Ingolstadt: Erst Energiewende, dann Ruhestand
Das Gespräch mit den Kollegen ist das A und O für einen Betriebsrat. Dass Hans Fischer (rechts) immer einen guten Draht zu den Mitarbeitern der Stadtwerke hatte, beweisen seine guten Wahlergebnisse, die er in 30 Jahren bekam - Foto: Rössle
Ingolstadt
„Ich hab am 10. April angefangen“, weiß er noch ganz genau, „vorher war ich im Trainingslager in Montenegro, wir sind am Strand bis zur albanischen Grenze und wieder zurück gelaufen.“ Wer über Fischers Leben berichtet, kommt an dem Sportler nicht ganz vorbei, denn vor 40 Jahren zählte der Ingolstädter zur Spitzengruppe der deutschen 3000-Meter-Hindernisläufer. Und über den Sport kam auch der Kontakt zu Ludwig Wagenhäuser zustande, dem damaligen Direktor der Stadtwerke, der ihn fürs Unternehmen anwarb.

Das Hochhaus der Stadtwerke war bei Fischers Dienstantritt nagelneu. Die Hierarchien waren klar: ein Werkleiter, darunter die Abteilungsleiter für Strom, Gas und Wasser. „Die Chefs haben noch mehr mit der Mannschaft geredet.“ Und die Arbeitertrupps hatten weniger Stress. „Wenn wir in einem eingemeindeten Ort unterwegs waren“, erzählt Fischer, „dann hat’s schon mal eine Brotzeit gegeben.“

Gut organisiert sei die Belegschaft bereits zu dieser Zeit gewesen. Ihre Gewerkschaft hieß ÖTV, heute heißt sie Verdi. Gleich die erste Kandidatur zum Personalrat, wie es früher hieß, war 1982 ein Volltreffer. Fischer wurde nicht nur gewählt, sondern gleich Vorsitzender. „Das war die Unzufriedenheit mit dem Vorgänger“, lautet seine Erklärung.

Der Sprecher der Belegschaft war zu dieser Zeit noch nicht freigestellt, das kam erst Jahre später. Und auch sonst war es nicht üblich, dass der Personalrat sich groß einmischt. „Die waren das nicht gewohnt.“ Im Dezember 1982, da hieß der Chef schon Hans Meck, kam es zu einer turbulenten Personalversammlung im Honoratorsaal. „Meck wurde ausgepfiffen, OB Schnell musste schlichten“, schildert Fischer die Atmosphäre unter den Kollegen. „Es ging um die Gerechtigkeit bei Höhergruppierungen.“

Heute lässt der Betriebsratsvorsitzende auf Meck – er war fast 23 Jahre lang Werkleiter – nichts kommen. „Meck war immer zuverlässig, berechenbar, ehrlich. Da hast du gewusst, woran du bist.“ Bei seinen Nachfolgern sei das nicht immer so gewesen. Manch einer von ihnen habe im Unternehmen nach der Devise regiert „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern!“ Beim derzeitigen Chef Matthias Bolle glaubt Fischer jedoch wieder eine „ähnliche Philosophie wie bei Meck“ zu erkennen, also Verlässlichkeit im Umgang mit den Kollegen. Dass die Stadt vor zehn Jahren fast die Hälfte ihres Versorgungsunternehmens an MVV verkauft hat, hält der Gewerkschafter für einen Fehler. „Heute würde man’s nicht mehr machen. Aber damals gab es eine Privatisierungsorgie in ganz Deutschland.“ Dennoch sei man mit dem Mannheimer Partner insgesamt sehr gut gefahren, glaubt der Betriebsrat, der – „als Arbeitnehmervertreter bis du allein auf weiter Flur“ – auch einen Sitz im gemeinsamen Aufsichtsrat hat.

Fischers letzte Dienstjahre fallen in eine spannende Zeit. Während die Branche die große Energiewende schaffen muss, steuert der immer wieder von den Kollegen bestätigte Betriebsrat auf den Ruhestand Ende 2013 zu. „Ich geb Gas bis zum Schluss“, verspricht er. Und selbst wenn er nicht mehr täglich ins Hochhaus der Stadtwerke geht, werden die Ingolstädter weiterhin von Hans Fischer hören. Dem Eishockey bleibt der Radio-IN-Reporter natürlich noch länger erhalten.