

Höhepunkt der Fahrt ist der Audi-Kreisel am Westpark mit dem riesigen TT-Modell in der Mitte: Für viele ein Symbol dafür, dass in Ingolstadt das Auto Vorfahrt hat – und zwar nicht nur auf dem Asphalt. Die Radler johlen und klingeln um die Wette. Sogar eine Fansirene tutet. „Wir blockieren nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr“, ruft einer und reckt die Faust in die Höhe.

Gut eine Stunde lange kurvt die kritische Masse kreuz und quer durch die Stadt. Zurück auf dem Rathausplatz kreisen alle mit finalem Gebimmel rund um den Brunnen. Ein paar Männer gönnen sich noch ein Bier. Es werden Kärtchen verteilt mit dem Bild einer geballten Faust auf zwei Rädern – das Logo von Critical Mass. Auf der Rückseite steht: „Radfahren ist ökologisch, leise, lebenswert, platzsparend, ökonomisch, sexy, cool, schnell, gesund, schön, befreiend und macht Spaß.“ Wer kann da noch widerstehen