Ingolstadt: Streiten mit Stil
Mit Verlaub, Sie haben Unrecht! Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät wurde am Wochenende zum Parlament - Foto: Rössle
Ingolstadt
Aber die Mimen müssten dennoch eine Vorbildfunktion erfüllen. Und deshalb fordern wir eine Kondompflicht in pornografischen Filmen! Die Regierungsvertreterin Jenny (23) aus Heidelberg  Typ Kristina Schröder assistiert Jakob ähnlich unverkrampft. Nach diversen garantiert nicht jugendfreien Beiträgen zum Zusammenhang zwischen unkonventionellen Sexualpraktiken und deren Visualisierung schließt sie gleichwohl mit einem Appell ans Verantwortungsbewusstsein der Akteure. Pornos schaffen Bezüge zur Realität, daher fordern auch wir die Kondompflicht!

An der Stelle schlägt die Stunde der Opposition. „Jemand, der glaubt, dass das real ist, dem ist eh nicht mehr zu helfen!“, argumentiert Gabor. Julian vermag es sogar, den Redeschwall des stürmischen Wieners kurz zu unterbrechen. Er springt auf. „Sie sprechen hier die ganze Zeit von Vorbildern. Welcher Pornodarsteller ist denn ihr Vorbild“ Für drei Sekunden schweigt der Kondompflichtverfechter und kontert – faktensicher wie gewohnt – mit dem Hinweis auf die Erotikmesse in Nürnberg am selben Wochenende. Da unterbrechen die acht Debattierer in Raum 107 der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät für eine Runde Gelächter. Bei allem Ringen um die originalgetreue Simulation des British Parliamentary Style (also Streiten wie im Unterhaus) ist es nicht einfach, immer ernst zu bleiben.

Aber dieser Spaß gehört dazu bei Wettbewerben der Debattierclubs an den Hochschulen. 55 wortgewaltige Studenten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind am Wochenende in die WFI gekommen, um die Süddeutsche Debattiermeisterschaft auszutragen und sich dabei an Originalität zu übertreffen. Das beginnt schon bei den Namen. Die zwei Teams von der Universität Bayreuth (wo einst Herr zu Guttenberg promoviert hat) nennen sich „Mühevollste Kleinarbeit“ und „Enthält fraglos Fehler“; da lacht der Kenner.

Drei Juroren wachen über die Beachtung der strengen Regeln und küren die Besten. Zur Vorbereitung auf das Thema bleiben nur wenige Minuten, dann geht’s an die Rednerfront: Zwei Duos dafür, zwei dagegen. Jeder spricht sieben Minuten, am Ende reichen sich alle die Hand.

Wie schafft man es, nach so kurzer Präparation derart wortgewaltige Beiträge abzufeuern? Jenny, Jurastudentin aus Heidelberg, verrät es: „Solides Zeitungswissen ist eine Voraussetzung. Okay, bei dem Pornothema ging das eher schlecht.“ Zuerst sollte man für sich allein Argumente sammeln und dann mit dem Partner die Strategie besprechen. Der Philosophiestudent Gabor ergänzt: „Es hilft, sich zu fragen: Wer ist betroffen? Das Individuum? Die Gesellschaft? Diese Punkte arbeitet man ab wie eine Checkliste.“

Ebenfalls wissenswert: „Die Position geht nicht nach Überzeugung. Ob man für oder gegen etwas ist, wird ausgelost.“ Jenny: „Wir hätten problemlos auch für die andere Seite argumentieren können.“

Ernste Themen beherrschen die Studenten genauso souverän wie weniger ernste. „Es ist natürlich lockerer, über Pornos zu diskutieren als über den Internationalen Währungsfonds“, findet Jenny. Viviane, Studentin der Theaterwissenschaft, gibt indes zu bedenken: „Bei spaßigen Themen ist es wichtig, nicht ins Absurde abzudriften.“

Ihr rhetorisches Vorbild? Jenny: „Joachim Gauck!“ Was würde der wohl zur Kondompflicht in Pornofilmen sagen? „Sicher irgendwas mit Freiheit“, glaubt die 23-Jährige. „Mit Freiheit und Verantwortung!“, ergänzt Gabor. „Genau! Und im Osten“, wirft die Elektrotechnikstudentin Katharina ein, um das Argument ganz im Gauckschen Sinne zu vollenden: „Freiheit und Verantwortung im Osten.“

 

Es gewann das Team Debating B aus Heidelberg. Jakob Reiter aus Wien wurde zum besten Redner gekürt.