Vermutlich eine Ahnengalerie stellen diese Kacheln dar, die für die Stube der bayerischen Herzöge im Schloss bestimmt waren.
Ingolstadt
Vor genau 700 Jahren wurde Ingolstadt erstmals für drei Jahre zur Haupt- und Residenzstadt eines bayerischen Teilherzogtums, ehe es 1392 für gut eine halbes Jahrhundert diesen Rang erhielt. Aus ihrer Sicht war dieses Thema bereits erledigt, sagt Beatrix Schönewald, die Leiterin des Stadtmuseums. Mit Bayern-Ingolstadt hatte sich bereits im Jahr 1992 – damals zum 600. Jahrestag – eine große Sonderausstellung im Kavalier Hepp beschäftigt. "Wir hätten nicht gedacht, dass da noch mal was kommt." Wäre es wohl auf absehbare Zeit auch nicht, wenn den Archäologen nicht bei Ausgrabungen in der Konviktstraße ein spektakulärer, weil in Süddeutschland einmaliger Fund gelungen wäre: Sie sicherten eine spätmittelalterliche Keramikwerkstätte mit Ofen, Geräten, Modellen und fertigen Kacheln. "Erstmals können wir Ingolstadt aus der Perspektive eines Handwerksbetriebes zeigen", freut sich Schönewald. 


Man wisse von dem betreffenden Hafner beziehungsweise Töpfer eigentlich nichts, muss die Museumschefin eingestehen. Dafür ist die Werkstatt, in der nachweislich mindestens 80 Jahre lang produziert wurde, komplett erhalten. Zudem gebe es "eine Unmenge an Kacheln", sagt Schönewald. Sie alle beweisen, dass es sich bei dem Betrieb gegen Ende des 15. Jahrhunderts um eine hoch spezialisierte Keramikwerkstätte handelte, die die Ausstattung von Herzogschlössern, des Ingolstädter Münsters und der Universität lieferte. "Der Töpferofen zeigt uns sogar, dass die Künstler in Ingolstadt damals am technischen Fortschritt in Italien einen Anteil hatten", so Schönewald. Das ging hin bis zur Produktion großer Stückzahlen in hervorragender Qualität, so dass die Sonderausstellung den Titel trägt: "Meisterwerke in Serie – Kunst und Handwerk einer Residenzstadt". In Zusammenarbeit mit dem Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim wird der Ofen in mehreren Schritten während der Ausstellung in Ingolstadt wieder aufgebaut.

Gilt sein Fund an der Konviktstraße laut Schönewald schon als spektakulär, so ist das wertvollste Ausstellungsstück geradezu eine Sensation: Mit zwei Millionen Euro ist die Heidelberger Prunkhandschrift "Codex Palatinus Germanicus 146" versichert. Sie ist in den ersten Wochen der Ausstellung, die vom 28. Februar bis 12. September dauert, zu bewundern. Der Psalter – also ein Buch, das Psalmen beinhaltet – ist um 1400 entstanden und laut Schönewald somit gut 100 Jahre vor Luthers Übersetzung der Bibel der erste deutschsprachige Psalter, der eben zudem noch in Ingolstadt geschrieben wurde.

Wie Schönewald betont, liegt aller Verdienst über diese Erkenntnis bei ihrem Vorgänger Siegfried Hofmann, der die Verwandtschaft der Heidelberger Prunkhandschrift mit der Ottheinrich-Bibel aus der Bibliothek von Ingolstadts Herzog Ludwig des Gebarteten (1368 bis 1447) per Internet-Handschriftabgleich festgestellt hat. Somit lässt sich die Entstehungsgeschichte des Psalters in eine der herzöglichen Schreibstuben zurückverfolgen. Von ihm ausgehend wird in der Ausstellung die Entwicklung Ingolstadts zur führenden Bücherstadt Bayerns mit erstklassigen Druckereien erläutert.