Ingolstadt: Vergessener Meilenstein
Historischer Ort, den keiner beachtet: Hans Ott (links) und Karl Bauer vom Festungsförderverein werden trotzdem nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass genau unter diesem Gemäuer der Grundstein der Ingolstädter Landesfestung nördlich der Donau gelegt wurde. Rechts im Hintergrund die Fachhochschule. - Foto: Rössle
Ingolstadt
Ein paar hundert Meter weiter hinten in Richtung Glacis gab es am 25. August 1834 einen ähnlichen Aufmarsch von Honoratioren. Es war gleichzeitig der Geburts- und Namenstag von Ludwig I., König von Bayern. Und dieses Datum war nicht minder bedeutend für die Geschichte Ingolstadts: Feldmarschall Karl Philipp von Wrede legte den Grundstein für die Bauten der klassizistischen Landesfestung auf der Nordseite der Donau.

 
"Kein Interesse da"

"Dass die Stadt heute so ist, wie sie ist, hat sie der Festung zu verdanken", daran gibt es für Hans Ott keinen Zweifel. Er ist einer der führenden Männer im Förderverein Bayerische Landesfestung. "In der Bevölkerung und im Stadtrat ist dafür kein Interesse da", kritisiert er die Ingolstädter. Na ja, ein bisschen besser sei es wohl schon geworden, denn unter dem früheren Oberbürgermeister Josef Listl habe noch die radikale Devise gegolten: "Alles mit die roten Stoa muss weg!" Will sagen: Die militärischen Backsteinbauten stören das Bild einer aufstrebenden, modernen Stadt wie Ingolstadt. Apropos Steine. Bei einem Spaziergang mit dem DONAUKURIER auf dem Gießereigelände zeigt Ott ein handfestes Beispiel, wie man mit der historischen Substanz nicht umgehen sollte. An der Mauer, unter der der Grundstein im Boden liegt, sind einige original Ziegelsteine herausgebrochen. "Das Gartenamt schmeißt sie weg, aber die müssten sie aufheben."

Ingenieur und Historiker

Hier also, genau an dieser Stelle, versammelte sich vor 176 Jahren die Prominenz aus Ingolstadt und der bayerischen Armeeführung, um den festlichen Anlass gebührend zu begehen. Wie das damals genau ablief, hat Karl Bauer mit größter Akribie rekonstruiert. Der ehemalige Audi-Ingenieur ist ebenfalls im Förderverein aktiv. Aber damit wäre die Rolle des 76-Jährigen nur sehr unzureichend beschrieben. Denn Bauer hat im Lauf von zwei Jahrzehnten in den einschlägigen Archiven eine solche Fülle von Details über Ingolstadts bauliches Erbe zusammengetragen, dass der Leser nur noch staunen kann. "Aber es geht bei mir immer nur um die Königlich bayerische Landesfestung", schränkt er ein.

Bauer ist durch seine Forschungsarbeiten sicher neben dem früheren Museumschef Ernst Aichner zum profundesten Kenner der Ingolstädter Festungsgeschichte geworden. Aus zeitgenössischen Quellen, die er ausgewertet hat, ist ersichtlich, welcher Aufwand 1834 schon in den Wochen vor dem Festakt getrieben wurde. So vermerkt das Bautagebuch am 9. August 1834: "Vier Steinmetzgesellen bei der Reinbearbeitung des Grundsteins." Da der Stein bereits am 11. August auf einer Rutsche in den Hauptgraben hinabgelassen wird, müssen ihn ab dann nachts zwei Handlanger bewachen. Am 12. August beginnen elf Zimmerergesellen mit dem Bau von Podesten und Brücken sowie den Bänken für die Honoratioren. Weiter berichtet das Bautagebuch: "17 Maurergesellen haben am Mittwoch, dem 20. August 1834, das Fundament für den Grundstein vollendet. Sechs Handlanger waren am gleichen Tage beim Abgleichen verschiedener Stellen auf dem Bauplatze bezüglich auf die Grundsteinlegungs-Feierlichkeiten."

Zwei Tage vor dem Festakt ist alles so weit vorbereitet. Nun geht es ans Saubermachen. Zehn Handlanger und fünf Jugendliche werden am 23. August zum "Ausräumen und Egalisieren in der Kaponniere" eingeteilt, vier Handlanger-Vorarbeiter zur Aufsicht und weitere sechs Mann als "Nachtwache für den Grundstein". Einen zusätzlichen Wachtposten stellt die Königliche Stadtkommandantschaft am alten Feldkirchner Tor.

Alles scheint bisher perfekt zu laufen. Doch dann spielt plötzlich das Wetter verrückt. Ausgerechnet am Abend vor den Feierlichkeiten passiert es. Wegen des um 20 Uhr "ausgebrochenen Donnerwetters, wobei die Böschungen des Hauptgrabens und der Künette durch die Regengüsse an mehreren Stellen ausgewühlt wurden", müssen am 25. August in aller Herrgottsfrühe "zwei Unteraufseher nebst 36 Handlangern" ran, um die Böschungen auszubessern und das Regenwasser abzuschöpfen.

Königs Geburtstag

Dann beginnt der offizielle Teil, den das zeitgenössische Protokoll in feierlichem Ton festhält. "Heute, als an dem hohen Geburts- und Namensfeste Seiner Majestät des Königs Ludwig I. von Bayern, fand morgens zwischen 8 und 11 Uhr ganz nach dem Inhalte des erschienenen Programmes die feierliche Grundsteinlegung statt." Am Nachmittag des 25. August "geruhte der Königliche Bevollmächtigte, Seine Durchlaucht der Fürst und Feldmarschall Wrede in Begleitung der hohen Generalität samt ihren Herren Adjutanten den Bau in Augenschein zu nehmen".

Der vom Protokoll gewürdigte Fürst Wrede steht noch heute als Bronzestatue in der Münchner Feldherrnhalle – übrigens neben dem Grafen Tilly. Sechs Jahre vor der Grundsteinlegung, am 24. August 1828, hatte nicht nur ein Feldmarschall, sondern sogar Seine Majestät selbst Ingolstadt die Ehre gegeben. König Ludwig I. legte den Grundstein für die "Tillyfeste", die Rundbauten Klenzes am Brückenkopf.

Für Festungsforscher Karl Bauer ist es höchste Zeit, dass die Stadt sich endlich darauf besinnt, welche entscheidende Wende durch die vom Militär bestimmte Neugestaltung Ingolstadts herbeigeführt wurde. Sein Textvorschlag für eine Gedenktafel auf dem Gießereigelände: "Hier legte, in der Mitte der Spitze der Grabenkaponniere Nr. 6 der Fronte Raglovich, Seine Exzellenz Feldmarschall Karl Philipp Fürst von Wrede im Auftrag Seiner Majestät des Königs Ludwig I. am 25. August 1834 den Grundstein der Hauptumfassung der Königlich Bayerischen Landesfestung Ingolstadt."

Vor vielen Jahren, erzählt Bauer beinahe resignierend, sei er schon einmal an Ort und Stelle gewesen, und zwar mit dem damaligen Stadtbaurat Klaus Goebl und der Fraktionschefin der CSU, Gudrun Sticht-Schretzenmayr. Ein Ortstermin, der ohne Folgen blieb.