Ingolstadt: Mutmacher für ein Leben jenseits religiöser Zwänge
Gehörig verulkt wurden religiöse und insbesondere christliche Rituale während der "Nudelmesse" vor dem Alten Rathaus. Hinten links mit weißem Vollbart Zeremonienmeister Rüdiger Weida. - Foto: Hauser
Ingolstadt

Um es klar zu sagen: Das Vorzeigen sogenannter Reliquien, das Aufsagen abgewandelter christlicher Formeln und das Zelebrieren eines Abendmahls mit Spaghetti und Bier war nichts anderes als Satire - ein Ulk auf alles, was Gläubigen im hergebrachten Sinne wichtig oder gar heilig ist, und in der Tat auch nicht geeignet, Massen zu mobilisieren. Das runde Dutzend Akteure, meistenteils von weit her angereist, und etwa genauso viele Sympathisanten aus der Stadt verloren sich ein wenig bei ihrer "Nudelmesse" vor dem Alten Rathaus. Auch der vorausgegangene Demonstrationszug von der Ditib-Moschee an der Manisastraße bis ins Stadtzentrum, wo kurz vor der Moritzkirche ("Ein Hort des Unglaubens") verharrt wurde, war nur insofern spektakulär, als die kleine Truppe wegen ihrer Piratenfahnen, Kopftücher und Dreispitze den Passanten in der Innenstadt zwangsläufig ins Auge stechen musste.

Die Anhänger des Spaghettimonsters sind in aller Regel Agnostiker oder Atheisten, die sich gegen die Vereinnahmung ganzer Gesellschaften durch die großen Religionsgemeinschaften oder eifrige Sektierer und Fundamentalisten wehren. Insbesondere die sogenannten Kreationisten, die in den USA eine starke Lobby haben und die die Entstehung der Welt als göttlichen Schöpfungsakt aus einem Guss erklären, sind den Freigeistern der Spaghettibewegung ein Dorn im Auge. Sie, allesamt aufgeklärte Bürger mit klarem Blick für die wissenschaftlich (zumindest weitgehend) erklärbaren Zusammenhänge im Universum, wollen mit Hohn und Spott für klerikale Rituale ihren Beitrag dazu leisten, Menschen Mut zu machen für ein freies Leben jenseits religiöser Zwangsvorstellungen.

Gegründet wurde die "Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters" 2005 vom amerikanischen Physiker Bobby Henderson als satirische Gegenbewegung zu eben jenen US-Freikirchen, die die (klar belegbare) Evolutionsgeschichte leugnen. In Deutschland hat die Gruppierung nach Auskunft ihres Vorsitzenden Rüdiger Weida, pensionierter Jugendsozialarbeiter aus dem brandenburgischen Templin, rund 300 Mitglieder, davon etwa 50 in Bayern. In sozialen Netzwerken verfolgen aber angeblich bis zu 20 000 Sympathisanten die Aktionen, von denen die gestrige die erste in Süddeutschland war. Ingolstadt war auserkoren worden, weil man anlässlich einer Einladung des Bundes für Geistesfreiheit zu einem Sommerfest in Geisenfeld am Samstag auch einmal in der nächstgelegenen Großstadt auf sich aufmerksam machen wollte. Am Samstag hatte zudem eine Infoveranstaltung mit der Philosophin und Autorin Daniela Wakonigg (Münster) im Gasthaus Bonschab zu Zielen und Wirkung der Satirekirche 15 Zuhörer angelockt.

Rüdiger Weida ging gestern in seiner "Predigt" vor dem Alten Rathaus vor allem auf ein Urteil des Oberlandesgerichts Brandenburg ein, das der Gruppierung jüngst den Charakter einer Weltanschauungsgemeinschaft abgesprochen hat. Dagegen, so Weida, werde man nötigenfalls bis vors Bundesverfassungsgericht oder gar vor den Europäischen Gerichtshof ziehen.